Saskia Hirschberg (Autorin), Maik Neumann (Autor)
01. Was Frauen verstehen und Männer nicht sagen
Ein ehrliches Gespräch über unausgesprochene Wünsche, Klischees und darüber, wie echte Nähe entsteht
Verlag: Münchner Verlagsgruppe
Taschenbuch, Softcover
ebenfalls als eBook (epub) und Hörbuch erhältlich
VÖ: 14. Juni 2026 (3. Auflage)
Umfang: 208 Seiten
Alter: o.A.
ISBN Paperback: 978-3-7474-0589-5
ISBN eBook: 978-3-9892-2157-4
Beziehungsratgeber gehören zu den langlebigsten Genres des Sachbuchmarktes. Sie versprechen Orientierung in einer Zeit, in der Partnerschaften zunehmend individuellen Erwartungen statt gesellschaftlichen Vorgaben folgen. Maik Neumann und Saskia Hirschberg greifen dieses Bedürfnis in Was Frauen verstehen und Männer nicht sagen auf und wählen dafür einen ungewöhnlichen Zugang. Statt auf Kapitel voller Handlungsanweisungen setzen sie auf die Form des Gesprächs.
Im Zentrum steht die Begegnung zweier Menschen, die sich fernab des Alltags über Liebe, Nähe, Enttäuschungen und Kommunikationsprobleme austauschen. Die Autoren nutzen diese dialogische Struktur geschickt, um unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Das Buch liest sich dadurch eher wie ein erzählender Essay als wie ein klassischer Ratgeber. Die Figuren fungieren als Projektionsflächen für Erfahrungen, die vielen Leserinnen und Lesern vertraut erscheinen dürften.
Besonders überzeugend ist die Absicht, Verständnis statt Konfrontation zu fördern. Neumann und Hirschberg verzichten weitgehend auf einfache Schuldzuweisungen und zeigen, wie Missverständnisse häufig aus unausgesprochenen Erwartungen entstehen. Gerade in einer gesellschaftlichen Debatte, die oft von Polarisierung geprägt ist, wirkt dieser Ansatz angenehm differenziert. Das Buch plädiert für Zuhören, Offenheit und die Bereitschaft, die Sichtweise des Gegenübers ernst zu nehmen.
Allerdings offenbart sich zugleich die größte Schwäche des Werkes. Bereits der Titel operiert mit einer Gegenüberstellung von Frauen und Männern, die an populäre Geschlechterstereotype anknüpft. Auch wenn die Autoren diese Zuschreibungen im Verlauf ihrer Gespräche teilweise hinterfragen, bleibt die Grundannahme bestehen, dass bestimmte Kommunikationsmuster geschlechtsspezifisch erklärbar seien. Dadurch bewegt sich das Buch stellenweise näher an bekannten Klischees als an einer differenzierten Betrachtung individueller Beziehungen.
Literarisch überzeugt vor allem die atmosphärische Rahmung. Die mediterrane Kulisse verleiht den Gesprächen Leichtigkeit und schafft einen Raum für Reflexion. Gleichzeitig führt die starke Inszenierung dazu, dass manche Dialoge konstruiert wirken und eher der Vermittlung einer Botschaft als der Entwicklung glaubwürdiger Figuren dienen. Wo echte Ambivalenzen zugunsten harmonischer Einsichten zurücktreten, verliert der Text an Tiefe.
Dennoch liegt die Stärke des Buches nicht in wissenschaftlicher Präzision oder literarischer Innovation, sondern in seiner Zugänglichkeit. Es lädt zur Selbstreflexion ein, ohne belehrend zu wirken, und eröffnet Gesprächsanlässe für Leserinnen und Leser, die sich mit Fragen von Partnerschaft und Kommunikation auseinandersetzen möchten.
Was Frauen verstehen und Männer nicht sagen ist ein leicht lesbares, atmosphärisch erzähltes Beziehungsbuch, das auf Verständigung setzt und wichtige Fragen des Miteinanders anspricht. Seine größte Herausforderung besteht darin, die Balance zwischen lebensnaher Vereinfachung und der Komplexität moderner Geschlechter- und Beziehungserfahrungen zu wahren.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Die Autorin:
Saskia Hirschberg, geboren in Aschaffenburg, ist Autorin und veröffentlicht hauptsächlich in den Bereichen Belletristik und unterhaltendes Sachbuch bei großen Publikumsverlagen. Neben eigenen Romanen schreibt sie als Koautorin und Ghostwriterin für zahlreiche Persönlichkeiten aus Kultur, Gesellschaft und Medien. Gemeinsam mit Anna Adamyan (In der Regel bin ich stark), DominoKati (Echt ist mein perfekt) oder Luis Teichmann (Sind wir noch zu retten?) erreichte sie mehrfach die SPIEGEL-Bestsellerliste. Ihre Leidenschaft für Poesie teilt sie auf ihrem Instagram-Kanal @saskiahirschberg.autorin.
Der Autor:
Maik Neumann ist Diplom-Psychologe (LMU München). Seit über 15 Jahren arbeitet er als Unternehmensberater und zertifizierter Coach, spezialisiert auf Perspektivwechsel in Führung und Kommunikation. Sein Fokus: die Überzeugungen und Haltungen, die wir in unsere Rollen mitbringen, ob als Führungskraft, Kollege, Partner oder Kind. Und die Erwartungen, die wir an uns selbst stellen und die andere an uns richten. Denn nur dort lassen sich Denkmuster wirklich durchbrechen und neue Strategien nachhaltig verankern. In Workshops und Gastvorträgen bringt er Menschen dazu, die eigene Rolle klarer zu sehen. Derzeit absolviert er eine Ausbildung zum Psychodramatiker.
Das Buch bei der Münchner Verlagsgruppe
Der musicalcocktail verlost 3x das Buch bis 18.11.2026 !
Antony Johnston (Autor), Barbara König (Übersetzerin)
02. Finde den Mörder: Die Blumen von Elysiu
Ein interaktiver Rätselkrimi - das perfekte Weihnachtsgeschenk für die Zeit zwischen den Jahren
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Paperback
VÖ: 19. November 2025
Umfang: 400 Seiten
Alter: 14
ISBN Paperback: 978-3-596-71177-2
ISBN eBook: 978-3-10-492166-2
Der klassische Detektivroman lebt von der Illusion, gemeinsam mit der ermittelnden Figur den Täter zu überführen. Antony Johnston führt dieses Prinzip in FINDE DEN MÖRDER – DIE BLUMEN VON ELYSIUM konsequent weiter. Nicht ein Detektiv lenkt die Ermittlungen, sondern die Lesenden selbst. Sie verfolgen Spuren, treffen Entscheidungen und bestimmen den Verlauf der Untersuchung.
Im Zentrum des Geschehens steht der rätselhafte Tod des wohlhabenden Geschäftsmanns Harry Kennedy, dessen Leiche unter mysteriösen Umständen im exklusiven Hotel Elysium entdeckt wird. Die Ermittlungen führen durch ein Geflecht aus Verdächtigen, widersprüchlichen Aussagen und verborgenen Hinweisen, die Schritt für Schritt zur Aufklärung des Falls beitragen.
Die Lesenden übernehmen die Rolle des Ermittlers und müssen aus einer Vielzahl von Hinweisen, Verhören und Beobachtungen die entscheidenden Zusammenhänge erkennen. Dabei führen unterschiedliche Entscheidungen zu verschiedenen Ermittlungspfaden und möglichen Auflösungen. Der Fall entwickelt sich nicht linear, sondern entsteht aus dem individuellen Vorgehen der Lesenden.
So wird aus einem Kriminalroman ein interaktives Leseerlebnis, das die Grenze zwischen Literatur und Spiel bewusst überschreitet.
Seine Spannung gewinnt der Roman nicht allein aus der Frage nach der Identität des Täters, sondern vor allem aus dem Prozess des Ermittelns. Jeder Hinweis, jede Schlussfolgerung und jeder Seitenverweis kann den weiteren Verlauf der Handlung verändern. Trotz der Vielzahl möglicher Wege wirkt die Konstruktion bemerkenswert geschlossen. Nie entsteht der Eindruck beliebiger Verzweigungen, vielmehr entfaltet sich ein sorgfältig komponierter Kriminalfall, dessen Einzelteile sich, abhängig von den getroffenen Entscheidungen, zu unterschiedlichen Gesamtbildern fügen.
Gerade hierin liegt die besondere Qualität des Romans. Die aktive Einbindung der Lesenden schärft den Blick für Details und macht erfahrbar, wie eng Wahrnehmung, Interpretation und Schlussfolgerung miteinander verknüpft sind. Johnston fordert Aufmerksamkeit, analytisches Denken und die Bereitschaft, Unsicherheiten auszuhalten, Fähigkeiten, die in der gegenwärtigen Unterhaltungsliteratur nur selten in diesem Maß eingefordert werden.
Seine Sprache ist präzise und funktional, die Dialoge erfüllen vor allem erzählerische Zwecke und treiben die Handlung effizient voran. Auch die Figuren bleiben überwiegend Träger der kriminalistischen Dramaturgie, ihre psychologische Ausarbeitung tritt hinter die Komplexität des erzählerischen Gefüges zurück.
Dennoch überzeugt DIE BLUMEN VON ELYSIUM als ebenso konsequentes wie gelungenes Experiment. Johnston zeigt, dass Interaktivität im gedruckten Buch weit mehr sein kann als die Wiederbelebung eines nostalgischen Spielprinzips. Sie verändert die Rolle der Lesenden grundlegend. Sie folgen der Geschichte nicht nur, sondern gestalten ihren Erkenntnisprozess aktiv mit. Der Kriminalroman kehrt damit zu einer seiner ursprünglichen Qualitäten zurück, der Einladung, Indizien zu prüfen, Hypothesen zu entwickeln und selbst zu ermitteln.
FINDE DEN MÖRDER – DIE BLUMEN VON ELYSIUM ist kein Kriminalroman für die beiläufige Lektüre, sondern ein intelligentes Genreexperiment, das die Möglichkeiten interaktiven Erzählens im Medium Buch überzeugend auslotet. Seine besondere Stärke liegt weniger in sprachlicher Brillanz als in der konsequenten Verbindung von Rätselstruktur, narrativer Konstruktion und aktiver Teilhabe. Gerade darin setzt Antony Johnston einen eigenständigen und bemerkenswerten Akzent innerhalb der zeitgenössischen Kriminalliteratur.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Antony Johnston ist englischer Autor von Kriminalromanen, Graphic Novels und Videospielen, unter anderem »Atomic Blonde« (verfilmt mit Charlize Theron), »Dead Space« und »Resident Evil Village«. Diese Expertise im soghaften prozeduralen Erzählen bringt er bei seinem interaktiven Kriminalroman voll zum Tragen. Antony Johnston sitzt im Videospielausschuss der Writers' Guild of Great Britain und war stellvertretender Vorsitzender der Crime Writers' Association. Er lebt und arbeitet in Lancashire, umgeben von zu vielen Büchern und nicht genug Hunden.
www.antonyjohnston.com
Der musicalcocktail verlost 3x das Buch bis 8.11.2026 !
Freida McFadden (Autorin), Frank Dabrock (Übersetzer)
03. DIE EHEFRAU - Was hat sie zu verbergen?
Thriller
Verlag: HEYNE
Paperback, Klappenbroschur
ebenfalls als eBook (epub) und Hörbuch erhältlich
VÖ: 25. März 2026 (1. Auflage)
Umfang: 416 Seiten
Größe: 13,5 x 20,6 cm
Alter: ab 16
ISBN Paperback: 978-3-453-42810-2
ISBN eBook: 978-3-641-30611-3
Mit DIE EHEFRAU – Was hat sie zu verbergen? entwirft Freida McFadden einen psychologischen Spannungsroman, der das vertraute Motiv der fürsorglichen Ehe in ein beklemmendes Geflecht aus Kontrolle und Abhängigkeit überführt.
Im Zentrum steht Sylvia Robinson, die eine Anstellung als private Pflegekraft im Haus der wohlhabenden Familie Barnett antritt. Ihre Patientin Victoria ist infolge eines Unfalls schwer gezeichnet, bewegungsunfähig, sprachlos und vollständig auf die Fürsorge ihres Ehemanns angewiesen. Die räumliche Konstellation, ein abgelegenes Anwesen, ein Krankenzimmer im obersten Stockwerk, verdichtet sich zu einem hermetisch abgeschlossenen Mikrokosmos, der von Beginn an eine latente Bedrohung evoziert.
Diese vermeintliche Eindeutigkeit gerät jedoch rasch ins Wanken. Subtile Irritationen und widersprüchliche Beobachtungen lassen Zweifel an der Totalität von Victorias Hilflosigkeit aufkommen. Mit dem Fund eines versteckten Tagebuchs setzt eine narrative Verschiebung ein. Die darin versammelten Aufzeichnungen entwerfen ein verstörendes Gegenbild zur sichtbaren Realität und konfrontieren die Lesenden mit grundlegenden Fragen nach Schuld, Täuschung und Kontrolle. Aus dem zunächst klar umrissenen Pflegeverhältnis entwickelt sich ein zunehmend komplexes psychologisches Kräftespiel.
