10.02.2026 - Komödie am Kai/ Wien
HAROLD & MAUDE (Premiere)
Mit HAROLD & MAUDE setzt die Komödie am Kai auf einen Stoff, der zu Beginn vernichtende Kritiken erhielt, jedoch nach und nach zum Kultklassiker avancierte. Die Bühnenfassung nach Colin Higgins’ Film von 1971 erzählt die Geschichte einer unwahrscheinlichen Annäherung zwischen einem todesobsessiven jungen Mann aus wohlhabendem Haus und einer 79-jährigen Frau, die sich mit subversiver Heiterkeit jeder Norm verweigert. In der aktuellen Inszenierung verdichtet sich dieser Kontrast zu einem fein austarierten Spiel aus schwarzem Humor, Melancholie und leiser Gesellschaftskritik.
Harold, gefangen im emotionalen Vakuum einer funktionalisierten Oberschichtsfamilie, inszeniert groteske Suizidszenarien, um die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu erzwingen. Seine Obsession mit dem Tod führt ihn auf Beerdigungen, wo er Maude begegnet, einer älteren Dame, die aus Neugier und Lebenslust fremde Begräbnisse besucht. Zwischen dem introvertierten Melancholiker und dem eigensinnigen Freigeist entsteht eine Beziehung, die weniger Skandal als Erkenntnisprozess ist.
Maude wird für Harold zur Initiatorin eines anderen Blicks auf die Welt. Sie stiehlt Autos als Akt spielerischer Rebellion, pflanzt entwurzelte Bäume um und insistiert auf Individualität als ethischem Prinzip. Als Harold beschließt, sie zu heiraten, konfrontiert sie ihn mit ihrer Entscheidung, an ihrem 80. Geburtstag freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Der Abschied gerät weniger zur Tragödie als zur konsequenten Fortschreibung eines selbstbestimmten Daseins und bleibt doch ambivalent.
Eine besondere Konstellation prägt diese Produktion. Daniela Ziegler absolviert die Produktion aufgrund eines Beinbruchs im Rollstuhl. Was als potenzielle Einschränkung erscheinen könnte, wird in ihrer Darstellung zur zusätzlichen Dimension der Figur. Ihre Maude gewinnt durch die physische Situiertheit an Konzentration und Präsenz, jede Geste, jede Kopfbewegung, jede Nuance der Stimme erhält gesteigerte Bedeutung. Der Rollstuhl wirkt dabei nicht als Defizit, sondern als selbstverständlicher Teil der Bühnenrealität und unterstreicht ungewollt Maudes Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Zuschreibungen von Alter und Körperlichkeit.
Daniela Ziegler prägt den Abend in der Titelrolle mit charismatischer Bühnenpräsenz. Ihre Maude ist keine exzentrische Alte, sondern eine Frau von Haltung und Weltkenntnis. Ziegler verbindet Eleganz mit augenzwinkernder Ironie, ihre Stimme changiert zwischen Wärme und analytischer Schärfe. In den leiseren Momenten gewinnt die Figur an Tiefe. Wenn Maude von Vergänglichkeit spricht, liegt in Zieglers Spiel eine kontrollierte Intensität, die Pathos vermeidet und dennoch berührt.
Jonas Zeiler zeichnet Harold als fragile, in sich gekehrte Figur, deren Provokationen aus innerer Leere gespeist sind. Seine sorgfältig choreografierten Suizid-Tableaus besitzen komödiantische Präzision, ohne die existentielle Dimension zu nivellieren. Besonders im Zusammenspiel mit Ziegler entfaltet sich eine glaubhafte Dynamik. Zeilers körperliche Zurücknahme kontrastiert wirkungsvoll mit Zieglers expansiver Präsenz. Die Entwicklung vom passiven Protest zur zaghaften Selbstbehauptung gestaltet er differenziert und ohne sentimentale Überhöhung.
Angela Schneider gibt der Mutter jene kühle Selbstverständlichkeit, die Harolds Verzweiflung erst plausibel macht. Mit minimalistischem Spiel und präzise gesetzten Pointen verkörpert sie eine Frau, deren Weltbild aus Konvention, Statusdenken und emotionaler Distanz besteht. Ihre stoische Reaktion auf die makabren Inszenierungen des Sohnes gerät zum bitteren Kommentar auf eine Generation, die Funktionieren über Fühlen stellt.
Robert Mohor, Xiting Shan und Victoria Kirchner übernehmen zahlreiche Nebenrollen sorgen mit klarem Rollenprofil für rhythmische Verdichtung. Ihre Auftritte sind pointiert, ohne ins Karikatureske abzugleiten, besonders in den raschen Figurenwechseln zeigen sie Wandlungsfähigkeit und komödiantisches Timing.
Rafael Witak setzt als Pater einen ruhigen, würdevollen Akzent. Seine Darstellung vermeidet jede plakative Moralinstanz und verleiht den Szenen eine feine Erdung.
Regisseur Boris von Poser vertraut auf den Text und die Kraft der Figuren. Seine Inszenierung setzt auf klare Linien, rhythmische Präzision und eine sorgfältige Balance zwischen Groteske und Ernst. Der schwarze Humor wird nicht ausgespielt, sondern als Mittel zur Freilegung existenzieller Fragen genutzt. Sentimentale Überhöhungen meidet von Poser konsequent, stattdessen entsteht Raum für Ambivalenz.
Das Bühnenbild von Martin Gesslbauer arbeitet mit reduzierten, flexibel nutzbaren Elementen, die rasche Ortswechsel ermöglichen und zugleich eine gewisse Künstlichkeit betonen. Diese Offenheit unterstützt die Parabelhaftigkeit des Stoffes, ohne ihn ins Abstrakte zu treiben.
Petra Teufelsbauers Kostüme konturieren die Figuren präzise. Maudes Erscheinung verbindet Nonchalance mit Individualität, während Harolds formale Strenge seine innere Erstarrung spiegelt. Die Mutter bleibt in einer Welt repräsentativer Eleganz gefangen, auch visuell.
So präsentiert sich HAROLD & MAUDE an der Komödie am Kai als zeitloses Plädoyer für Autonomie und Zivilcourage. Der Abend lebt von der darstellerischen Präzision seines Ensembles, allen voran seines Stars Daniela Ziegler und einer Regie, die Humor und Abgrund gleichermaßen ernst nimmt. Im Zentrum steht die Frage nach einem selbstbestimmten Leben und nach dem Preis, den es fordert.
Noch bis 14. März 2026 in der Komödie am Kai zu sehen.
Interview:
Daniela Ziegler & Jonas Zeiler zu Gast in ORF3 "Kultur heute" zu HAROLD & MAUDE
5 von 6 Sternen: ★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Komödie am Kai





















