21.03.2026 Theater des Westens/ Berlin
WIR SIND AM LEBEN
Neues Berlin Musical feiert Weltpremiere
Die Erwartungen waren hoch, als sich der Vorhang des Berliner Theater des Westens am 21.03.26 zur Weltpremiere des Musicals WIR SIND AM LEBEN zum erstem Mal hob. Nach ihren mehrfach ausgezeichneten Ausnahmestücken KU’DAMM 56, KU’DAMM 59 sowie den Publikumslieblingen ROMEO UND JULIA und DIE AMME bringen Peter Plate und Ulf Leo Sommer nun gemeinsam mit Joshua Lange ihr bislang persönlichstes Projekt auf die Bühne. Bestückt mit privaten Erfahrungen erzählt das Musical eine Geschichte über das Leben, Lieben und Leiden im Berlin der frühen 90er Jahre und verfolgt dabei ein klares Ziel: „Mit WIR SIND AM LEBEN möchten wir erinnern. An die, die gegangen sind. An die, die zurückblieben. Und an das, was man nicht vergessen darf – auch wenn es leiser geworden ist. Ein Denkmal. Nicht aus Stein, sondern aus Musik, Geschichte und Gefühl“ (Plate und Sommer).
Im Zentrum der Handlung stehen die Bewohner*innen des KONSUM HOFFNUNG, einem zum Sorgentelefon umfunktionierten besetzten Altbau in Ostdeutschland, in dem unter anderem die Geschwister Nina (Celina dos Santos) und Mario (Markus Spagl) sowie ihre Mutter Rosi (Steffi Irmen) nach der Wende wieder aufeinandertreffen. Während Nina um Selbstbestimmung und die Erfüllung ihrer musikalischen Träume ringt, verliert Mario sich zunächst in seinen aufkommenden Gefühlen zu Profitänzer Nando (Daniel Pohlen), bevor er nach dem vorläufigen Ende der Beziehung Halt im berauschenden Berliner Nachtleben sucht. Währenddessen versucht Mutter Rosi, die mit großer Geste zwischen Fürsorge und Selbstinszenierung pendelt, die Familienharmonie wieder herzustellen. Am Ende sind es jedoch weniger Rosis zum Teil übergriffigen Bemühungen, als viel eher die Sorge um den an AIDS erkrankten Mitbewohner Bruno (Jörn-Felix Alt), die sich die ungleiche Familie einander annähern lässt.
Inhaltlich wagt sich WIR SIND AM LEBEN an Themen, die im deutschsprachigen Musical noch immer zu selten im Fokus stehen: female* Empowerment, das Sichtbarmachen queerer Lebensrealitäten sowie das Aufbrechen traditioneller Rollenbilder und Beziehungskonzepte. Der Anspruch ist hoch – und spürbar. Allerdings wirkt die Umsetzung stellenweise starr und überladen. Zu viele (teils stereotypische) Handlungsstränge konkurrieren miteinander, wodurch einzelne Figuren an Tiefe verlieren. Gerade hier verschenkt das Stück Potenzial, denn besonders in den leiseren, tragischen Momenten – etwa rund um die Figur Bruno – zeigt sich, welche emotionale Wucht eigentlich in dieser Geschichte steckt: Die Gleichzeitigkeit vom euphorisierten Hunger nach Leben und der lähmenden Trauer des Verlusts wird am Höhepunkt dieses Erzählstrangs besonders greifbar.
Musikalisch bewegt sich das Stück im eingängigen, emotionalen Klangbild des 90er-Jahre-Pop. Viele Songs bleiben sofort im Ohr, doch auch hier fehlt es gelegentlich an der letzten inhaltlichen Tiefe und der Symbiose von Musik und Handlung. Umso mehr stechen einzelne Nummern hervor: „Supernovadiscoslut“ sorgt für Energie, während der Titelsong „Wir sind am Leben“ in einer neuen Version überzeugt. Ein weiteres musikalisches Highlight liefert Celina dos Santos mit dem Rosenstolz-Liebling „Die Schlampen sind müde“. Hier löst sich die vierte Wand scheinbar wie von selbst auf – und die Emotionen werden von Bühnenfiguren und Publikum gleichermaßen getragen.
Auch darstellerisch kann die Produktion durch Bühnentalent und sichtbare Spielfreude überzeugen. Allen Beteiligten ist die Hingabe für ihre Figuren deutlich anzumerken. Vorreiterin bleibt hier – stimmlich wie im Spiel – Publikumsliebling Steffi Irmen, die in ihrer Rolle als schillernde Friseurmeisterin aus dem Osten für gewaltige Bühnenenergie und humoristische Höhepunkte sorgt.
So bleibt WIR SIND AM LEBEN ein ambitioniertes, wichtiges Musical, das nicht in allen Momenten die Balance zwischen Vielfalt und Tiefe findet, aber gerade dann am stärksten ist, wenn es innehält und seinen Figuren Raum gibt. Denn dann wird im Theater des Westens für einen Moment spürbar, was dieses „am Leben sein“ wirklich bedeutet, wie untrennbar Freude und Schmerz, Tragik und Komik ineinander verwoben sind. Und dass es sich genau deshalb lohnt, jeden Moment davon zu feiern.
4 von 6 Sternen: ★★★★ Kritik: Laura Schumacher

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