Strukturell basiert der Roman auf dem Prinzip der unzuverlässigen Wahrnehmung, das McFadden durch eine doppelte Perspektivführung erweitert. Die unmittelbare Gegenwart aus Sylvias Sicht wird mit der retrospektiven Innenansicht Victorias verschränkt, vermittelt über das Tagebuch. Diese narrative Anlage erzeugt Spannung weniger durch äußere Handlung als durch die fortlaufende Revision vermeintlicher Gewissheiten.
Im Zentrum der thematischen Auslotung steht das Verhältnis von Abhängigkeit und Macht. Victorias körperliche Immobilität kontrastiert mit der Möglichkeit verborgener Einflussnahme, während Sylvia als scheinbar handlungsfähige Figur zunehmend in ein Geflecht aus Unsicherheit und Manipulation gerät. Die räumliche Enge des Hauses fungiert dabei als symbolischer Resonanzraum dieser Dynamik, ein Ort, der Schutz suggeriert und zugleich Überwachung und Isolation impliziert.
Formal setzt McFadden auf kurze Kapitel, präzise gesetzte Spannungsmomente und eine reduzierte, funktionale Sprache. Diese stilistische Ökonomie verstärkt die Sogwirkung des Textes und unterstützt die kontinuierliche Steigerung der psychologischen Spannung.
Besonders hervorzuheben ist die konsequente Infragestellung tradierter Rollenbilder. Die passive Ehefrau, der fürsorgliche Ehemann, die vermeintlich neutrale Beobachterin, all diese Positionen erweisen sich als instabil und durchlässig. Der Roman dekonstruiert damit nicht nur die Fassade bürgerlicher Ehekonzepte, sondern auch die Erwartung einer eindeutig lokalisierbaren Wahrheit.
DIE EHEFRAU – Was hat sie zu verbergen? erweist sich so als präzise komponierter Psychothriller, der seine Wirkung aus der schleichenden Erosion von Gewissheit bezieht. McFadden gelingt eine dichte, beunruhigende Studie über Wahrnehmung, Manipulation und die Fragilität scheinbar klarer Verhältnisse.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Die Autorin:
Mit ihrer Gabe für überraschende Twists und packende psychologische Spannung ist der US-amerikanischen Ärztin und Bestsellerautorin Freida McFadden in kürzester Zeit der internationale Durchbruch gelungen. Nach dem phänomenalen Erfolg von »Wenn sie wüsste« stürmte sie mit ihren darauf folgenden Thrillern gleich an die Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste. Ihre Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. Freida McFadden lebt mit ihrer Familie in Boston.
© Penguin Random House Verlagsgruppe
Prof. Mag. Barbara Dmytrasz (Autorin)
04. Die Ringstraße
Verlag: Amalthea
gebunden
VÖ: 30. September 2025, 4. überarbeitete und erweiterte Auflage
mit zahlreichen Abbildungen, durchgehend vierfarbig
Umfang: 272 Seiten
Alter: o.A.
ISBN Buch: 978-3-85002-588-1
Wer heute über die Wiener Ringstraße geht, nimmt vor allem das Vertraute wahr. Die Staatsoper, das Parlament, das Rathaus, das Burgtheater und die beiden Museen am Maria-Theresien-Platz gehören zum festen Bild der Stadt. Ihre Präsenz ist so selbstverständlich, dass leicht in Vergessenheit gerät, dass hinter diesem Ensemble ein durchaus konkretes politisches und gesellschaftliches Programm stand. Barbara Dmytrasz richtet in ihrem Buch „Die Ringstraße“ den Blick auf diese Geschichte.
Die Ringstraße ist dabei weit mehr als eine repräsentative Verkehrsachse. Mit dem Abbruch der Stadtbefestigung und der städtebaulichen Entwicklung des Boulevards veränderte sich Wien im 19. Jahrhundert grundlegend. Neue öffentliche Gebäude entstanden, neue gesellschaftliche Gruppen traten selbstbewusster in Erscheinung, und die Stadt begann, ihr modernes Selbstbild auch architektonisch zu formulieren.
Dmytrasz macht deutlich, dass sich dieser Wandel an der Architektur besonders gut ablesen lässt. Die Bauten entlang der Ringstraße waren nicht nur funktionale Gebäude. Sie sollten Eindruck machen, Ordnung vermitteln und gesellschaftliche Bedeutung sichtbar werden. Historische Baustile wurden bewusst eingesetzt, um Institutionen und ihre Ansprüche zu repräsentieren. Hinter der vermeintlich geschlossenen Prachtentfaltung verbirgt sich deshalb ein komplexes Gefüge aus Politik, Gesellschaft und kulturellem Selbstverständnis.
Interessant wird die Darstellung vor allem dort, wo das vertraute Bild des „kaiserlichen Wiens“ nicht als alleinige Erklärung ausreicht. Die Ringstraße war auch Schauplatz des Aufstiegs des Bürgertums. Wirtschaftlicher Erfolg, politische Ambitionen und kulturelle Interessen fanden in diesem neuen Stadtraum ihren architektonischen Ausdruck. Monarchie und Bürgertum standen dabei nicht einfach einander gegenüber, ihre Interessen überschnitten sich, ergänzten sich und gerieten zugleich in Spannung.
Gerade diese Perspektive verhindert, dass die Ringstraße zur bloßen Kulisse einer vergangenen Glanzzeit wird. Ihre Gebäude erzählen auch von einer Gesellschaft, deren traditionelle Ordnung bereits Veränderungen unterworfen war. Die repräsentative Architektur kann deshalb ebenso als Ausdruck von Sicherheit und Macht, wie als Reaktion auf gesellschaftlichen Wandel gelesen werden.
Dmytrasz schreibt verständlich und ohne unnötige fachsprachliche Hürden. Das ist bei einem Thema, das schnell in eine Aufzählung von Bauwerken und Architekten abgleiten könnte, ein Vorteil. Zugleich bleibt die Darstellung dort, wo man sich gelegentlich eine stärker zugespitzte Interpretation wünschen könnte, eher vermittelnd. Das Buch erklärt und ordnet ein, es fordert seine Leser weniger durch kontroverse Thesen als durch den Perspektivwechsel vom bekannten Stadtbild zur historischen Bedeutung des Stadtraums.
Gerade für Wien-Kenner liegt darin ein besonderer Reiz. Vieles, was im Alltag kaum noch Aufmerksamkeit erhält, bekommt einen historischen Hintergrund. Die Ringstraße wird vom vertrauten Weg durch die Stadt zu einem Dokument ihrer Entstehungsgeschichte.
Das Buch eignet sich deshalb weniger als bloßer Reiseführer denn als Anregung, die Stadt mit geschärftem Blick zu betrachten. Wer nach der Lektüre an der Ringstraße entlanggeht, wird die großen Gebäude vermutlich nicht plötzlich neu entdecken. Man wird sie aber anders einordnen, als Teile eines städtebaulichen Projekts, in dem sich die politischen Vorstellungen, sozialen Veränderungen und kulturellen Ambitionen Wiens des 19. Jahrhunderts miteinander verbinden.
„Die Ringstraße“ ist damit eine Einladung, einen der bekanntesten Wiener Stadträume nicht länger nur als historische Kulisse zu betrachten. Dmytrasz zeigt, dass sich hinter der vertrauten Architektur eine Geschichte verbirgt, die von Macht und Repräsentation ebenso handelt wie von Modernisierung, gesellschaftlichem Aufstieg und dem Versuch, einer sich verändernden Stadt ein neues Gesicht zu geben.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Die Autorin:
Prof. Mag. Barbara Dmytrasz, geboren in Wien, studierte Geschichte und Anglistik. Publikationen in Fachzeitschriften, Lehrtätigkeit an der Universität Wien, der AHS und der Pädagogischen Hochschule. Sie veröffentlicht mit der Stadt Wien den Medienkoffer zur Wiener Stadtplanung und leitet das internationale Forschungsprojekt »FUER Geschichtsbewusstsein« in Wien. 2018 wurde ihr die Otto-Glöckel-Medaille für innovative Geschichtsdidaktik verliehen.
Der musicalcocktail verlost 1x das Buch bis 6.11.2026 !
Frank Schwieger (Autor), Ramona Wultschner (Illustratorin)
05. Ich, Julia, und die Menschen aus Pompeji (Band 11)
Live aus der Stadt am Vulkan
Verlag: dtv
gebunden
VÖ: 15. Mai 2026 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub) erhältlich
Umfang: 256 Seiten
Größe: 16,3 cm x 22,8 cm
Alter: ab 10 Jahren
ISBN Buch: 978-3-423-76632-6
ISBN eBook: 978-3-423-44942-7
Historische Lebenswelten zwischen Alltag, Unterhaltung und Katastrophe
Pompeji ist in der kollektiven Erinnerung vor allem mit seinem Untergang verbunden. Frank Schwieger setzt in „Ich, Julia, und die Menschen aus Pompeji“ live aus der Stadt am Vulkan einen bewussten Kontrapunkt. Im Zentrum steht nicht allein die Katastrophe des Jahres 79 n. Chr., sondern das Leben der Menschen, die ihr vorausging. Der Blick richtet sich auf den Alltag einer antiken Stadt, auf soziale Beziehungen, Arbeit, Freizeit und gesellschaftliche Hierarchien. Erst vor diesem Hintergrund gewinnt der Vesuvausbruch seine eigentliche historische Dimension.
Schwieger lässt unterschiedliche Bewohner Pompejis zu Wort kommen. Julia, ein Gladiator, eine Sklavin, Handwerker und weitere Figuren eröffnen jeweils eigene Perspektiven auf die Stadt. Aus diesen Stimmen entsteht ein facettenreiches Gesellschaftsbild, in dem unterschiedliche Lebensbedingungen und soziale Positionen sichtbar werden. Pompeji erscheint dadurch nicht als statische archäologische Kulisse, sondern als lebendiger urbaner Raum. Berufe, Thermen, Theater, Handel, Religion und die berühmten Graffiti werden in den Erzählzusammenhang integriert und vermitteln ein anschauliches Bild des städtischen Lebens.
Eine besondere Stärke des Buches liegt in der Verbindung von fiktionalem Erzählen und historischer Wissensvermittlung. Die Antike wird nicht über eine Abfolge von Daten und Fakten vermittelt, sondern über konkrete Personen und deren Erfahrungen. Historisches Wissen erhält dadurch einen unmittelbaren, lebensweltlichen Bezug. Ergänzende Sachinformationen vertiefen die erzählten Episoden, ohne den Erzählfluss wesentlich zu beeinträchtigen.
Dieses Verfahren hat allerdings auch seine Grenzen. Die Figuren und ihre Begegnungen sind literarische Konstruktionen und dienen der Dramaturgie. Das Buch rekonstruiert historische Lebenswelten, kann und will sie jedoch nicht dokumentarisch abbilden. Gerade für ein junges Publikum ist deshalb die Unterscheidung zwischen historisch belegten Informationen und erzählerischer Ausgestaltung von Bedeutung. Eine noch deutlichere Markierung dieser Übergänge hätte die historische Einordnung zusätzlich geschärft.
Auch die multiperspektivische Anlage erweist sich als ambivalent. Die Vielzahl der Figuren ermöglicht zwar einen breiten Blick auf die Gesellschaft Pompejis, lässt einzelnen Charakteren jedoch vergleichsweise wenig Raum für eine differenzierte Entwicklung. So entsteht weniger eine psychologisch tiefgehende Figurenhandlung als ein gesellschaftliches Panorama. Einzelne Personen fungieren dabei mitunter stärker als Vermittler historischer Informationen denn als eigenständige literarische Charaktere.
Für das gewählte Format ist diese Gewichtung nachvollziehbar, sie begrenzt jedoch die erzählerische Tiefe.
Dramaturgisch überzeugend ist dagegen die allgegenwärtige Präsenz der bevorstehenden Katastrophe. Das Wissen um den späteren Untergang begleitet die Handlung von Beginn an und verleiht selbst alltäglichen Situationen eine unterschwellige Spannung. Der Vesuv wird dabei nicht zum bloßen spektakulären Mittelpunkt, sondern zu einer ständig präsenten Bedrohung. Gerade weil Schwieger zunächst das gewöhnliche Leben seiner Figuren entfaltet, gewinnt dessen Zerstörung an Eindringlichkeit. Die Katastrophe erscheint nicht isoliert, sondern als Einschnitt in eine funktionierende und vielfältige Gesellschaft.
Die Illustrationen von Ramona Wultschner unterstützen diesen Zugang wirkungsvoll. Sie dienen nicht lediglich der Auflockerung des Textes, sondern tragen zur visuellen Rekonstruktion der historischen Lebenswelt bei. Kleidung, Architektur, Berufe und Alltagssituationen werden für die junge Zielgruppe unmittelbar vorstellbar. Damit leisten die Illustrationen einen eigenständigen Beitrag zur historischen Imagination und zur niederschwelligen Wissensvermittlung.
