12.05.2026 - Das MuTh/ Wien

Stefan Jürgens - 
NENN´ ES LIEBE
Mutwillige Liebesergüsse und andere Liebestollheiten

Mit seinem Gedichtband „Loveletters – mutwillige Liebesergüsse“ und der dazugehörigen Leseperformance „Nenn’ es Liebe“ betritt Stefan Jürgens jenes Terrain, an dem viele literarische Unternehmungen scheitern - die Liebeslyrik. Dass er sich diesem Genre dennoch mit solcher Konsequenz widmet, erweist sich nicht nur als mutig, sondern vor allem als künstlerisch überzeugend.

Denn über die Liebe scheint längst alles gesagt. Zwischen Kitsch, Ironisierung und psychologischer Selbstbespiegelung wirkt das Thema oft erschöpft. Jürgens gelingt jedoch das Kunststück, sich diesem universellen Motiv ohne falsche Sentimentalität und ohne intellektuelle Überhöhung zu nähern. Seine Texte suchen nicht nach kalkulierter Originalität, sondern nach emotionaler Wahrhaftigkeit und genau darin liegt ihre Stärke.

Der Abend entfaltet seine besondere Intensität im Zusammenspiel von Literatur und Musik. Neben den eigenen Gedichten stehen Texte von Kurt Tucholsky, Heinrich von Kleist, Erich Kästner, H. C. Artmann und weiteren literarischen Stimmen, die Jürgens mit großer Sensibilität in seine Performance integriert. Zwischen diesen Positionen entsteht kein akademischer Literaturdialog, sondern ein atmosphärisch dichter Resonanzraum.

Jürgens trägt seine Texte nicht lediglich vor, er durchlebt sie. Seine Stimme changiert zwischen rauer Verletzlichkeit und beinahe musikalischer Leichtigkeit. Gerade darin zeigt sich seine immense Bühnenerfahrung. Er versteht Rhythmus, Verdichtung und die Wirkung des Innehaltens. Wo viele Lesungen in monotone Deklamation abgleiten, entwickelt „Nenn’ es Liebe“ eine seltene Präsenz und emotionale Sogkraft.

Besonders eindrucksvoll sind jene Momente, in denen Jürgens Brüche zulässt, Zweifel, Eifersucht, Einsamkeit oder emotionale Erschöpfung. Dort gewinnt seine Lyrik eine existenzielle Tiefe, die weit über bloße Liebesbekenntnisse hinausreicht. Liebe erscheint hier nicht als harmonischer Idealzustand, sondern als widersprüchliche, mitunter zerstörerische Kraft, in der Sehnsucht und Verwundung untrennbar miteinander verbunden sind.

Gerade diese Ambivalenz verleiht dem Abend seine außergewöhnliche Qualität. Heilung und Verlust, Hingabe und Kontrollverlust liegen dicht nebeneinander. Damit rückt Jürgens sein Programm bewusst näher an die große Tradition literarischer Melancholiker als an zeitgenössische Wohlfühlpoesie.

NENN´ ES LIEBE überzeugt so als bemerkenswert intensives künstlerisches Statement. Stefan Jürgens gelingt kein bloß nostalgischer Rückgriff auf das älteste Thema der Literatur, sondern ein kluger, atmosphärisch dichter und emotional hochpräziser Abend über die Fragilität menschlicher Beziehungen. In einer Gegenwart, die oft von ironischer Distanz geprägt ist, wirkt diese kompromisslose Ernsthaftigkeit beinahe radikal und gerade deshalb so berührend.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★
         Kritik: Michaela Springer; Fotos: Wolfgang Springer

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www.stefanjuergens.com

www.muth.at



 

 

 

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