András Sosko, Thomas Marchart

20.03.2026 - Scala/ Wien

IM DICKICHT DER STÄDTE

Die Inszenierung von IM DICKICHT DER STÄDTE in der Wiener Scala widmet sich einem der sperrigsten und zugleich faszinierendsten Frühwerke von Bertolt Brecht. Der in den 1920er Jahren entstandene Text entfaltet sich als beklemmende Versuchsanordnung über Macht, Entfremdung und die strukturelle Unmöglichkeit von Verständigung im urbanen Raum.

Im Zentrum steht der rätselhafte Konflikt zwischen dem malaiischen Holzhändler Shlink und dem mittellosen Bibliotheksangestellten George Garga. Ohne erkennbare Motivation verstrickt Shlink seinen Kontrahenten in ein eskalierendes Duell, das weniger physisch als existenziell geführt wird. In lose zusammengefügten Szenen, die durch Bars, Wohnungen und Straßen führen, geraten beide Figuren in einen Strudel aus Provokation, ökonomischem Druck und moralischer Erosion. Zurück bleibt ein zerstörerisches Gleichgewicht ohne Sieger und ohne Perspektive.

Anna Sophie Krenn, Marius Lackenbucher

Die Inszenierung unter Bruno Max nimmt Brechts frühe Dramatik konsequent ernst und verzichtet auf jede Form psychologischer Plausibilisierung. Der Konflikt erscheint als abstrakte Konstellation, als Kräftefeld, das exemplarisch für die Dynamiken kapitalistischer Gesellschaften gelesen werden kann. Der Mensch fungiert hier nicht als autonomes Subjekt, sondern als Produkt und Spielball sozialer wie ökonomischer Verhältnisse. Die Wiener Umsetzung schärft diese Anlage, indem sie Brüche nicht glättet, sondern produktiv freilegt. Der Titel gerät so zur prägnanten Metapher einer modernen Großstadt, in der Orientierung verloren geht und Beziehungen in Konkurrenz umschlagen.

In dieser Lesart formuliert Brecht eine radikale Skepsis gegenüber humanistischen Verständigungsmodellen. Kommunikation scheitert nicht zufällig, sondern systematisch, weil sie von Machtinteressen durchzogen ist. Der Konflikt zwischen Shlink und Garga erscheint folgerichtig weniger als individuelles Drama denn als Symptom struktureller Gewalt.

Thomas Marchart, Eva Christina Binder

Das Bühnenbild von Robert Notsch überzeugt durch seine reduzierte und zugleich suggestive Anlage. Fragmentierte Konstruktionen, verschiebbare Elemente und eine bewusst rohe Materialität erzeugen ein permanentes Moment der Instabilität. Der Raum fungiert dabei nicht als bloßer Hintergrund, sondern als aktiver Mitspieler, als visuelles Korrelat innerer und äußerer Zerrissenheit.

Die Videomitarbeit von Andreas Ivanciscs erweitern das Bühnenbild um eine zusätzliche visuelle Ebene. Ob in der Holzfabrik, in der freien Natur oder im Interieur der elterlichen Wohnung, die Projektionen verdichten die jeweiligen Räume atmosphärisch und verleihen ihnen eine präzise konturierte Bildsprache. Dabei fungieren sie nicht als bloße Illustration, sondern als integraler Bestandteil der szenischen Komposition, der die räumlichen Verschiebungen und inneren Spannungszustände der Figuren subtil akzentuiert.

Denny Bernard, Anna Sophie Krenn

Auch die Kostüme von Anna Pollack operieren mit gezielter Uneindeutigkeit. Klassische Silhouetten werden durch irritierende Details gebrochen, wodurch die Figuren zwischen historischer Verortung und gegenwärtiger Lesbarkeit oszillieren. Die soziale Codierung erfolgt subtil und vermeidet plakative Zuschreibungen.