Insgesamt bewegt sich „Ich, Julia, und die Menschen aus Pompeji“ souverän zwischen historischem Jugendroman und erzählendem Sachbuch. Seine Qualität liegt weniger in wissenschaftlicher Detailtiefe als in der Fähigkeit, historische Zusammenhänge über individuelle Lebensgeschichten zugänglich zu machen. Gerade für die kulturelle Bildungsarbeit ist dieser Ansatz interessant. Schwieger reduziert die Antike nicht auf Kaiser, Schlachten und politische Ereignisse, sondern richtet den Blick auf die Menschen und ihre alltäglichen Lebenswelten.
So entsteht ein Pompeji, das über den Moment seiner Zerstörung hinausweist. Die eigentliche Leistung des Buches besteht darin, die Stadt zunächst als Lebensraum erfahrbar zu machen und die Katastrophe erst aus dieser Perspektive zu erzählen. Wo die starke Orientierung an Unterhaltung und Identifikation historische Komplexität zwangsläufig vereinfacht, überzeugt der Band durch Perspektivenvielfalt, Anschaulichkeit und die gelungene Verbindung von Erzählung und Sachinformation. Geschichte wird hier nicht lediglich vermittelt, sondern über konkrete Lebenswelten nachvollziehbar gemacht und damit für ein junges Publikum kulturell und emotional zugänglich.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Frank Schwieger, geboren 1968, wuchs in Holstein auf. Nach einem Latein- und Geschichtsstudium ist er seit 1999 als Gymnasiallehrer tätig. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Rendsburg. Bei dtv sind bereits diverse historische Romane für Kinder und Jugendliche von ihm erschienen.
Die Illustratorin:
Ramona Wultschner studierte Design in Pforzheim und zog dann in ein Örtchen zwischen Düsseldorf und Köln. Von dort aus wirkt sie bei Trickfilmproduktionen, Kinderbüchern und Spieleentwicklungen mit.
Kornelius Taxenbach (Autor)
06. Der tote Panther
Verlag: Novum - Verlag für Neuautoren
Broschur
VÖ: 3. Juni 2025 (1. Auflage)
Umfang: 394 Seiten
Größe: 13,5 cm x 21,5 cm
Alter: ab 18 Jahren
ISBN Buch: 978-3-7116-0632-7
Zwischen Mordfall und emotionaler Abhängigkeit.
Mit DER TOTE PANTHER legt Kornelius Taxenbach ein bemerkenswertes Debüt vor, das den klassischen Kriminalfall mit einer psychologisch grundierten Beziehungsgeschichte verbindet. Im Mittelpunkt steht der Tod eines Unternehmers, dessen Leiche gefesselt und stranguliert in einem Wiener Stundenhotel aufgefunden wird. Kommissar Dirk Lohse und sein Team stoßen bei den Ermittlungen auf ein Geflecht aus heimlichen Beziehungen, sexuellen Fantasien und falschen Identitäten.
Die besondere Stärke des Romans liegt in der Figur Peter Steiner, der eine heimliche Liebesbeziehung mit dem Opfer unterhielt. Gescheiterte Ehe, berufliche Überforderung und emotionale Isolation bilden den Nährboden für eine zunehmend obsessive Bindung. Taxenbach richtet den Blick damit nicht allein auf die Frage nach dem Täter, sondern auch auf die psychologische Dynamik, die einer solchen Tat vorausgeht.
Literarisches Gewicht erhält der Roman durch das Panthermotiv. Steiners Bezeichnung für Traxler verweist unmittelbar auf Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Panther“. Das Bild des gefangenen Tieres wird zum Sinnbild für Steiners eigene innere Gefangenheit, in seiner Vergangenheit, seiner Einsamkeit und schließlich in seiner Fixierung auf Traxler. Der Rilke-Bezug ist dabei mehr als ein literarisches Zitat. Er bildet eine symbolische Klammer, die den Kriminalfall mit der existenziellen Dimension der Figur verbindet.
Die Ermittlungsarbeit mit Mobilfunkdaten, Zeugenaussagen und weiteren Indizien erzeugt eine solide Spannung, bleibt in ihrer Anlage jedoch teilweise den Konventionen des Genres verpflichtet. Reizvoller als das kriminalistische Rätsel ist die psychologische Dynamik der Figuren. Auch die therapeutischen Passagen tragen wesentlich zur Charakterisierung Steiners bei. Dort, wo Taxenbach auf Andeutung und Ambivalenz vertraut, gewinnt seine Erzählung deutlich an Tiefe.
Positiv hervorzuheben ist zudem der differenzierte Umgang mit Sexualität. Homosexuelle Beziehungen und BDSM erscheinen nicht als moralische Problemfelder, sondern als Bestandteile einer Geschichte über Heimlichkeit, Begehren, Besitzdenken und emotionale Abhängigkeit.
Als Erstlingswerk überzeugt DER TOTE PANTHER insbesondere durch seine Ambition, den Kriminalroman um eine psychologische und literarische Ebene zu erweitern. Taxenbach gelingt eine eigenständige Verbindung von Mordermittlung, Beziehungsdrama und Rilkes Panther-Motiv. Nicht die kriminalistische Raffinesse allein macht den Roman interessant, sondern die Frage nach den emotionalen Mechanismen hinter der Tat. Ein vielversprechendes Debüt, dessen literarisches Potenzial vor allem dort sichtbar wird, wo der Autor seinen Figuren Raum für Widerspruch, Sehnsucht und innere Abgründe lässt.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Kornelius Taxenbach, geboren 1967 in Salzburg, studierte in Graz Wirtschaftswissenschaften und arbeitet heute als Unternehmensberater. Der Tote Panther in Anlehnung an Rainer Maria Rilkes Gedicht Der Panther ist der Auftakt zu einer Krimireihe, in welcher der Autor jeweils eine Verbindung zu einem klassischen literarischen Werk herstellt und dieses in einen neuen Kontext stellt. Der Tote Panther ist Taxenbachs Erstlingswerk. Neben seiner neu entdeckten Leidenschaft der Schriftstellerei kocht der Autor gern, treibt Sport und liest viel. Kornelius Taxenbach ist verheiratet und lebt in Wien.
Event-Tipp!
Titel: KRIMI UNTER STERNEN - MORD AN BORD,
Lesung trifft Leinwand - DER TOTE PANTHER
Ort: Badeschiff, 1010, Wien, Wolfgang-Schmitz-Promenade, Donaukanal
Zeit: 19.30 bis 21:00 Uhr
Alter: ab 16 Jahren
Eintritt frei! Jetzt kostenlos teilnehmen
Amy Onn (Autorin)
07. Sherlock Holmes –
Die geheimen Fälle des Meisterdetektivs
Band 6: Blutiger Schnee in Bloomsbury Hill
Verlag: Titania Medien
VÖ: 17. Juli 2026 (1. Auflage)
Alter: ab 14
ISBN Paperback: 978-3-69027-021-2
ISBN eBook: 978-3-69027-020-5
Sherlock Holmes ist längst aus dem historischen Kontext seiner Entstehung herausgetreten und zu einer eigenständigen kulturellen Ikone geworden. Jede neue Geschichte über den Meisterdetektiv muss sich daher an zwei Maßstäben messen lassen, an der Faszination des literarischen Originals und an der Frage, ob sie dem etablierten Kosmos eine eigene Perspektive hinzufügt. „Blutiger Schnee in Bloomsbury Hill“ von Amy Onn, nach Motiven von Arthur Conan Doyle, stellt sich dieser Herausforderung in gelungener Weise. Statt einer Modernisierung setzt der Roman auf das vertraute Ambiente des viktorianischen London und auf die Dramaturgie des klassischen Detektivromans.
Der Fall beginnt mit einem Verbrechen, dessen Dimension sich erst nach und nach erschließt. Ein Archäologe wird ermordet, Mrs. Hudsons Cousine Margery Mapleton verschwindet und die Ermittlungen führen Holmes und Watson in ein Milieu, in dem persönliche Verbindungen und organisierte Kriminalität ineinandergreifen. Aus einem zunächst isoliert erscheinenden Verbrechen entwickelt sich ein Geflecht aus Verdächtigungen, Geheimnissen und bewusst gelegten falschen Fährten.
Seine eigentliche Stärke entfaltet der Roman weniger über spektakuläre Wendungen als über seine Atmosphäre. Bloomsbury Hill erscheint als ein winterliches London, dessen Kälte nicht nur meteorologischer Natur ist. Gesellschaftliche Distanz und die allgegenwärtige Unsicherheit prägen das Geschehen. Der Schnee übernimmt dabei eine doppelte Funktion. Er macht Spuren sichtbar und droht sie zugleich zu verwischen. Damit wird er zum passenden Bild für das zentrale Prinzip des Detektivromans. Die Wahrheit liegt zwar vor Augen, erschließt sich jedoch erst durch genaue Beobachtung und richtige Deutung.
Amy Onn zeichnet Holmes nicht als unfehlbare Denkmaschine, sondern als Ermittler, dessen Erkenntnisse aus Beobachtung, Kombination und Überprüfung entstehen. Seine analytische Überlegenheit bleibt unbestritten, doch gerade der Prozess der Erkenntnis erhält genügend Raum. Watson wiederum wird nicht auf die Rolle des bloßen Stichwortgebers reduziert. Er bildet den menschlichen Gegenpol zu Holmes’ Rationalität und verleiht der Ermittlungsarbeit eine Perspektive, die über reine Logik hinausweist. Die vertraute Dynamik zwischen beiden Figuren gehört damit zu den überzeugendsten Elementen des Romans.
Eine zusätzliche Dimension gewinnt der Fall durch die Einbindung von Mrs. Hudsons familiärem Umfeld. Mit Margery Mapleton wird das Geschehen unmittelbar an die Baker Street und damit an Holmes’ vertraute Lebenswelt gebunden. Die Ermittlungen erhalten dadurch eine persönliche Note, ohne dass der Roman seine kriminalistische Grundstruktur aufgibt. Holmes begegnet dem Fall nicht ausschließlich als distanzierter Beobachter, sondern innerhalb eines sozialen Beziehungsgefüges, das ihm vertraut ist.
Die wohl größte Herausforderung einer neuen Holmes-Geschichte liegt jedoch in der Sprache. Zwischen Hommage und bloßer Imitation verläuft eine schmale Grenze. „Blutiger Schnee in Bloomsbury Hill“ findet hier einen überzeugenden Mittelweg. Der Text bleibt zugänglich und flüssig, ohne den Charakter eines klassischen historischen Kriminalromans aufzugeben.
Gerade diese stilistische Zurückhaltung ist bemerkenswert. Der Roman versucht nicht, Sherlock Holmes psychologisch neu zu vermessen oder die Figur mit gegenwärtigen Deutungsmustern zu überformen. Er akzeptiert die Regeln des Genres und vertraut darauf, dass die klassische Konstellation aus Holmes, Watson, viktorianischem London und einem sorgfältig konstruierten Rätsel auch heute noch trägt.
„Blutiger Schnee in Bloomsbury Hill“ will den Kanon nicht revolutionieren, sondern ihn erweitern. Der Roman bewahrt die historische Anmutung und die vertraute Figurenkonstellation, ohne sich vollständig in nostalgischer Rückschau zu verlieren. Er erinnert daran, dass die Stärke des Holmes-Stoffes nicht allein in seiner historischen Bedeutung liegt, sondern in der nach wie vor funktionierenden Mechanik des klassischen Detektivromans, Beobachtung, Deduktion, Irrtum und Erkenntnis.
„Blutiger Schnee in Bloomsbury Hill“ ist damit ein klassischer Holmes-Fall ohne den Anspruch, das Original übertreffen zu müssen. Seine Qualität liegt in der atmosphärischen Geschlossenheit, der konsequenten Figurenführung und der bewussten Entscheidung für einen traditionellen Erzählmodus.
Darin liegt auch die anhaltende Faszination dieser Figur und die Stärke eines Romans, der sich nicht neu erfinden muss, um den Blick auf den alten Meisterdetektiv erneut zu schärfen.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Bezugsquelle * www.titania-medien.de
Kate Alice Marshall (Autorin), Birgit Schmitz (Übersetzerin)
08. EISNEBEL
Thriller
Verlag: Piper
Klappbroschur
VÖ: 28. November 2025 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub) erhältlich
Umfang: 432 Seiten
Größe: 13,6 cm x 20,5 cm
Alter: ab 16 Jahren
ISBN Buch: 978-3-492-06564-1
ISBN eBook: 978-3-492-61099-5
Mit EISNEBEL entwirft Kate Alice Marshall einen präzise komponierten, psychologisch aufgeladenen Thriller, der soziale Spannungen, brüchige Erinnerung und latente Bedrohung in einem konsequent abgeschlossenen Setting bündelt.
Im Zentrum steht Theodora, die ihren Verlobten Connor in dessen wohlhabende Familie begleitet. Schauplatz ist ein abgelegenes, luxuriöses Anwesen in winterlicher Berglandschaft, eine Szenerie, die zugleich idyllisch und abweisend wirkt. Von Beginn an bleibt Theo eine Fremde. Die Daltons begegnen ihr mit unverhohlener Skepsis, unterschwelliger Feindseligkeit und einer sozialen Kälte, die sich weniger in offenen Konflikten als in subtilen Gesten der Ausgrenzung manifestiert.
