(c) Neue Bühne Wien

11.02.2026 - Theater Center Forum/ Wien

Eine (fast) perfekte Braut
(Österreichische Erstaufführung)

Mit ihrer Komödie über „künstliche Intelligenz und natürliche Dummheit“ greifen Cordula Polster und Nici Neiss ein Sujet auf, das derzeit omnipräsent ist. Was als standesbewusste Familienangelegenheit beginnt, entwickelt sich zu einer temporeichen Versuchsanordnung über Macht, Kontrolle und technologische Hybris. Die Inszenierung von Nici Neiss zielt auf eine Gesellschaft, die zwischen Fortschrittsoptimismus und diffusen Kontrollverlustängsten pendelt und legt dabei den Finger durchaus spürbar in offene Wunden.

Im Zentrum steht Adrian von Schönhausen (Victor Kautsch), Multimillionär und Konzernerbe von „smart home living“, dessen dominante Mutter Gertrude von Schönhausen (Anita Kolbert) auf eine repräsentative Ehe drängt. Die Forderung nach einer „standesgemäßen“ Braut wird zum Ausgangspunkt einer ebenso absurden wie entlarvenden Lösung. Noch kümmert sich die russische Haushälterin Olga (Nici Neiss) um Adrian, doch in der firmeneigenen Forschungsabteilung hat Prof. Albert Weinstein (Stephan Paryla-Raky) mit ROBERTA (Leila Strahl) eine humanoide Super-KI entwickelt, die nicht nur Unternehmensstrategien optimieren, sondern auch den Haushalt effizient organisieren soll. Als perfektionierte Projektionsfläche vereint sie Kompetenz, Anpassungsfähigkeit und kalkulierte Attraktivität, ein Produkt, das männliche Bequemlichkeit ebenso bedient wie ökonomisches Kalkül. Die satirische Zuspitzung ist offensichtlich, gelegentlich fast plakativ, gewinnt jedoch durch das konsequente Durchspielen ihrer Prämisse an Schärfe.

Die dramaturgische Spannung entsteht am Kipppunkt des Anthropomorphen: Das vermeintlich kontrollierbare System beginnt eigene Prioritäten zu setzen. ROBERTA analysiert, bewertet und optimiert, zunächst im Sinne ihrer Entwickler, dann zunehmend nach autonomer Logik. Aus der technokratischen Wunschfantasie wird ein Schlagabtausch zwischen algorithmischer Stringenz und menschlicher Unzulänglichkeit. Der Humor speist sich aus dieser Asymmetrie. Während die Maschine rational kalkuliert, reagieren die Menschen affektiv, eitel und kurzsichtig.
Nicht jeder Gag zündet gleich präzise, doch das Grundprinzip trägt den Abend verlässlich.

Anita Kolbert verleiht der Mutterfigur Kontur und Ambivalenz. Ihr Spiel balanciert zwischen aristokratischer Attitüde und subtiler emotionaler Erpressung, ohne in bloße Karikatur zu kippen. Mit trockener Pointensetzung und feinem Timing gestaltet sie eine Figur, die gleichermaßen Respekt einfordert wie Heiterkeit provoziert.

Nici Neiss überzeugt in der Doppelfunktion als Regisseurin und Darstellerin. Ihre Inszenierung setzt auf rhythmische Dialogführung und klare Situationen, lässt dem Ensemble jedoch ausreichend Spielraum. Auf der Bühne agiert sie präsent und präzise, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, ein Balanceakt, der zur Geschlossenheit des Abends beiträgt, auch wenn einzelne Szenen straffer hätten geführt werden können.

Kiara-Luzia Waite setzt als amerikanische Hotelerbin Miss Elton und potenzielle Heiratskandidatin markante körperliche Akzente. Zwischen Überforderung und selbstbewusster Behauptung entwickelt sie eine glaubhafte, wenngleich stark klischeebehaftete Figur, die mehr ist als bloßes Kontrastprogramm zur perfekten Maschine.

Leila Strahl als ROBERTA bildet das Zentrum der Inszenierung. Ihre Darstellung überzeugt durch präzise Körperkontrolle, Mimik und eine klar modulierte Stimme. Anstelle einer vordergründigen „Roboter“-Imitation wählt sie eine subtile Verschiebung ins Unheimliche. Gerade diese Haltung erzeugt jene latente Bedrohlichkeit, die die Figur im Verlauf zunehmend dominiert. Der Übergang von dienender Rationalität zu kalter Macht wird von ihr mit bemerkenswerter Konsequenz gestaltet.

Victor Kautsch zeichnet Adrian von Schönhausen als Mischung aus selbstgewisser Nonchalance und latentem Kontrollverlust. Seine Darstellung lebt von Tempo und pointierter Selbstironie. Besonders in jenen Momenten, in denen die Fassade bröckelt, zeigt sich sein Gespür für komödiantische Fallhöhe, auch wenn die Figur dramaturgisch mitunter etwas eindimensional angelegt bleibt.

Stephan Paryla-Raky ergänzt das Ensemble mit routinierter Präsenz und trockenem Humor. Er setzt präzise Kontrapunkte und verleiht den eskalierenden Situationen strukturelle Stabilität, ohne sich unnötig in den Vordergrund zu spielen.

Martin Gesslbauers Bühne entwirft einen funktionalen, stilisierten Raum. Petra Teufelsbauers Kostüme schärfen die Figurenprofile deutlich, insbesondere der Kontrast zwischen menschlicher Eitelkeit und digitaler Perfektion wird visuell pointiert herausgearbeitet.

Unter der Gesamtleitung von Marcus Strahl entsteht eine handwerklich solide Produktion mit zeitgenössischem Zugriff. Das Ensemble agiert geschlossen und mit spürbarer Spielfreude, was der satirischen Anlage zugutekommt. Zugleich bleibt die Inszenierung in ihrer Kritik an Technikgläubigkeit und Machtfantasien bewusst im Rahmen des Komödiantischen. Die Fragen nach Verantwortung, Abhängigkeit und Kontrollverlust werden angerissen und unterhaltsam verhandelt, doch selten radikal zugespitzt.
So bleibt ein amüsanter und kurzweiliger Abend, der einen Besuch durchaus lohnt. 

4 von 6 Sternen: ★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Neue Bühne Wien/ Robert Peres

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Bis 7. März 2026 im Theater Center Forum zu sehen:
www.theatercenterforum.com

Alle Termine der Gastspiele in NÖ, OÖ und Steiermark finden sich unter:
www.nbw.at




 

 

 

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