28.02.2026 - Freie Bühne Wien - das Theater an der Wieden

Heute Abend: LOLA BLAU

Mit neuer programmatischer Klarheit positioniert sich die „FREIE BÜHNE WIEN - das THEATER auf der WIEDEN“ als offener Kulturraum zwischen Musiktheater, Schauspiel und partizipativen Formaten. Intendant Gernot Kranner trägt die künstlerische und wirtschaftliche Verantwortung bewusst ohne öffentliche Subventionen und setzt auf ein generationenübergreifendes Publikum. Aufstrebende heimische Künstlerinnen und Künstler, Familien mit jungen Kindern sowie kulturinteressierte Seniorinnen und Senioren sollen gleichermaßen angesprochen werden.

Den Auftakt der Neuausrichtung bildet Georg Kreislers Monodrama „Heute Abend: LOLA BLAU“, das fast genau vor 50 Jahren an diesem Haus mit Topsy Küppers zu sehen war.

Die aktuelle Produktion mit der wandlungsfähigen Sängerin und Schauspielerin Giulia Jahn und der sensibel reagierenden Klavierbegleitung von Marcel Jahn setzt bewusst auf eine reduzierte, text- und musikzentrierte Gestaltung und unterstreicht damit programmatisch den künstlerischen Anspruch der Bühne.

Das im Jahr 1971 uraufgeführte Einpersonenstück des Wiener Kabarettisten und Komponisten Georg Kreisler zeichnet den Lebensweg der jüdischen Schauspielerin Lola Blau nach. Nach dem „Anschluss“ Österreichs zur Emigration gezwungen, sucht sie in den USA eine neue Existenz und erlebt trotz beruflicher Erfolge eine tiefe Entwurzelung. Die Rückkehr nach Kriegsende konfrontiert sie schließlich mit einer Gesellschaft, die sich der eigenen Vergangenheit nur unzureichend stellt. Kreisler verbindet autobiografische Bezüge, historische Reflexion und musikalische Satire zu einer prägnanten Studie über Exil, Identität und moralische Verantwortung.

Ursprünglich für seine Ehefrau Topsy Küppers konzipiert, vereint das Werk Chanson, politisches Kabarett und erzählendes Theater zu einer eigenständigen Form des musikalischen Monodramas. Stilistisch heterogene Kompositionen, vom Wiener Lied über Jazz nahe Passagen bis zu parodistischen Nummern, verlangen eine interpretatorische Balance zwischen musikalischer Präzision und dramaturgischer Stringenz. Das Gastspiel aus Lichtenstein folgt diesem Ansatz durch szenische Konzentration und unmittelbare Publikumsansprache.

Giulia Jahn gestaltet die Titelfigur mit differenzierter Ausdrucksskala. Ihre Interpretation überzeugt durch präzise Artikulation, kontrollierte Dynamik und eine nuancierte Verbindung von Ironie und existenzieller Schwere. Besonders in den satirischen Chansons gelingt eine klare Textdurchdringung, während die dramatischen Passagen durch zurückgenommene Intensität an psychologischer Glaubwürdigkeit gewinnen.

Marcel Jahn erweist sich am Klavier als gleichwertiger dramaturgischer Partner. Mit feinem Gespür für Tempo, Rhythmus und Klangfarbe strukturiert er die stilistischen Wechsel der Partitur und unterstützt den erzählerischen Fluss mit zurückhaltender, aber prägnanter Präsenz.

Die Inszenierung setzt bewusst auf Reduktion statt auf szenische Opulenz. Gerade diese Konzentration auf Stimme, Text und musikalische Struktur schärft die Wirkung des Werkes und fordert zugleich höchste darstellerische Präsenz, eine Anforderung, der die Interpretation überzeugend gerecht wird. Die klare Nachzeichnung von Lola Blaus Entwicklung, vom hoffnungsvollen Aufbruch über die Erfahrung des Exils bis zur ernüchterten Rückkehr, verleiht der Aufführung dramaturgische Geschlossenheit.

Das Märzprogramm der Bühne erweitert diesen Auftakt. Mit Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“, in einem Gastspiel des Wiener Lessingtheater, erhält der Spielplan eine markante dramatische Perspektive, während familienorientierte Produktionen und Mitsing-Formate Zugang der Jüngsten zur Bühnenkunst fördern. Workshops, ein Ostermarkt, eine Schau-Show mit Lesungen und Musik, uvm. wird in der Freien Bühne Wien Einzug halten.

Das Theater versteht sich damit nicht nur als Aufführungsort, sondern als sozialer Kulturraum, der Begegnung, Dialog und künstlerische Entwicklung ermöglicht. Die erste Produktion „Heute Abend: LOLA BLAU“ markiert hierfür einen konzentrierten und inhaltlich schlüssigen Auftakt.

5 von 6 Sternen: ★★★★★
             Kritik: Michaela Springer; Fotos: Louai Abdul Fattah

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