Parallel dazu verdichten sich die beunruhigenden Vorfälle. Theo erhält anonyme Drohungen, fühlt sich beobachtet und wird von wiederkehrenden Albträumen heimgesucht. Zunehmend gewinnt sie den Eindruck, bereits früher auf dem Anwesen gewesen zu sein, eine Ahnung, die sich ihrer Einordnung entzieht. Ihre eigene Biografie bleibt lückenhaft. Als Adoptivkind verfügt sie nur über fragmentarische, traumartig verzerrte Erinnerungen an ihre Herkunft und ihre leibliche Mutter. Während die Spannungen innerhalb der Familie eskalieren, beginnt Theo, nicht nur das Anwesen, sondern auch die Konstruktion ihrer eigenen Vergangenheit infrage zu stellen. Die Handlung steuert auf die Enthüllung eines verdrängten Geheimnisses zu, das individuelle und familiäre Ebenen eng miteinander verschränkt.
Das isolierte Anwesen fungiert als hermetischer Raum, in dem soziale Hierarchien und psychologische Dynamiken unter Druck geraten. Es ist weit mehr als bloße Kulisse. Das Anwesen wird zum Resonanzraum von Exklusion und Macht. Die winterliche Landschaft verstärkt diesen Effekt, indem sie visuell wie symbolisch Abschottung erzeugt und jede Form von Flucht oder Distanz erschwert.
Erzählerisch dominiert eine personale Perspektive, die eng an Theodoras Wahrnehmung gebunden ist. Diese erweist sich jedoch als unzuverlässig, Erinnerungslücken, Traumsequenzen und emotionale Überforderung verzerren die Wahrnehmung und destabilisieren jede Gewissheit. Marshall nutzt diese Strategie gezielt, um Spannung nicht allein aus äußeren Ereignissen zu generieren, sondern aus epistemischer Unsicherheit. Was ist real, was verdrängt, was bewusst verschwiegen?
Thematisch verhandelt der Roman zentrale Motive des Genres, soziale Ungleichheit, psychisches Trauma und die Konstruktion von Identität durch Erinnerung. Die Drohungen gegen Theo fungieren als narrative Triebkraft, während die eigentliche Dynamik aus der schrittweisen Selbstannäherung der Protagonistin entsteht.
So gelingt es dem Roman, eine dichte, kontinuierlich ansteigende Spannung aufzubauen. Besonders überzeugend ist die Verschränkung von äußerer Bedrohung und innerer Desorientierung, die Theodoras Perspektive trägt. EISNEBEL erweist sich damit als atmosphärisch starker Thriller, der weniger durch radikale Originalität als durch präzise kalkulierte Spannungsführung und ein wirkungsvolles Setting überzeugt.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Die Autorin:
Kate Alice Marshall ist eine US-amerikanische Thriller- und Mystery-Autorin. Sie ist bekannt für ihre spannungsgeladenen Erzählungen und komplexen Charaktere, die bisher vor allem jugendliche Leser begeisterten. Marshall lebt im pazifischen Nordwesten der USA und widmet sich neben dem Schreiben dem Gärtnern und Gaming. Mit „Eisnebel“ erscheint ihr erster Thriller für Erwachsene auf Deutsch.
Website der Autorin * Das Buch beim PIPER Verlag
Rita Falk (Autorin)
09. Steckerlfischfiasko
Ein Provinzkrimi - Teil 12
Verlag: dtv Verlag
Taschenbuch
VÖ: 18. Juni 2026 (3. Auflage)
Umfang: 304 Seiten
Größe: 12,2 x 19,1 cm
Alter: k.a.
ISBN Taschenbuch: 978-3-423-22144-3
ISBN: Paperback: 978-3-423-26377-1
ISBN eBook: 978-3-423-44343-2
»Was glaubens, was hier los ist, wenn die Presse Wind davon kriegt?«
Die Story:
Wegen dem Golfclub ist Niederkaltenkirchen eh schon gespalten wie ein Holzscheit, aber jetzt liegt auch noch der Steckerlfischkönig höchstselbst und mausetot in der clubeigenen Spa-Landschaft. Der Franz ermittelt unter dubiosen Volksfestclans und golfenden Schickimickiarschlöchern, während seine Susi ganz andere Pläne hat: Sie kandidiert als Bürgermeisterin, was beim aktuellen Dorfoberhaupt hochgradig nervöse Zuckungen auslöst …
Die Autorin:
Rita Falk wurde 1964 in Oberammergau geboren. Ihrer bayrischen Heimat ist sie bis heute treu geblieben. Mit ihren Provinzkrimis um den Dorfpolizisten Franz Eberhofer und ihren Romanen ›Hannes‹ und ›Funkenflieger‹ hat sie sich in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser geschrieben – weit über die Grenzen Bayerns hinaus. 2023 erhielt Rita Falk den Bayerischen Verdienstorden für das »augenzwinkernde und gleichzeitig liebevolle Porträt ihrer bayerischen Heimat« in den beliebten Eberhofer-Krimis.
Der musicalcocktail verlost 3x das Buch im Zuge des Kinostarts von STECKERLFISCHFIASKO - beendet !
... zur Kinoaktion
Alexander Peer (Autor)
10. 111 ORTE IM PINZGAU, die man gesehen haben muss
Verlag: Emons Verlag GmbH
Broschur
VÖ: 14. April 2022
Umfang: 240 Seiten
zahlreiche Abbildungen
mit Fotografien von Christine Peer-Valenta
Größe: 13,5 x 20,5 cm
Alter: k.A.
ISBN Buch: 978-3-7408-1199-0
Mit 111 ORTE IM PINZGAU, DIE MAN GESEHEN HABEN MUSS unternimmt Alexander Peer den Versuch einer ebenso ambitionierten wie leserfreundlichen Kartografie einer Region, die im touristischen Diskurs allzu häufig auf ihre alpinen Postkartenmotive reduziert wird. Der Pinzgau erscheint hier nicht als bloße Landschaftskulisse, sondern als komplexer Kulturraum, dessen historische Tiefenschichten, sozialen Eigenheiten und randständigen Phänomene in 111 pointierten Miniaturen freigelegt werden.
Der Band folgt der bewährten Dramaturgie der Reihe, kurze, prägnante Texte, die jeweils einen Ort, ein Objekt oder eine Begebenheit ins Zentrum rücken. Gerade in dieser formalen Beschränkung liegt jedoch seine ästhetische Produktivität. Peer gelingt es, mit sprachlicher Präzision und einem feinen, bisweilen ironisch gebrochenen Ton Verdichtungen zu erzeugen, die über das rein Informative hinausreichen. Neben kanonischen Sehenswürdigkeiten treten unscheinbare, mitunter skurrile Schauplätze, deren Bedeutung sich erst durch die literarische Rahmung erschließt.
Ein besonders instruktives Beispiel für Peers Gespür für das Periphere ist das sogenannte „Kirchenklo“. Die Episode kreist um eine scheinbar marginale Infrastruktur im Umfeld eines sakralen Raums und entwickelt daraus eine überraschende Reflexionstiefe. Was zunächst als Kuriosum erscheint, erweist sich als analytischer Hebel. Das „Kirchenklo“ wird zur Chiffre für die Verschränkung von Körperlichkeit und Spiritualität, von alltäglichem Bedürfnis und religiöser Ordnung. Der vermeintlich profane Ort irritiert die Aura des Sakralen, ohne sie gänzlich zu suspendieren.
Ähnlich produktiv operiert der Text zur Figur der Kümmernis, jener bärtigen, gekreuzigten Heiligen, die zwischen Legende und Ikonografie oszilliert. Peer nutzt dieses Motiv, um Verschiebungen religiöser Bildtraditionen sichtbar zu machen und zugleich die Einschreibung gesellschaftlicher Projektionen, etwa im Spannungsfeld von Geschlecht, Frömmigkeit und Devianz offenzulegen.
Mit der Einbindung von Virginia Hill erweitert der Band seinen Horizont in Richtung transnationaler Verflechtungen. Die Präsenz der US-amerikanischen Gangsterwelt im alpinen Raum erscheint hier nicht als bloße Anekdote, sondern als Symptom einer überraschenden historischen Durchlässigkeit. Hill fungiert als emblematische Figur einer schillernden, von Rückzug geprägten Zwischenwelt.
Auch der Verweis auf Clark Gable und dessen im Schloss Mittersill aufbewahrten Golfbag verdichtet internationale Film- und Prominenzgeschichte in einem materiellen Relikt. Das Schloss wird zum Erinnerungsort einer Epoche, in der sich der alpine Raum als exklusives Refugium globaler Eliten inszenierte, der Golfbag fungiert dabei als pars pro toto einer spezifischen Kultur der Distinktion.
Solche Beispiele machen deutlich, dass Peer konsequent mit Brüchen operiert, zwischen Hochkultur und Alltagsgeschichte, zwischen lokaler Verankerung und globalen Referenzen. Aus diesen Spannungen bezieht der Band seine eigentümliche Dynamik und unterscheidet sich damit signifikant von konventionellen Reiseführern.
Bemerkenswert ist die Balance zwischen fundierter kulturhistorischer Recherche und subjektiver Perspektivierung. Peer entgeht der Falle eines bloßen Kuriositätenkabinetts, indem er seine Auswahl immer wieder in größere Deutungszusammenhänge einbettet. Fragen von Identität, Erinnerungskultur und regionaler Selbstinszenierung bleiben dabei stets präsent, ohne didaktisch ausgestellt zu werden. Zugleich bewahrt der Text eine Zugänglichkeit, die ihn auch als praktischen Begleiter vor Ort brauchbar macht, eine Gratwanderung, die innerhalb des Genres keineswegs selbstverständlich ist.
Kritisch bleibt anzumerken, dass die notwendige Kürze der einzelnen Beiträge bisweilen zu einer gewissen Skizzenhaftigkeit führt. Nicht alle Miniaturen entfalten ihr erzählerisches oder analytisches Potenzial in gleicher Intensität, punktuell wäre eine stärkere thematische Bündelung oder vertiefende Kontextualisierung wünschenswert gewesen, um dem Band zusätzliche Stringenz zu verleihen.
Dennoch überzeugt das Buch durch seine programmatische Haltung. Es plädiert für eine entschleunigte, aufmerksame Wahrnehmung einer Region, die sich jenseits stereotyper Zuschreibungen erschließt. Peer gelingt es, den Pinzgau als kulturelles Gefüge sichtbar zu machen, in dem Vergangenheit und Gegenwart, Natur und menschliche Gestaltung in einem produktiven Spannungsverhältnis stehen.
Christine Peer-Valenta steuert so einige wunderbare Bilder bei, welche das Buch auflockern und bereichern.
So erweist sich 111 ORTE IM PINZGAU, DIE MAN GESEHEN HABEN MUSS weniger als klassischer Reiseführer denn als literarisch fundierte Einladung zur Schärfung des Blicks ein Buch, das nicht nur Wege weist, sondern Wahrnehmungsweisen verschiebt.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Alexander Peer lebt seit 2004 als freier Autor, Journalist und Referent in Wien. Er schreibt regelmäßig Essays, Rezensionen und Reportagen zu Literatur, Architektur und Philosophie. Dem Pinzgau ist der gebürtige Salzburger seit seiner Kindheit verbunden.
www.peerfact.at
Die Fotografin:
Christine Peer-Valenta war nach Studien in Germanistik und Geographie langjährig in der Privatwirtschaft tätig. Nach Wohnsitz in Salzburg-Stadt dient der Kosmopolitin und begeisterten Fotografin heute Wien und Zell am See als Angelpunkt für vielfache Reisen und Erkundungen sowohl weltweit als auch zu den geheimen Plätzen des Pinzgaus.
Walter M. Weiss (Autor)
11. 111 ORTE IM AUSSEERLAND, die man gesehen haben muss
Verlag: Emons Verlag GmbH
Broschur
VÖ: 14. April 2022
Umfang: 240 Seiten
zahlreiche Abbildungen
Größe: 13,5 x 20,5 cm
Alter: k.A.
ISBN Buch: 978-3-7408-1464-9
Mit 111 ORTE IM AUSSEERLAND, DIE MAN GESEHEN HABEN MUSS legt Walter M. Weiss einen Band vor, der sich souverän zwischen klassischem Reiseführer und kulturjournalistischer Miniaturensammlung positioniert. Das etablierte Konzept der „111 Orte“-Reihe basiert auf pointierten, meist zweiseitigen Porträts, die Bekanntes mit Entlegenem verschränken. Im Falle des Ausseerlands, einer Region, die gleichermaßen von touristischen Klischees wie von literarischer und historischer Aufladung geprägt ist, erweist sich dieses Format als besonders ergiebig, bleibt jedoch nicht frei von Ambivalenzen.
Weiss gelingt es, die topografische wie kulturelle Vielschichtigkeit der Region prägnant sichtbar zu machen. Zwischen Trachtenkultur, k. u. k.-Erinnerungslandschaften und alpiner Gegenwart entfaltet sich ein Panorama, das sowohl Einheimischen als auch kulturinteressierten Reisenden neue Perspektiven eröffnet. Überzeugend sind vor allem jene Passagen, in denen der Autor mikrohistorische Details freilegt, kleine Anekdoten, randständige Ereignisse oder biografische Splitter, die den porträtierten Orten narrative Tiefenschärfe verleihen. Hier tritt die journalistische Erfahrung von Weiss deutlich hervor, in präziser Beobachtung und pointierter Verdichtung.
