13.03.2026 - Gloria Theater/ Wien

DER NACKTE WAHNSINN - Noises Off

Mit der britischen Farce DER NACKTE WAHNSINN von Michael Frayn setzt das Gloria Theater ein ebenso temperamentvolles wie symbolisch aufgeladenes Zeichen des Neubeginns. Nach dem Tod seines langjährigen Direktors Gerald Pichowetz markiert diese Produktion die Wiedereröffnung des Hauses unter der neuen Intendantin Claudia Rohnefeld und wählt dafür bewusst eine Komödie, die den Theaterbetrieb selbst zum Gegenstand macht, mit Ironie, Präzision und einem liebevoll entlarvenden Blick auf die Mechanismen der Bühne.


Frayns weltberühmte „Tür-auf-Tür-zu“-Satire folgt einer Schauspieltruppe, die zunehmend daran scheitert, Bühne und Privatleben voneinander zu trennen. Das Publikum erlebt zunächst eine chaotische Generalprobe eines Boulevardstücks. Im zweiten Akt kehrt dieselbe Aufführung während einer Tournee wieder, diesmal aus der Perspektive hinter der Bühne. Der dritte Akt schließlich zeigt eine weitere Vorstellung, in der das Ensemble bereits im Zustand des völligen Zerfalls agiert. Eifersucht, Missverständnisse und technische Katastrophen potenzieren sich von Akt zu Akt, während Türen knallen, Sardinen verschwinden und der Regisseur immer verzweifelter versucht, die Kontrolle zu behalten. Das Stück im Stück im Stück gerät so zu einer virtuosen Farce über die Fragilität des Theaterapparats.

Die Regie von Claudia Rohnefeld und Thomas Schreiweis setzt konsequent auf Tempo, Rhythmus und Präzision. Die komplexe Mechanik, minutiös getaktete Auftritte, Türwechsel und Requisitenläufe werden mit sichtbarer Lust an der Übertreibung ausgespielt, ohne je in bloße Überhitzung zu kippen. Aus dem zunächst noch kontrollierten Chaos der Probe entwickelt sich ein Spannungsbogen, der in der finalen Eskalation beinahe anarchische Züge annimmt. Besonders wirkungsvoll erweist sich der Perspektivwechsel hinter die Bühne: Er fungiert nicht nur als dramaturgischer Kunstgriff, sondern legt zugleich die zwischenmenschlichen Konflikte des Ensembles offen und verdichtet sie zu einem feinsinnigen komödiantischen Kammerspiel.

Andreas Steppan

Im Zentrum steht Andreas Steppan, der seine Rolle mit souveräner Bühnenroutine gestaltet. Sein Spiel lebt von präzisem Timing und einer differenzierten Balance zwischen kontrollierter Komik und kalkulierter Übertreibung. Es blitzt auch eine subtile Reminiszenz an seine legendäre Fernsehfigur „Selfman“ auf, deren Mischung aus Selbstüberschätzung und entwaffnender Naivität hier in verfeinerter Form anklingt. Diese Anspielung wirkt jedoch nicht wie ein bloßes Zitat, sondern eher wie eine augenzwinkernde Hommage an eine Figur der österreichischen Fernsehgeschichte zugleich eine charmante Begleitung des Bühnenumbaus.

Steffi Paschke, Christoph Fälbl

Christoph Fälbl erweist sich als verlässlicher Motor der Komik. Mit präziser Rollenführung entwickelt er eine Figur, deren scheinbare Gelassenheit immer wieder von eruptiven Momenten der Verzweiflung durchbrochen wird. Seine Komik entsteht aus der Situation heraus und nicht allein aus der Pointe, ein wesentliches Moment für die dramaturgische Glaubwürdigkeit des Stückes.

Steffi Paschke überzeugt durch markante Bühnenpräsenz. Sie verbindet präzise Textarbeit mit bewusst überzeichneter Gestik, wodurch sie den boulevardesken Charakter der Inszenierung wirkungsvoll akzentuiert. Gerade in den eskalierenden Konflikten der späteren Akte zeigt sie ein feines Gespür für das fragile Gleichgewicht zwischen Komik und Karikatur.

Daniela Lehner, Christoph Fälbl, Peter Faerber, Géza Terner, Pia Strauss

Auch Daniela Lehner setzt markante Akzente. Ihre Figur erscheint zunächst als überzeichnetes Bühnensternchen, entwickelt jedoch im Verlauf des Abends eine zunehmend nervöse, energetische Dynamik.

Peter Faerber bringt eine angenehm trockene Spielweise ein, die als Kontrast zu den lauteren Figuren wirkt. Seine bewusst reduzierte Darstellung eröffnet Raum für subtile Pointen und trägt wesentlich zur rhythmischen Ausbalancierung des Ensembles bei.

Géza Terner, Pia Strauss

Géza Terner überzeugt durch intensive körperliche Präsenz. Sein Spiel nutzt die räumlichen Möglichkeiten der Inszenierung, besonders effektiv und macht ihn zu einem wichtigen Bestandteil der präzise orchestrierten Bühnenmechanik.

Pia Strauss und Xina Ziegler ergänzen das Ensemble mit sichtbarer Spielfreude und klar konturierten Figuren. Beide verstehen es, die emotionalen Verwicklungen der Handlung mit Distanz zu brechen und dadurch zusätzliche komische Spannung zu erzeugen.

Xina Ziegler, Georg Hasenzagl

Georg Hasenzagl schließlich rundet das Ensemble mit einer Darstellung ab, die zwischen stoischer Gelassenheit und eruptiver Verzweiflung oszilliert. Gerade diese Kontraste sorgen für einige der überraschendsten komischen Momente des Abends.

Das Bühnenbild von Robert Notsch erweist sich als zentrales Element der Inszenierung. Die drehbare Kulisse ermöglicht Perspektivwechsel zwischen Vorder- und Hinterbühne und macht zugleich die architektonische Konstruktion der Farce sichtbar. Türen, Treppen und Requisiten werden dabei zu dramaturgischen Instrumenten, die den Rhythmus des Abends präzise strukturieren.

Daniela Lehner, Christoph Fälbl

Die Kostüme von Petra Teufelsbauer unterstreichen den boulevardesken Tonfall der Vorlage. Stilistisch bewegen sie sich zwischen klassischem britischem Theaterklischee und bewusst überzeichnetem Tourneelook, ein visuelles Augenzwinkern, das den humoristischen Charakter der Inszenierung zusätzlich pointiert.

Mit DER NACKTE WAHNSINN gelingt dem Gloria Theater ein Neustart von programmatischer Strahlkraft. Die Produktion feiert das Theater selbst, seine Eitelkeiten, seine Katastrophen und seine unerschütterliche Vitalität. Gerade im Kontext der Wiedereröffnung nach dem Tod von Gerald Pichowetz gewinnt diese Komödie eine zusätzliche, beinahe selbstreflexive Bedeutung.

Das Publikum erlebt damit nicht nur eine präzise getimte Farce, sondern zugleich eine Hommage an die Widerstandskraft des Theaterbetriebs. Oder, ganz im Sinne von Frayns Logik: Nach dem Spiel ist immer vor dem Spiel.

Noch bis 3. Mai zu sehen.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★
              Kritik: Michaela Springer; Fotos: Martin Rehberger

  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive28_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive04_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive05_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive08_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive10_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive13_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive14_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive20_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive21_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive22_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive09_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive26_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive29_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive30_credit-Martin_Rehberger
  • Gloria_Theater_Der_nackte_Wahnsinn_Szenenmotive32_credit-Martin_Rehberger

www.gloria-theater.at



 

 

 

E-Mail
Instagram