27.05.2026 - Freie Bühne Wien - das Theater an der Wieden
Wiener Lieder &
Weana G’schicht’n!
Mit dem Benefizabend WIENER LIEDER & WEANA G’SCHICHT’N, initiiert von Manfred Antonius Distel, setzte das Theater „Freie Bühne Wien“ unter der neuen Leitung von Gernot Kranner ein bewusst traditionsverbundenes Zeichen. Der Abend vertraute auf jene intime Wiener Verbindung aus Lied, Schmäh und Melancholie, deren Wirkung gerade aus der Konzentration auf das Wesentliche entsteht.
Wolfgang Gerold entwarf mit Liedern seines Vaters Hans Gerold sowie Werken von Hermann Leopoldi und Rudolf Sieczyński eine musikalische Topografie des alten Wiens. Seine Interpretation verzichtete auf jede übersteigerte Sentimentalität und gewann gerade dadurch an Glaubwürdigkeit und Ausdruckskraft. Besonders „Ich bin a Wiener blieb’n“ erhielt in der zurückhaltenden Darbietung eine beinahe zeitlose Qualität, weniger nostalgische Pose als persönliches Bekenntnis. Auch „Der stille Zecher“ entfaltete jene bittersüße Atmosphäre zwischen Heurigenseligkeit und stiller Resignation, die das Wiener Lied seit jeher prägt.
Am Klavier erwies sich Willi Konstantin als sensibler und stilistisch versierter Begleiter. Der gebürtige Grieche überzeugte mit feinem Gespür für Tempo, Dynamik und musikalische Zwischentöne. Sein Spiel drängte sich nie in den Vordergrund, verlieh den Liedern jedoch eine warme, beinahe kammermusikalische Struktur, die den Abend atmosphärisch zusammenhielt.
Einen wirkungsvollen Kontrapunkt setzte Manfred Antonius Distel mit seinen Lesungen. Texte von Anton Krutisch, Trude Marzik und Ernst Kein brachten jene lakonische Wiener Sprachkultur auf die Bühne, die zwischen Humor, Alltagsbeobachtung und leiser Sozialkritik changiert. Vor allem „Untern Packpapier“ entfaltete in Distels Vortrag eine stille Eindringlichkeit, während die „Weana Schbrüch“ mit präzise gesetztem Sprachwitz überzeugten. Dabei gelang es ihm, den schmalen Grat zwischen volksnaher Unterhaltung und folkloristischer Überzeichnung souverän zu meistern.
Der Abend lebte von seiner Atmosphäre und gerade darin lag seine besondere Qualität. Die Wechsel zwischen Lied und Literatur erzeugten einen ruhigen, organischen Rhythmus, der dem Publikum Raum ließ, sich auf Tonfall, Sprache und Erinnerungsbilder einzulassen. Immer wieder stimmten die Besucher:innen textsicher und mit bemerkenswerter Musikalität in die bekannten Wiener Lieder ein. Einen besonders persönlichen Moment schuf Wolfgang Gerold, als er seine anwesenden Geschwister auf die Bühne bat und gemeinsam mit ihnen ein Lied ihres Vaters interpretierte. Die bewusst offene Struktur entsprach letztlich dem Wesen eines Wiener Abends, der nicht belehren, sondern erzählen wollte.
So wurde diese Benefizveranstaltung weit mehr als ein nostalgischer Rückblick. Sie verstand sich als liebevolle Vergegenwärtigung einer kulturellen Tradition, deren Wirkung bis heute aus der engen Verbindung von Musik, Sprache und unverwechselbarer Wiener Melancholie schöpft. Zugleich setzte der Abend ein sympathisches Signal für die Zukunft des Hauses unter neuer Leitung, bodenständig, publikumsnah und der Wiener Kulturgeschichte verpflichtet.
4 von 6 Sternen: ★★★★ Kritik & Fotos: Michaela Springer