Stilistisch präsentiert sich der Band durchweg zugänglich, gelegentlich jedoch von einer gewissen Gleichförmigkeit geprägt. Die strikte Binnenstruktur der Beiträge, Einführung, Anekdote, Pointe, schafft zwar Orientierung, führt jedoch mitunter zu formelhaften Wiederholungen. Dort, wo Weiss diese Struktur aufbricht und essayistische Freiräume nutzt, gewinnt der Text deutlich an literarischer Qualität und Differenzierung.
Auch visuell fügt sich der Band nahtlos in die Reihe ein. Großzügige Fotografien, klare Typografie und ein übersichtliches Layout unterstützen sowohl das assoziative Blättern als auch die gezielte Lektüre. Die Bildauswahl begleitet die Texte funktional, bleibt jedoch überwiegend illustrativ und entwickelt nur selten eine eigenständige interpretative Ebene.
Insgesamt erweist sich 111 ORTE IM AUSSEERLAND, DIE MAN GESEHEN HABEN MUSS als solider, stellenweise inspirierender Beitrag zur populären Reisekultur, der insbesondere durch Detailfreude und fundierte regionale Kenntnis überzeugt, zugleich jedoch in seiner formalen Strenge und analytischen Zurückhaltung auch Grenzen des Formats sichtbar macht.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Walter M. Weiss, geboren und wohnhaft in Wien, bereist den Orient – und insbesondere den Iran – seit über 30 Jahren intensiv und publiziert darüber häufig in namhaften Medien und Verlagen. Über den Iran, durch den er auch regelmäßig Studienreisen leitet, sind von ihm unter anderem mehrere Text-Bild-Bände, ein politisches Sachbuch über Geschichte und Gegenwart sowie eine literarische Anthologie erhältlich. Insgesamt hat er mehr als 100 Sach- und Reisebücher veröffentlicht.
www.wmweiss.com
Jo Nesbø (Autor), Günther Frauenlob (Übersetzer)
12. MINNESOTA
Kriminalroman
Verlag: Ullstein
Hardcover mit Schutzumschlag
VÖ: 2. Jänner 2026
ebenfalls als eBook (epub) erhältlich
Umfang: 416 Seiten
Alter: 16
ISBN Buch: 978-3-550-20309-1
ISBN eBook: 978-3-843-73724-1
MINNESOTA ist weit mehr als ein klassischer Kriminalroman. Zwar greift der norwegische Bestsellerautor auf die vertrauten Motive von Gewalt, Schuld und moralische Ambivalenz zurück, doch entwickelt sich daraus ein düsteres Gesellschaftsporträt, das die amerikanische Provinz zum Spiegel existenzieller Verwerfungen macht. Der Titel bezeichnet dabei nicht nur den geografischen Schauplatz, sondern steht zugleich für Isolation, emotionale Erstarrung und die fragile Fassade gesellschaftlicher Ordnung.
Die Story:
Im Minnesota des Jahres 2016 lebt der Ermittler Bob Oz nach dem Tod seiner kleinen Tochter in einem Zustand permanenter innerer Zerrüttung. Die Trauer entfremdet ihn von seiner Frau und treibt ihn zunehmend in die Isolation. Nur die kompromisslose Polizeiarbeit verleiht seinem Leben noch Struktur. Als Minneapolis von einer Serie brutaler Morde erschüttert wird, übernimmt Oz die Ermittlungen. Der Täter hat es gezielt auf Drogenbosse und Waffenhändler abgesehen, agiert mit kalkulierter Präzision und scheint den Behörden stets einen Schritt voraus zu sein. Während Oz versucht den Täter zu stellen, gerät er selbst immer tiefer in ein Netz aus Gewalt, Rache und Täuschung, in dem die Grenzen zwischen Verfolger und Gejagtem zunehmend verschwimmen.
Im Zentrum des Romans stehen Figuren, die zwischen familiären Loyalitäten, sozialem Druck und verdrängter Vergangenheit gefangen sind. Jo Nesbø interessiert sich dabei weniger für die klassische Auflösung eines Verbrechens als für die psychologischen Mechanismen, die Menschen in Extremsituationen antreiben. Seine Figuren handeln selten heroisch, sie sind beschädigt, widersprüchlich und von einer latenten Verzweiflung geprägt. Gerade darin entfaltet der Roman seine größte Stärke. Die Charaktere wirken nicht wie dramaturgische Konstruktionen, sondern wie Menschen, die in einer Gesellschaft emotionaler Sprachlosigkeit allmählich den Halt verlieren.
Auch formal bleibt Nesbø einer präzisen, reduzierten Erzählweise treu. Die Handlung entwickelt sich mit kontrollierter Langsamkeit und verzichtet weitgehend auf spektakuläre Effekte. Stattdessen erzeugt der Roman eine Atmosphäre schleichender Bedrohung. Fragmentarische Episoden, Rückblenden und Perspektivwechsel verdichten sich zu einem beklemmenden Gesamtbild. Die nüchterne Sprache verstärkt dabei die emotionale Wirkung vieler Szenen, weil Gewalt nie effekthascherisch inszeniert wird, sondern als Konsequenz sozialer und psychischer Prozesse erscheint. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Roman seine verstörende Glaubwürdigkeit.
Thematisch kreist MINNESOTA um Schuld, männliche Selbstbilder und die Fragilität gesellschaftlicher Ordnung. Besonders eindringlich gelingt Nesbø die Darstellung toxischer Männlichkeit. Viele seiner Figuren definieren sich über Kontrolle, Stärke oder wirtschaftlichen Erfolg und zerbrechen letztlich an genau diesen Erwartungen. Daraus entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der emotionale Kommunikation kaum noch möglich scheint und Gewalt zur Ersatzsprache geworden ist.
So überzeugt der Roman vor allem als literarisch ambitionierte Studie menschlicher Abgründe. Nesbø nutzt die Struktur des Thrillers nicht primär zur Spannungserzeugung, sondern als Mittel, um gesellschaftliche Desillusionierung und existenzielle Einsamkeit sichtbar zu machen. Die nachhaltige Wirkung des Buches liegt weniger in seiner Handlung als in seiner Atmosphäre, Minnesota hinterlässt keine einfachen Antworten, sondern ein Gefühl tiefgreifender Unruhe, das weit über die letzte Seite hinaus nachhallt.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Jo Nesbø, 1960 geboren, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Er gehört zu den renommiertesten und erfolgreichsten Krimiautoren weltweit. Jo Nesbø lebt in Oslo. Seine Bücher sind in 51 Sprachen übersetzt und haben sich über 60 Millionen mal verkauft, sie wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet.
Dirk Stermann (Autor)
13. Die Republik der Irren
Ein historischer Roman über den verrücktesten Staat der Geschichte
Verlag: Rowohlt Hundert Augen
gebunden
VÖ: 16. September 2025
ebenfalls als eBook (epub) und Hörbuch (argon Verlag) erhältlich
Umfang: 304 Seiten
Alter: 14
ISBN Buch: 978-3-498-00745-4
ISBN eBook: 978-3-644-02298-0
Dirk Stermann unternimmt in seinem Roman DIE REPUBLIK DER IRREN einen mutigen literarischen Versuch. Er verknüpft eine weitgehend übersehene historische Episode mit einem scharf konturierten Panorama aus politischer Groteske, leiser Melancholie und präziser Satire. Entstanden ist ein Text, der zugleich irritiert, fasziniert und nachhaltig verstört.
Im Mittelpunkt steht die Besetzung Fiumes nach dem Ersten Weltkrieg, jedoch nicht als heroische Erzählung, sondern als Schauplatz kollektiver Entgleisung. Stermann treibt diese Ausgangslage mit einem markanten Kunstgriff voran. Sein Erzähler Cherubino, ein nüchterner Krankenpfleger, erhält den Auftrag, einen Patienten aus einer Nervenklinik nach Fiume zu überführen, wo dieser in Gabriele D’Annunzios kurzlebigem Staatsprojekt eine politische Funktion übernehmen soll. Die Idee eines von Exzentrikern zusammengehaltenen Experimentalregimes entfaltet Stermann mit fast protokollarischer Klarheit, ein aufschlussreicher Kontrast zur anarchischen Szenerie, die er beschreibt.
Gerade diese kontrollierte Distanz bildet eine der großen Stärken des Romans. Stermann verweigert sich jeder grellen Zuspitzung des Absurden. Stattdessen zeigt er, wie politische Machtgesten und individuelle Verwirrung ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken. Der Humor entsteht nicht aus pointierten Effekten, sondern aus der bitteren Erkenntnis, wie schnell ein gesellschaftliches Gefüge ins Irrationale kippen kann. Durch Cherubinos zurückhaltende Beobachtungen entsteht ein gedämpfter Grundton, ein literarischer Resonanzraum, in dem das Ungeheuerliche mit beinahe beiläufiger Selbstverständlichkeit aufscheint.
Doch nicht jeder Teil dieses Konzepts trägt gleichermaßen. Die bewusst verlangsamte Erzählweise erzeugt zwar eine dichte Atmosphäre, nimmt der Handlung aber phasenweise den Vortrieb. Manche Passagen wirken, als würden sie eher registriert als gestaltet. Diese formale Strenge ist konsequent, verlangt aber Durchhaltevermögen. Cherubino Wahrnehmungen sind präzise, doch emotional bleibt er eine Projektionsfläche, eine Stimme ohne klaren Umriss.
Trotz dieser Brüche erweist sich DIE REPUBLIK DER IRREN als ein beeindruckendes literarisches Statement. Der Roman ist kein lautes Werk, sondern eines, welches das Groteske durch Reduktion freilegt. Stermann interessiert sich weniger für dokumentarische Genauigkeit als für die inneren Widersprüche politischer Visionen für jene Momente, in denen Ideale entstehen, obwohl die logische Grundlage längst erodiert ist. Das Buch zeigt, wie schmal die Grenze zwischen Überzeugung und Selbsttäuschung sein kann.
So präsentiert sich DIE REPUBLIK DER IRREN als bedeutender Beitrag zur literarischen Auseinandersetzung mit politischer Radikalisierung, inszenierter Realität und dem ungebrochenen Reiz utopischer Experimente. Ein Roman, der auf einfache Antworten verzichtet, dafür aber eine Fülle unbequemer Fragen stellt und gerade deshalb lange nachhallt.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Dirk Stermann, geboren 1965 in Duisburg, lebt seit 1987 in Wien. Er zählt zu den populärsten Kabarettisten und Fernsehmoderatoren Österreichs und ist auch in Deutschland durch Fernseh- und Radioshows sowie durch Bühnenauftritte und Kinofilme weit bekannt. 2016 erschien sein Roman Der Junge bekommt das Gute zuletzt, und NDR Kultur urteilte: «Ein lustiger deutscher Medienstar, der als österreichischer Romancier sehr ernst genommen werden sollte.» 2019 folgte Der Hammer und 2022 Maksym.
Dirk Stermann, geboren 1965 in Duisburg, lebt seit 1987 in Wien. Er zählt zu den populärsten Kabarettisten und Fernsehmoderatoren Österreichs und ist auch in Deutschland durch Fernseh- und Radioshows sowie durch Bühnenauftritte und Kinofilme weit bekannt. 2016 erschien sein Roman «Der Junge bekommt das Gute zuletzt», 2019 «Der Hammer» und 2022 «Maksym». «Mir geht‘s gut, wenn nicht heute, dann morgen.» erreichte in den österreichischen Bestseller-Charts den Spitzenplatz.
Beate Maxian (Autor)
14. Tod im Wiener Rathaus
Ein Wien-Krimi
Verlag: Goldmann
Taschenbuch, Klappenbrosch.
Originalausgabe
VÖ: 22. April 2026 (1. Auflage)
Umfang: 352 Seiten
Größe: 12,5x18,7 cm
Alter: 14
ISBN TB: 978-3-442-49676-1
ISBN eBook: 978-3-641-32844-3
Mord im altehrwürdigen Wiener Rathaus. Der sechzehnte Fall für die Journalistin Sarah Pauli.
TOD IM WIENER RATHAUS verbindet den klassischen Ermittlungsroman mit einer präzisen gesellschaftlichen Gegenwartsdiagnose und führt seine Leser tief in die politischen, medialen und sozialen Machtstrukturen Wiens.
Im Zentrum steht die Journalistin Sarah Pauli, die nach einem mysteriösen Mord im Wiener Rathaus gemeinsam mit Chefinspektor Martin Stein die Ermittlungen aufnimmt. Die Spuren führen zu anonymen Onlinekampagnen, persönlichen Abhängigkeiten und verborgenen Konflikten innerhalb der Wiener Gesellschaft. Mit fortschreitender Handlung wird deutlich, dass nicht allein physische Gewalt zerstörerisch wirkt, sondern ebenso digitale Hetze, öffentliche Vorverurteilung und mediale Manipulation.
