23.02.2026 - Theater Arche/ Wien

KASSANDRA 4D

Mit „KASSANDRA 4D“ entwickelt und performt Rita Luksch eine konzentrierte theatrale Arbeit, die antiken Mythos, Gegenwartsbezug und mediale Reflexion verbindet. Die Figur der Kassandra dient dabei nicht als Nacherzählung, sondern als Denkmodell. Wissen ist vorhanden, doch seine gesellschaftliche Wirkung bleibt unsicher. Aus dieser Spannung entsteht ein Abend, der weniger Handlung präsentiert als Bedingungen von Wahrnehmung, Zeit und Sagbarkeit sichtbar macht.

Die Performance greift den antiken Kassandra-Mythos als zeitdiagnostisches Modell auf. Im Zentrum steht die trojanische Prinzessin, Seherin und Priesterin, die den Untergang ihres Volkes klar erkennt, jedoch kein Gehör findet. Vor dem Hintergrund der zehnjährigen Belagerung Trojas und der verhängnisvollen List des Odysseus entfaltet die Inszenierung die Frage nach den Ursachen kollektiver Blindheit gegenüber offenkundigen Gefahren.


Rita Luksch überführt den Stoff in eine Gegenwartsanalyse. Die Katastrophe von Troja fungiert als Spiegel aktueller globaler Krisen. Klimawandel und Artensterben werden als Symptome einer Zivilisation gezeigt, die Warnungen ignoriert und kurzfristige Machtinteressen über langfristige Lebensgrundlagen stellt. In der Verbindung mythologischer Erzählung mit wissenschaftlichen und ethischen Bezugspunkten, etwa den physikalischen Perspektiven von Albert Einstein und den ökologischen Einsichten von Jane Goodall entsteht ein interdisziplinärer Deutungsraum.

Die Inszenierung arbeitet mit der Gegenüberstellung von Erkenntnis und Verdrängung. Wie im antiken Troja sind es die Entscheidungsträger an der Spitze, deren Unfähigkeit oder Unwillen zu sehen die Katastrophe beschleunigt. Dem setzt die Aufführung die Forderung nach verantwortlicher Wahrnehmung und nach weiblicher Handlungsmacht entgegen. Sehende Frauen sollen an den Hebeln der Welt eingreifen und destruktive Dynamiken korrigieren.

Im Ergebnis formuliert „KASSANDRA 4D“ keine nostalgische Rückschau auf den Mythos, sondern eine ethisch-politische Gegenwartsbefragung. Die leitende Frage zielt auf eine zukunftsfähige Ordnung. Unter welchen Bedingungen ist ein gutes Leben für alle möglich?

Die Inszenierung arbeitet mit Überlagerungen von Projektionen, Stimme und Körper. Bedeutung entsteht nicht linear, sondern im Prozess des Zuschauens und Hörens. Mediale Mittel fungieren dabei nicht als Effekt, sondern als Resonanzraum für die Präsenz der Performerin. Die Bühne wird zu einem Übergangsraum zwischen Erinnerung und Gegenwart.


Die Komposition von Georg Luksch ergänzt diese Anlage durch eine vielschichtige Klangstruktur, die auf traditionelle Dramaturgie verzichtet. Zeit wird nicht als Abfolge, sondern als Verdichtung erfahrbar. Geräuschhafte Texturen und prägnante Impulse erzeugen ein dichtes Klangfeld. Anstelle klassischer Höhepunkte entstehen Intensitätszonen, die Aufmerksamkeit bündeln.

Die performativen Mittel sind bewusst reduziert. Gestik, fragmentierte Sprache und präzise gesetzte Pausen erzeugen Spannung durch Zurückhaltung. Die Figur erklärt nicht, sie exponiert. Dadurch gewinnt der Abend eine sachliche Klarheit, die den mythologischen Stoff von Pathos entlastet.

Im Kontext eines reflexiven Gegenwartstheaters befragt die Arbeit die Rolle von Prognose und Zeugenschaft. Kassandra erscheint als Bild für das Paradox einer informationsreichen, zugleich aber selektiv wahrnehmenden Öffentlichkeit. Die „vierte Dimension“ erweist sich weniger als Effekt denn als Erfahrungsweise. Zeit wird als Gleichzeitigkeit erfahrbar, in der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges nebeneinanderstehen.

„KASSANDRA 4D“ erweist sich damit als konzentrierte, intellektuell anspruchsvolle Arbeit, die die theatrale Darstellung von Wissen selbst zum Gegenstand macht. Ein Stück, das weniger Antworten gibt als Bedingungen sichtbar werden lässt und gerade darin seine nachhaltige Wirkung entfaltet.

Weitere Vorstellungen in der Theater Arche:
Di 3.3., Do 19.3., Fr 20.3., Sa 21.3.

5 von 6 Sternen:  ★★★★★
         Kritik: Michaela Springer; Fotos: Wolfgang Springer

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Karten: 
ticket@ensemble21.at, 0677/63471533, 
https://ensemble21.at/termine/

Zusatzvorstellung am Do 7.5. im Kunstfreiraum Stachel in Neulengbach!



 

 

 

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