In der Besetzung erweist sich die Rollenzuordnung als präzise disponiert. Thomas Marchart gestaltet George Garga als latent widerständige Figur, deren Spannung sich zunächst aus kontrollierter Zurückhaltung speist, bevor sie eruptiv hervorbricht. Die zunehmende Verstrickung in das destruktive Machtspiel wird differenziert nachvollziehbar.

Thomas Marchart, András Sosko, Bernie Feit

András Sosko setzt dem als Shlink eine bewusst uneindeutige Präsenz entgegen. Kühl kalkulierend und zugleich von schwer greifbarer Obsession getragen, bleibt seine Figur Projektionsfläche und Störmoment zugleich, eine Unheimlichkeit, die dem Text inhärent ist und hier konsequent ausgespielt wird.

Im familiären Gefüge der Gargas überzeugen Anna Sophie Krenn als Marie Garga und Bernie Feit als John Garga mit differenzierter Zeichnung. Krenn balanciert präzise zwischen Anpassung und stillem Widerstand, während Feit eine körperlich präsente Figur entwirft, deren vermeintliche Robustheit zunehmend Risse zeigt.

Christian Kainradl, Christopher Korkisch, Thomas Marchart, Raimund Brandner

Marion Rottenhofer ergänzt als Mae Garga das Ensemble mit einer leisen, eindringlichen Darstellung zwischen Resignation und pragmatischem Überlebenswillen. 
Eva-Christina Binder
setzt als Jane Larry einen distanzierten Gegenpol, zugleich Beobachterin und Teil des Geschehens, ohne die grundsätzliche Ausweglosigkeit zu relativieren.

In der Summe überzeugt die Produktion durch ein ausgeprägtes Ensemblebewusstsein. Marius Lackenbucher, Christopher Korkisch, Stephan Bartunek, Christian Kainradl, Raimund Brandner und Denny Bernard fügen sich prägnant in die strenge formale Gesamtanlage ein. Individuelle Akzente bleiben dabei stets in eine übergeordnete Struktur eingebettet, eine Balance, aus der die Inszenierung ihre analytische Schärfe bezieht.

Thomas Marchart, Marion Rottenhofer

So erweist sich die Regie von Bruno Max als konsequente Annäherung an ein schwieriges Frühwerk. Ohne vordergründige Aktualisierung vertraut sie auf die strukturelle Sprengkraft des Textes. In ihrer kühlen Präzision entfaltet die Produktion nachhaltige Wirkung, als theatrale Versuchsanordnung über Macht, Ökonomie und die Fragilität menschlicher Beziehungen im Dickicht der modernen Welt.

Noch bis 10. April 2026 in der Scala zu sehen.

5 von 6 Sternen: ★★★★★
                   Kritik: Michaela Springer
                   Fotos: Bettina Frenzel


  • Thomas Marchart, Stephan Bartunek, Christian Kainradl, Christopher Korkisch, Denny Bernard
  • András Sosko, Anna Sophie Krenn-2
  • András Sosko, Anna Sophie Krenn-3
  • András Sosko, Thomas Marchart-3
  • András Sosko, Thomas Marchart-4
  • Christian Kainradl, Anna Sophie Krenn, Stephan Bartunek, Christopher Korkisch
  • Christian Kainradl, Stephan Bartunek, Christopher Korkisch, Thomas Marchart
  • Anna Sophie Krenn, Thomas Marchart
  • Raimund Brandner, Stephan Bartunek
  • Stephan Bartunek, Christian Kainradl, Christopher Korkisch, Eva Christina Binder
  • András Sosko, Anna Sophie Krenn
  • Anna Sophie Krenn, Thomas Marchart-3
  • Bernie Feit, Eva Christina Binder, Thomas Marchart, Marion Rottenhofer
  • Christian Kainradl, Thomas Marchart, Stephan Bartunek, Christopher Korkisch
  • Christopher Korkisch, Marion Rottenhofer, Stephan Bartunek


www.theaterzumfuerchten.at/TheaterScala/




 

 

 

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