Gerade diese Verbindung aus kriminalistischer Spannung und gesellschaftlicher Aktualität zählt zu den großen Stärken des Romans. Beate Maxian gelingt es, Wien nicht lediglich als dekorative Kulisse einzusetzen, sondern als atmosphärisch verdichteten Raum voller Schichten, politischer Symbolik und sozialer Spannungen.
Sarah Pauli agiert zwar souverän und glaubwürdig, bleibt in ihrer Entwicklung jedoch weitgehend statisch. Auch zahlreiche Nebenfiguren erfüllen primär dramaturgische Funktionen, ohne über größere emotionale oder psychologische Tiefe zu verfügen. Dadurch wirken manche Konflikte eher konstruiert als organisch aus den Figuren heraus entwickelt.
Besonders gelungen ist hingegen die gesellschaftliche Dimension des Romans. Maxian zeigt eindringlich, wie digitale Manipulation, Gerüchte und öffentliche Diffamierung Existenzen nachhaltig beschädigen können. Damit erweitert sie ihre Krimireihe um eine zeitgenössische Perspektive auf Medienmacht, soziale Kontrolle und die Dynamik öffentlicher Empörung. Verbrechen erscheint hier nicht ausschließlich als individuelle Tat, sondern als Symptom gesellschaftlicher Mechanismen und kollektiver Eskalation.
Insgesamt erweist sich TOD IM WIENER RATHAUS als routiniert erzählter, atmosphärisch dichter Kriminalroman mit starkem Wien-Bezug und hoher gesellschaftlicher Aktualität. Zwar schöpft Beate Maxian die psychologischen Möglichkeiten ihres Stoffes nicht vollständig aus, dennoch überzeugt der Roman durch seine Spannung, seine urbane Atmosphäre und seine präzise Beobachtung gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen.
4 von 6 Sternen: ★★★★ Kritik: Michaela Springer
Die Autorin:
Die gebürtige Münchnerin Beate Maxian verbrachte ihre Jugend in Bayern und im arabischen Raum, bevor sie sich in Österreich niederließ und sich verschiedenen Projekten im Film-, Medien- und Event-Bereich widmete. Neben der Kinderliteratur gilt die Leidenschaft der zweifachen Mutter dem Kriminalroman und sie hat bereits erfolgreich mehrere in Österreich angesiedelte Krimis veröffentlicht. 2008 war sie Jury-Mitglied beim Friedrich-Glauser-Preis und von 2009-2011 Organisatorin der Glauser-Jury in der Sparte Roman. Des Weiteren ist sie die Initiatorin und Organisatorin des ersten österreichischen Krimifestivals: Krimi Literatur Festival.at
Homepage der Autorin * Das Buch beim Goldmann Verlag
Rudi Anschober (Autor)
15. ERMUTIGUNG
Erfolgsgeschichten für eine bessere Welt
Verlag: Carl Ueberreuter Verlag
Hardcover
VÖ: Februar 2026 (1. Auflage)
Umfang: 220 Seiten
Größe: 14,6cm x 22cm
Alter: o.A.
ISBN: 978-3-8000-7842-4
Rudi Anschober zeigt inspirierende Beispiele aus aller Welt, die zeigen, wie positive Veränderungen gelingen können. Er gibt realistische Hoffnung für morgen.
Dieses Buch versammelt fundierte Beispiele für gelungene Veränderung in Politik, Umwelt und Gesellschaft – faktenbasiert und konstruktiv.
ERMUTIGUNG versteht sich weniger als klassische politische Analyse denn als moralischer Appell. Der ehemalige Gesundheits- und Sozialminister Rudi Anschober entwirft darin ein Gegenmodell zur gesellschaftlichen Erschöpfung der Gegenwart, Optimismus als Haltung, Empathie als politische Praxis und Solidarität als demokratische Notwendigkeit. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung trifft das Buch damit einen empfindlichen Nerv der Zeit.
Eine besondere Stärke des Bandes liegt in seiner persönlichen Tonlage. Anschober schreibt nicht aus der distanzierten Perspektive eines politischen Beobachters, sondern als unmittelbarer Beteiligter. Besonders überzeugend sind jene Passagen, in denen konkrete Begegnungen, gesellschaftliche Initiativen oder individuelle Formen des Engagements geschildert werden. Hier entfaltet ERMUTIGUNG jene Wärme und Glaubwürdigkeit, die bereits der Titel programmatisch ankündigt.
Auch stilistisch bewegt sich das Buch bewusst im Grenzbereich zwischen Essay, persönlichem Erfahrungsbericht und politischem Appell.
Die Relevanz von ERMUTIGUNG liegt daher weniger in seiner theoretischen Tiefenschärfe als vielmehr in seiner gesellschaftlichen Funktion. Das Buch artikuliert ein politisches Selbstverständnis, das sich demonstrativ gegen Zynismus, Resignation und gesellschaftliche Verhärtung richtet. In einer Öffentlichkeit, die zunehmend von Empörung, Krisendiskursen und Polarisierung geprägt ist, beharrt Anschober auf der Möglichkeit kollektiver Handlungsfähigkeit. Gerade diese Beharrlichkeit verleiht dem Buch seine politische Wirkungskraft.
So bleibt ERMUTIGUNG ein durchaus ambivalenter Beitrag, rhetorisch zugänglich, menschlich glaubwürdig und gesellschaftspolitisch von erkennbarer Ernsthaftigkeit getragen. Wer eine tiefgreifende politische Diagnose oder systematische Analyse erwartet, dürfte enttäuscht sein. Wer hingegen ein persönliches Plädoyer für gesellschaftlichen Zusammenhalt sucht, findet hier einen ernsthaften und diskussionswürdigen Beitrag zur gegenwärtigen Debattenkultur.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Rudi Anschober, geboren 1960 in Wels, nach Tätigkeiten als Pädagoge und Journalist 13 Jahre in Parlamenten und 18 Jahre in Regierungen, zunächst in Oberösterreich und während der Pandemie als Gesundheits- und Sozialminister. Seit 2022 ist Anschober Autor zweier Bestseller, Vortragender und Berater. Er lebt heute in Wien.
Das Buch beim ueberreuter Verlag
Friedrich Arnold (Autor)
aus der Reihe "Nix wie los!"
16. Wandern für Ausgeschlafene
70 gemütliche Touren rund um Wien
Verlag: Kral-Verlag
Taschenbuch
VÖ: 2025 (aktualisierte Neuauflage)
Umfang: 216 Seiten
zahlreiche Abbildungen
Größe: 21 x 13 cm
Alter: o.A.
ISBN: 978-3-99103-309-7
Mit WANDERN FÜR AUSGESCHLAFENE setzt Friedrich Arnold einen bewussten Kontrapunkt zur im zeitgenössischen Outdoor-Diskurs verbreiteten Verklärung des Frühaufstehens. Der programmatische Titel ist dabei mehr als eine ironische Geste gegenüber alpinistischen Leistungsidealen, er markiert den Ausgangspunkt einer kulturkritischen Reflexion über das Zusammenspiel von Naturerfahrung, gesellschaftlichen Zeitordnungen und den Imperativen der Selbstoptimierung.
Arnolds Zugang ist konsequent antiasketisch angelegt. Wandern erscheint nicht als Übung in Disziplin und Effizienz, sondern als Praxis der Entschleunigung und der vertieften Wahrnehmung. Die sorgfältig komponierten Kapitel verbinden essayistische Überlegungen mit konkreten Routenvorschlägen, deren moderate Anforderungen und bewusst verschobene Tagesrhythmen gängige Erwartungen unterlaufen. Der Verzicht auf den frühen Aufbruch wird so als ästhetische Entscheidung lesbar, die zugleich neue Formen der Erkenntnis und Erfahrung eröffnet.
Dieses Programm konkretisiert sich in 70 Routen, gegliedert in fünf thematische Abschnitte, die allesamt von Wien aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Das Spektrum reicht von stadtnahen Wegen im Wiener Prater über die Waldlandschaften rund um Sparbach bis hin zu kulturhistorisch geprägten Regionen wie Petronell-Carnuntum und Bad Deutsch-Altenburg. Im Fokus stehen dabei weniger spektakuläre Gipfelerlebnisse als vielmehr differenzierte Landschaftsräume und Übergangszonen, die eine andere, weniger zielgerichtete Form des Unterwegsseins ermöglichen.
Stilistisch überzeugt Arnold durch eine gelungene Verbindung von feuilletonistischer Leichtigkeit und analytischer Genauigkeit. Seine Sprache ist klar und differenziert, ohne an Zugänglichkeit einzubüßen, und zeugt von fundierter Kenntnis sowohl der topografischen Gegebenheiten als auch ihrer kulturhistorischen Einbettung. Reflexion und praktische Anleitung greifen dabei ineinander und verstärken sich gegenseitig.
WANDERN FÜR AUSGESCHLAFENE erweist sich als eigenständiger Beitrag zur aktuellen Outdoor-Literatur, der etablierte Narrative nicht frontal infrage stellt, sondern subtil verschiebt. Indem Arnold den frühen Aufbruch als kulturell geprägte Praxis sichtbar macht, öffnet er den Blick für alternative Formen der Naturerfahrung. Für eine Fachöffentlichkeit bietet das Buch damit eine differenzierte und anregende Auseinandersetzung mit den ästhetischen und gesellschaftlichen Dimensionen des Wanderns.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Friedrich Arnold, Jahrgang 1941, ist Kultur- und Sagenwanderer und Langschläfer aus Überzeugung. Als Beamter im Ruhestand ist er begeisterter Bergsteiger und Wanderer und vermittelt die Schönheit seiner Heimat als Organisator der Wiener Weinwandertage.
Er ist Autor zahlreicher Wander- und Themenführer u..a.: Wandern mit der ganzen Familie: Rings um Wien, Wienerwald, Wiener Hausberge; Zauber der Thermenregion; Wiener Weinwanderwege.
Cover (c) Kral Verlag, Kral GmbH
Sebastian Fitzek (Autor)
17. DIE THERAPIE
Psychothriller
Verlag: Droemer HC
Hardcover
VÖ: 2. März 2026
ebenfalls als eBook (epub) und Hörbuch (Argon Verlag) erhältlich
Umfang: 336 Seiten
Alter: ab 16 Jahren
ISBN HC: 978-3-426-57053-1
ISBN TB: 978-3-426-63309-0
ISBN eBook: 978-3-426-55481-4
Das brillante Thriller-Debüt von Sebastian Fitzek jetzt als Hardcover-Sonderausgabe
Sebastian Fitzeks 2006 erschienenes Thriller-Debüt DIE THERAPIE inszeniert ein raffiniert konstruiertes Spiel mit Wahrnehmung, Erinnerung und psychischer Desintegration. Dabei bewegt sich der Text bewusst im Spannungsfeld zwischen literarischem Anspruch und den kalkulierten Erwartungen eines breiten Publikums, das vor allem auf narrative Dynamik und Suspense ausgerichtet ist.
Im Zentrum steht der angesehene Psychiater Viktor Larenz, dessen Tochter unter ungeklärten Umständen verschwindet. Jahre später lebt er zurückgezogen auf einer Nordseeinsel, wo ihm eine Patientin begegnet, die von Wahnvorstellungen berichtet, Visionen, die auffällige Parallelen zum Schicksal seiner Tochter aufweisen. Bereits diese Ausgangskonstellation deutet Fitzeks zentrale Erzählstrategie an, eine systematische Verunsicherung der Realitätsebenen, die sich im Verlauf der Handlung zunehmend verdichtet und schließlich ineinander verschiebt.
Formal überzeugt der Roman durch eine straffe, beinahe filmische Dramaturgie. Kurze Kapitel und konsequent gesetzte Cliffhanger erzeugen ein hohes Erzähltempo und halten die Spannung konstant aufrecht. Diese stilistische Ökonomie gehört zu den prägnantesten Stärken des Textes, da sie die Lesenden in einen permanenten Erwartungszustand versetzt. Gleichzeitig tritt jedoch eine gewisse Reduktion der psychologischen Differenzierung zutage. Die Figuren erscheinen mitunter weniger als komplexe Individuen denn als funktionale Träger der Handlung. Insbesondere Viktor Larenz bleibt stärker Projektionsfläche für das zentrale Thema, die Fragilität subjektiver Wirklichkeitskonstruktion, als eigenständig konturierte Persönlichkeit.
Inhaltlich verhandelt DIE THERAPIE zentrale Motive wie Trauma, Schuld und Verdrängung. Die therapeutische Rahmensituation fungiert dabei nicht nur als dramaturgischer Motor, sondern auch als metaphorischer Resonanzraum für die Frage nach der Zuverlässigkeit von Erinnerung. Fitzek greift bekannte Versatzstücke des psychologischen Thrillers auf und variiert sie durch eine gezielt irreführende Erzählperspektive, deren Tragweite sich erst im finalen Twist vollständig erschließt.
Sprachlich bleibt der Roman klar und zugänglich, konsequent auf Effizienz und Wirkung hin ausgerichtet. Literarische Ambivalenzen oder stilistische Experimente treten zugunsten einer zielgerichteten Narration in den Hintergrund. Entsprechend liegt die Qualität des Textes weniger in sprachlicher Eigenwilligkeit als in der präzisen Konstruktion seiner Handlung.
So erweist sich DIE THERAPIE als exemplarischer Vertreter des modernen Unterhaltungsthrillers: ein Text, der mit kalkulierter Spannung und dramaturgischer Präzision arbeitet. Seine Stärke liegt im Tempo und in der strukturellen Anlage, während er in der Figurenpsychologie und sprachlichen Ausdifferenzierung hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Gerade diese Spannung zwischen erzählerischer Raffinesse und formelhafter Zuspitzung macht den Roman jedoch zu einem aufschlussreichen Beispiel für die Funktionsweisen populärer Spannungsliteratur.
Das Buch beim DROEMER-KNAUR-Verlag
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Sebastian Fitzek, geboren 1971 in Berlin, ist einer der erfolgreichsten Autoren Deutschlands. Er studierte Jura, promovierte im Urheberrecht und arbeitete als Programmdirektor für verschiedene Radiostationen in Deutschland. Seit 2006 schreibt Fitzek Psychothriller, die allesamt zu Bestsellern wurden. Sein erster Roman „Die Therapie“ eroberte innerhalb kürzester Zeit die Bestsellerliste und wurde als bestes Krimidebüt für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert.
Fitzeks Bücher wurden bisher in 36 Sprachen übersetzt und weltweit über 20 Millionen Mal verkauft. Viele davon sind inzwischen erfolgreich verfilmt – so wurde „Die Therapie“ als sechsteilige Miniserie für Prime Video produziert und stieg sofort auf Platz 1 der meistgesehenen deutschsprachigen Sendungen ein. Zudem ist Sebastian Fitzek für seine spektakulären Buchvorstellungen bekannt, die er als Shows inszeniert - im Herbst 2024 brach er mit der "Größten Thriller Tour der Welt" alle Zuschauerrekorde.
Sebastian Fitzek wurde als erster deutscher Autor mit dem Europäischen Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet. Er ist Preisstifter des Viktor Crime Awards und engagiert sich als Schirmherr für den Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ e.V.
Er lebt mit seiner Familie in Berlin.
www.facebook.de/sebastianfitzek.de Insta: @sebastianfitzek
Kelly Mullen (Autorin), Katharina Naumann (Übersetzerin)
18. DIE EINLADUNG -
Mord nur für geladene Gäste
Kriminalroman
Verlag: Rowohlt
Taschenbuch
VÖ: 16. September 2025
ebenfalls als eBook (epub) und Hörbuch (argon Verlag) erhältlich
Umfang: 400 Seiten
Alter: 14
ISBN-13 Taschenbuch: 978-3-499-01640-0
ISBN-13 eBook: 978-3-644-02218-8
Kelly Mullen legt mit „DIE EINLADUNG – Mord nur für geladene Gäste“ einen Kriminalroman vor, der sich bewusst in die Tradition des klassischen Landhauskrimis einreiht und diesem vertrauten Genre zugleich eine zeitgemäße Note verleiht. Entstanden ist ein atmosphärisch dichtes, durchwegs unterhaltsames Werk, das seine Vorbilder kennt, ohne sich von ihnen gänzlich bestimmen zu lassen.
Die Story:
Im Mittelpunkt stehen Mimi MacLaine und ihre Enkelin Addie, zwei ungleiche Frauen, die unversehens in eine undurchsichtige Affäre geraten. Eine mysteriöse Einladung führt sie in ein abgelegenes Anwesen, dessen Bewohnerinnen und Bewohner kaum weniger rätselhaft erscheinen als die Gastgeberin, die kurz nach ihrer Ankunft tot aufgefunden wird. Ein aufziehender Schneesturm versiegelt das Haus und setzt den vertrauten Mechanismus des isolierten Settings in Gang.
Mullen inszeniert diese Ausgangslage mit sicherem Gespür für Tempo, Stimmung und dramaturgische Akzente, das traditionsreiche Motiv des eingeschlossenen Personenkreises entfaltet ein nostalgisch gefärbtes, zugleich ansprechend zeitloses Flair.
Besondere Stärke gewinnt der Roman durch das Zusammenspiel der beiden Protagonistinnen. Mimi, eine verwitwete Grand Dame mit scharfem Blick und trockener Schlagfertigkeit, sorgt für humorvolle Reibungen. Addie bringt jugendliche Ungeduld, technisches Know-how und eine gewisse Spontaneität ein. Die Dynamik zwischen beiden trägt den Roman zuverlässig, auch wenn die Figurenzeichnung an manchen Stellen eher skizzenhaft bleibt. Mullen eröffnet zwar Potenziale für tiefere Konfliktlinien, nutzt sie jedoch nur stellenweise aus.
Der Bauplan des Krimis orientiert sich am klassischen Muster, Dialoge, Verdachtsmomente, wohl dosierte Enthüllungen. Mullen verzichtet bewusst auf drastische Effekte und vertraut stattdessen auf ironische Brechungen, situativen Witz und das Vergnügen des Miträtselns. Für Leserinnen und Leser, die einen unaufgeregten, stimmungsgetragenen Kriminalroman bevorzugen, bietet dieser Ansatz eine willkommene Alternative zum oft reißerischen Gegenwartsangebot.
Als Beitrag zum traditionellen Detektivroman bleibt das Buch über weite Strecken konventionell, jedoch handwerklich überzeugend. Es zeigt, wie dauerhaft tragfähig die Motive des Genres sind, wenn sie sorgfältig und mit einem feinen Gefühl für Atmosphäre arrangiert werden. „Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste“ erweist sich damit als souverän komponierter Landhauskrimi, der bewährte Muster aufgreift, leichtfüßig variiert und letztlich ein rundum vergnügliches Leseerlebnis bietet.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Die Autorin:
Kelly Mullen ist Autorin, Produzentin und Marketingmanagerin. Ihre kreative Arbeit für Marken wurde mit über fünfzig Preisen ausgezeichnet, als leitende Produzentin hat sie unter anderem den für den Oscar nominierten Film Trumbo und den Dokumentarfilm Dads verantwortet. Kelly Mullen ist in Iowa geboren, heute lebt sie mit ihrem Mann und einigen geretteten Katzen in London.
Eva Gruber (Autorin)
19. stille Wasser - weite Berge - goldener Wein
Wanderungen im Osten Österreichs
Verlag: Styria
Broschur
VÖ: 7. Mai 2005 (1. Auflage)
Umfang: 192 Seiten
Größe: 14,5 x 20,5 cm
Alter: o.A.
ISBN: 978-3-222-13682-5
Eva Grubers Band „stille Wasser, weite Berge, goldener Wein“ bewegt sich souverän an der Schnittstelle von Wanderliteratur, kulturhistorischem Essay und poetischer Landschaftserkundung. Die Autorin versammelt darin Routen durch den Osten Österreichs, verfolgt jedoch dezidiert nicht das Ziel eines klassischen Outdoor-Guides. Stattdessen unternimmt sie den Versuch, Landschaft als kulturellen Erfahrungsraum lesbar zu machen, ein Ansatz, der die besondere Qualität des Buches ausmacht, zugleich aber auch dessen Grenzen markiert.
Grubers Prosa zeichnet sich durch eine spürbare Nähe zu ihren Schauplätzen aus. In ruhigem, präzisem Ton entfaltet sie dichte Atmosphären, in denen Wälder, Weinberge und Flusslandschaften nicht als bloße Kulissen erscheinen, sondern als Speicher von Erinnerung, Geschichte und regionaler Identität. Besonders überzeugend sind jene Passagen, in denen sich genaue Naturbeobachtung mit kulturhistorischen Exkursen verbindet. Burgruinen, alte Handelswege und lokale Erzähltraditionen werden organisch in die Texte integriert und verleihen den beschriebenen Wanderungen eine zusätzliche Tiefenschärfe. Daraus entsteht eine bewusst entschleunigte Erzählhaltung, die sich der Effizienzlogik konventioneller Wanderführer entzieht.
Die Konzentration auf Ostösterreich erweist sich dabei als programmatische Stärke. Während weite Teile der alpinen Literatur auf spektakuläre Gipfelpanoramen setzen, richtet Gruber den Blick auf leisere Topografien, sanfte Höhenzüge, Wasserläufe, Kellergassen und Übergangszonen zwischen Natur- und Kulturlandschaft. Das vermeintlich Unspektakuläre gewinnt auf diese Weise literarische Kontur und Eigenwert. In diesen Momenten entfaltet der Band seine größte Originalität.
Gleichwohl gerät die poetische Verdichtung bisweilen zur Schwachstelle. Einzelne Passagen neigen zu einer Überästhetisierung, die nahe an eine romantisierende Verklärung von Natur heranreicht. Konfliktfelder wie Tourismusdruck, Bodenversiegelung oder ökologische Transformationsprozesse bleiben weitgehend ausgespart. Dadurch entsteht mitunter ein idealisiertes Bild ländlicher Räume, das gesellschaftliche und ökologische Spannungen ausblendet.
Auch formal oszilliert das Buch zwischen literarischem Anspruch und praktischem Nutzen. Zwar sind die Angaben zu Wegführung und Organisation verlässlich, treten jedoch deutlich hinter die essayistischen und reflexiven Teile zurück. Leser mit Erwartung an einen funktionalen Wanderführer könnten die Gewichtung zugunsten von Stimmung und Deutung als ausufernd empfinden. Umgekehrt bleibt die Sprache bewusst zugänglich und vermeidet experimentelle Verfahren, was manchen Texten eine gewisse Vorhersehbarkeit verleiht.
In der Gesamtbetrachtung überzeugt der Band dennoch durch seine klare Haltung. Wandern erscheint hier nicht als sportliche Leistung, sondern als kulturelle Praxis der Aufmerksamkeit. Gruber gelingt ein Buch, das Landschaft nicht konsumiert, sondern betrachtet, erinnert und erzählt. Gerade im Kontext einer zunehmend beschleunigten, medial inszenierten Reisekultur entfaltet dieser zurückhaltende Zugriff seine eigentliche Relevanz.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Die Autorin:
Eva Gruber wuchs in einer Bergsteigerfamilie im Schwarzatal auf, studierte Germanistik und Anglistik in Wien, startete ihre Berufslaufbahn im Art-Brut-Center „Haus der Künstler“ in Maria Gugging und war anschließend im Verlagswesen tätig. Seit 2007 setzt sie sich als Autorin und Landartistin mit dem Thema Naturlandschaft auseinander – in Form von Fußreisen, Landart-Installationen im öffentlichen Natur-Raum, Publikationen, Ausstellungen und Vorträgen. Sie lebt in Gloggnitz und auf Reisen.
www.eva-gruber.com
Im Styria Verlag von Eva Gruber bereits erschienen: „Semmering,Rax, Schneeberg. Die schönsten Wanderungen in den Wiener Alpen“.
Gabriel García Márquez (Autor), Dagmar Ploetz (Übersetzerin)
20. Wir sehen uns im August
Roman
Verlag: S. FISCHER Verlage
Taschenbuch, Broschur
VÖ: 24.09.2005 (1. Auflage)
Umfang: 144 Seiten
Alter: ab 14
ISBN: 978-3-596-71194-9
Mit WIR SEHEN UNS IM AUGUST erscheint ein bislang unveröffentlichtes Manuskript von Gabriel García Márquez, das nahezu zehn Jahre nach dem Tod des kolumbianischen Nobelpreisträgers von seinen Söhnen zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Der posthum erschienene Roman eröffnet einen eindringlichen Blick auf das späte Schaffen eines der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts.
Im Zentrum der Erzählung steht Ana Magdalena Bach, eine Frau mittleren Alters, verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder. Jahr für Jahr reist sie am 16. August allein auf eine kleine Insel, auf der ihre Mutter begraben liegt. Die wiederkehrende Reise ist längst zu einem ritualisierten Rückzug geworden, eine Unterbrechung ihres geordneten Alltags, aber zugleich auch ein Raum der Selbstbefragung. Während Ana Magdalena über ihr vergangenes Leben reflektiert, beginnt sich ihr Verhältnis zu Ehe, Begehren und persönlicher Freiheit schleichend zu verändern.
Márquez verbindet in diesem schmalen Werk zentrale Themen seines literarischen Kosmos: Liebe, Vergänglichkeit, Einsamkeit und die Unausweichlichkeit des Alters. Die Handlung entfaltet sich in einer stillen, beinahe traumartigen Atmosphäre, getragen von poetischer Sprache und melancholischer Intensität. Gerade die Reduktion der äußeren Handlung lenkt den Blick auf die inneren Bewegungen der Figur und verleiht dem Roman seine besondere emotionale Dichte.
Dass das Manuskript unvollendet blieb, ist beim Lesen spürbar. Einige erzählerische Linien wirken skizzenhaft, das Ende setzt abrupt ein. Dennoch mindert dies nicht die Faszination des Textes. Vielmehr entsteht der Eindruck eines literarischen Fragments, das weniger auf narrative Geschlossenheit als auf Stimmung, Erinnerung und existentielle Fragen zielt. Gerade in seiner Offenheit entfaltet der Roman eine eigentümliche Kraft.
WIR SEHEN UNS IM AUGUST ist daher nicht nur eine literarische Veröffentlichung von historischem Interesse, sondern auch ein bewegendes Dokument des späten Denkens von Gabriel García Márquez, ein leiser, nachdenklicher Abschiedstext über Sehnsucht, Identität und die Vergänglichkeit des Lebens.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Gabriel García Márquez, geboren 1927 in Aracataca, Kolumbien, gilt als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Schriftsteller der Welt. 1982 erhielt er den Nobelpreis für Literatur für seine Werke, »in denen sich das Phantastische und das Realistische […] vereinen, die Leben und Konflikt eines Kontinents widerspiegeln«. Gabriel García Márquez hat ein umfangreiches erzählerisches und journalistisches Werk vorgelegt. Er starb am 17. April 2014 in Mexiko City.
Das Werk von Gabriel García Márquez ist bei Kiepenheuer & Witsch und im Fischer Taschenbuch lieferbar.
Marc Gruppe (Autor)
21. Sherlock Holmes –
Die geheimen Fälle des Meisterdetektivs
Band 5: Der Frauenmörder von Boston
Verlag: Titania Medien
VÖ: 31. März 2025 (1. Auflage)
Alter: ab 14
ISBN: 978-3-69027-018-2 (Buch)
978-3-69027-008-3 (E-Book)
Sherlock Holmes zwischen Viktorianik und Psychothriller.
Mit Der Frauenmörder von Boston erweitert Titania Medien die Reihe Sherlock Holmes – Die geheimen Fälle des Meisterdetektivs um einen bemerkenswert düsteren Beitrag, der sich bewusst von konventioneller Krimiunterhaltung absetzt. Der Band verbindet klassische Detektivliteratur mit psychologischer Spannung und entwickelt daraus eine ungewöhnlich dichte, atmosphärisch und eindringliche Erzählung.
Bereits zu Beginn etabliert die Geschichte ein Klima latenter Bedrohung. Boston fungiert dabei nicht lediglich als historische Kulisse, sondern als sozialer Raum, geprägt von Angst, Unsicherheit und gesellschaftlichen Spannungen. Die Serie von Vermisstenfällen junger Frauen wird nicht sensationsorientiert inszeniert, sondern als Symptom struktureller Gewalt und moralischer Verwahrlosung verstanden. Gerade diese Perspektive verleiht dem Roman eine bemerkenswerte erzählerische Tiefe.
Der Text bewegt sich souverän zwischen viktorianischem Kriminalroman und modernen Thriller-Elementen. Dabei bleibt die Nähe zur klassischen Holmes-Tradition stets gewahrt, ohne in bloßer Nostalgie zu verharren. Vielmehr gelingt es, die vertrauten Figuren in einen tonal deutlich finstereren Kontext zu überführen.
Sherlock Holmes erscheint hier weniger als exzentrisches Genie denn als präziser Analytiker menschlicher Abgründe. Diese zurückgenommene Darstellung verleiht der Figur zusätzliche Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit. Gleichzeitig erhält Dr. Watson eine stärkere emotionale Kontur als in vielen vergleichbaren Holmes-Adaptionen. Das Zusammenspiel der beiden Figuren entwickelt eine spürbare Dynamik und verhindert, dass die Handlung trotz ihrer düsteren Thematik in bloße funktionale Ermittlungsroutine abgleitet.
Besonders hervorzuheben ist die atmosphärische Gestaltung. Titania Medien gelingt es, ein eindrucksvolles Bild viktorianischer Großstadttristesse zu entwerfen, Nebelverhangene Straßenzüge, Gaslicht und soziale Verwahrlosung verdichten sich zu einer beinahe filmischen Bildsprache. Die Inszenierung bleibt dabei stets kontrolliert und vermeidet stilistische Überfrachtung.
Der Frauenmörder von Boston zählt damit zu den stärksten Veröffentlichungen der Reihe. Der Band demonstriert eindrucksvoll, dass die Figur des Sherlock Holmes auch heute noch erzählerisches Entwicklungspotenzial besitzt, wenn psychologische Glaubwürdigkeit, atmosphärische Präzision und literarische Konsequenz ernst genommen werden. Statt vertraute Muster lediglich zu reproduzieren, entsteht hier ein eigenständiger historischer Kriminalroman mit klarer stilistischer Handschrift.
Ein atmosphärisch dichter, literarisch überzeugender Holmes-Fall, der klassische Detektivtradition mit moderner Spannungsliteratur verbindet und gerade durch seine düstere Konsequenz nachhaltig wirkt.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Hanns-Josef Ortheil (Autor)
22. Die große Liebe
Roman
Verlag: btb
Taschenbuch, Broschur
VÖ: 24.06.2005 (1. Auflage)
Umfang: 320 Seiten
Größe: 11,8 x 18,7 cm
Alter: ab 14
ISBN: 978-3-442-72799-5
Hanns-Josef Ortheil zählt seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. In seinem Roman DIE GROSSE LIEBE Die große Liebe entfaltet er die langsame, behutsame Annäherung zweier Menschen, für die Liebe weniger ein dramatischer Einschnitt als vielmehr ein Prozess innerer Transformation ist. Der Text kreist um Wahrnehmung, Erinnerung und Selbstvergewisserung und entfaltet daraus eine poetische Studie über emotionale Offenheit.
Im Zentrum steht ein männlicher Protagonist, der sich aus einem Leben der inneren Abgrenzung vorsichtig in eine Liebesbeziehung hineinwagt. Ortheil erzählt diese Entwicklung nicht als lineare Handlung, sondern als fein nuancierte Bewegung des Bewusstseins. Äußere Ereignisse treten bewusst in den Hintergrund, während innere Prozesse, Zweifel und Hoffnungen mit großer psychologischer Präzision ausgeleuchtet werden. Gerade darin liegt die besondere literarische Qualität des Romans. Er macht erfahrbar, wie Liebe entsteht, wächst und zugleich in ihrer Fragilität erfahrbar bleibt.
Stilistisch überzeugt Ortheil durch sprachliche Klarheit und formale Disziplin. Die ruhige, kontrollierte Sprache verzichtet auf rhetorische Effekte und entfaltet ihre Wirkung durch kurze, präzise gesetzte Sätze. So entsteht ein meditativer Rhythmus, der den Leser tief in die Innenwelt der Figuren hineinzieht. DIE GROSSE LIEBE wirkt weniger wie eine konventionell erzählte Geschichte als vielmehr wie ein stilles Protokoll emotionaler Annäherung.
Thematisch behandelt der Roman nicht nur romantische Liebe, sondern vor allem die Fähigkeit zur Selbstöffnung. Ortheil zeigt, wie sehr Liebesfähigkeit an biografische Prägungen gebunden ist. Vergangene Verletzungen, familiäre Bindungen und eingeübte Schutzmechanismen bestimmen das Verhalten der Figuren und verleihen ihrer vorsichtigen Annäherung große Glaubwürdigkeit. Liebe erscheint hier nicht als Erlösung, sondern als mutiger Schritt ins Ungewisse.
Besonders hervorzuheben ist die subtile Figurenzeichnung. Ortheil verzichtet konsequent auf plakative Charakterisierungen und setzt stattdessen auf leise Nuancen. Gesten, beiläufige Beobachtungen und innere Monologe formen ein dichtes psychologisches Porträt. Der Roman fordert eine aufmerksame Lektüre, belohnt diese jedoch mit bemerkenswerter emotionaler Tiefe.
DIE GROSSE LIEBE ist ein fein komponierter Roman über Verletzlichkeit und Vertrauen. Hanns-Josef Ortheil beweist sein feines Gespür für seelische Zwischentöne und bestätigt seinen Rang als Chronist innerer Bewegungen. Ein leises, anspruchsvolles Buch, das weniger durch äußere Handlung als durch Atmosphäre und emotionale Genauigkeit lange nachwirkt.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Der Autor:
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.
www.ortheil-blog.de * www.hanns-josef-ortheil.de
Alexandra Gruber (Autorin),
Wolfgang Muhr (Autor)
aus der Reihe "Rundumadum"
23. Mysteriöses Niederösterreich
Unterwegs zu rätselhaften Orten
Verlag: Kral-Verlag
Taschenbuch
VÖ: 2025 (1. Auflage)
Umfang: 196 Seiten
zahlreiche Abbildungen
Größe: 21 x 13 cm
Alter: o.A.
ISBN: 978-3-99103-311-0
Hauptbeschreibung Verlag:
Erfahren Sie, wie ein Waldviertler Graf einst versuchte, künstliche Menschlein zu züchten, warum unglaubliche Sichtungen im Ottensteiner Stausee Schlagzeilen machten, was es mit bizarren Weinviertler Turmschädeln und geheimnisvollen Wachauer Mumien auf sich hat, wo beeindruckende Keller und Tunnelsysteme aus dem Mittelalter verborgen sind, welche Geistergeschichten sich um eine Burg im Wienerwald ranken und wer vor langer Zeit im Horner Becken den Bau einer Metropole plante.
Kritik:
Mit „rundumadum – Mysteriöses Niederösterreich: Unterwegs zu rätselhaften Orten" erweitern Alexandra Gruber und Wolfgang Muhr ihr literarisches Erkundungsprojekt um eine Facette, die sich im Spannungsfeld von Regionalgeschichte, Mythologiepoetik und populärer Wissensvermittlung bewegt. Der Band versammelt Schauplätze in Niederösterreich, die sich einem eindeutig rationalen Zugriff entziehen, Orte, an denen sich historische Überlieferung, lokale Legenden und narrative Deutungsangebote überlagern.
Bereits die Konzeption des Buches macht ein zentrales Spannungsverhältnis sichtbar, den Versuch, das „Mysteriöse“ erzählerisch zu erschließen, ohne es dabei vorschnell zu entzaubern. Gruber und Muhr operieren auf der schmalen Linie zwischen dokumentarischer Präzision und atmosphärischer Verdichtung. Ihre Texte changieren zwischen reportagehafter Beschreibung, essayistischer Reflexion und literarischer Ausgestaltung. Daraus entsteht ein hybrides Format, das sich konventionellen Gattungszuschreibungen bewusst entzieht und gerade daraus seine Eigenständigkeit bezieht.
Im Zentrum stehen Orte, die im kulturellen Gedächtnis als rätselhaft codiert sind sagenumwobene Landschaften, historisch aufgeladene Stätten mit offenen Fragen oder Schauplätze, deren Aura sich primär aus tradierten Erzählungen speist. Die Autoren begegnen diesen Räumen mit einer Haltung, die Neugier und methodische Zurückhaltung verbindet. Anstelle spekulativer Zuspitzung setzen sie auf dichte, präzise Beobachtung und nehmen das Ungewisse als eigenständige kulturelle Kategorie ernst.
Stilistisch überzeugt der Band durch eine kontrollierte, präzise Sprache, die auf Effekte verzichtet und gerade dadurch atmosphärische Dichte erzeugt. Landschaften erscheinen nicht als romantisch überhöhte Kulissen, sondern als ambivalente Räume, in denen sich reale Gegebenheiten und kulturelle Zuschreibungen überlagern. In diesen Passagen gewinnt das Buch über den regionalen Kontext hinaus an Relevanz, indem es grundlegende Fragen nach der Funktion von Mythen in der Gegenwart aufwirft.
„rundumadum – Mysteriöses Niederösterreich" entfaltet eine nachhaltige Sogwirkung. Gerade die Zurückhaltung gegenüber dem Sensationellen erweist sich als programmatische Stärke. Das Rätselhafte wird nicht aufgelöst, sondern als erfahrbare Dimension kultureller Wirklichkeit inszeniert. In einem kulturellen Umfeld, das das Unheimliche häufig trivialisiert oder kommerzialisiert, setzt der Band damit einen differenzierten Kontrapunkt.
So liest sich das Buch weniger als Sammlung spektakulärer Kuriositäten denn als Reflexion über die Persistenz des Unerklärlichen im kulturellen Raum. Niederösterreich erscheint als Landschaft der Geschichten, ein Gefüge, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart, Fakt und Fiktion unauflöslich verschränken. Gerade darin liegt aus kulturjournalistischer Perspektive die Qualität dieser Publikation. Sie eröffnet einen Denkraum, in dem das Rätselhafte nicht als Defizit, sondern als produktive Irritation wirksam wird.
5 von 6 Sternen: ★★★★★ Kritik: Michaela Springer
Die Autorin:
Alexandra Gruber wurde in Oberösterreich geboren und lebt in Wien. Die Journalistin und Co-Autorin zahlreicher Sachbücher sammelt leidenschaftlich gern Anekdoten und außergewöhnliche, aber wahre Geschichten.
Der Autor:
Wolfgang Muhr ist gebürtiger Burgenländer und lebt in Wien. Gemeinsam mit seiner Co-Autorin hat er mehrere Sachbücher verfasst. Beim Recherchieren und Schreiben lebt er sein Faible für Verstecktes, Ungewöhnliches und Kurioses aus.
Webseite des Autorenduos: www.panoramabox.at
Cover (c) Kral Verlag, Kral GmbH




























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