20.10.2026 - Freie Bühne Wien

24 Stunden im Leben einer Frau 
Ein Stefan Zweig Musical - Deutschsprachige Erstaufführung

Zwischen Leidenschaft und Kontrollverlust


Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Sergei Dreznins Musical an der Freien Bühne Wien wird Stefan Zweigs psychologische Novelle zu einem Musiktheaterabend zwischen experimentellem Klang, kammermusikalischer Intimität und einer malerisch geprägten Bildsprache. Im Zentrum steht eine Frau, deren geordnetes Leben durch eine einzige Begegnung aus dem Gleichgewicht gerät.

Monte Carlo, ein Spielkasino und das unablässige Kreisen des Roulettes. In Stefan Zweigs Novelle „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ begegnet Mrs. C. einem jungen Mann, dessen Leidenschaft für das Glücksspiel zerstörerische Züge angenommen hat. Aus Mitgefühl versucht sie, ihn vor dem Absturz zu bewahren. Doch die Begegnung entwickelt eine Eigendynamik, die ihr bisheriges Selbstverständnis erschüttert.

Am 6. Oktober 2026 erlebte Sergei Dreznins musikalische Bearbeitung an der Freien Bühne Wien ihre österreichische Erstaufführung. Regisseur Dennis Kozeluh verbindet psychologisches Schauspiel mit experimenteller Musik, Choreografie und einer visuellen Gestaltung, die zwischen konkreten Motiven und malerischen Bildwelten wechselt.

Shlomit Butbul gestaltet Mrs. C. als eine Frau, deren gesellschaftliche Souveränität zunehmend Risse bekommt. Sie ist weder bloß Opfer einer überwältigenden Leidenschaft noch selbstlose Helferin. Mitgefühl, Begehren und die Sehnsucht nach einem Ausbruch aus den Grenzen ihrer bisherigen Existenz greifen ineinander. Die Begegnung mit dem wesentlich jüngeren Mann eröffnet ihr eine neue Intensität, ohne ihr die erhoffte Freiheit zu verschaffen. Butbul arbeitet diese Ambivalenz heraus, ohne die Figur auf eine eindeutige Motivation festzulegen.

Jakob Pinter verkörpert den Spieler als einen Menschen, der zwischen dem Wunsch nach Befreiung und der Macht seiner Sucht gefangen bleibt. Seine Körpersprache lässt die innere Anspannung erkennen. Als er sich gegen Mrs. C.s Hilfsangebot wendet, schlägt die Verzweiflung in Aggression um. Die angebotene Rettung konfrontiert ihn mit seiner eigenen Ohnmacht und nimmt der Begegnung jede romantische Eindeutigkeit.

Reinwald Kranner übernimmt die Rolle des Erzählers und tritt zugleich als Stefan Zweig auf. Diese Doppelung schafft eine Reflexionsebene. Das Geschehen wird nicht nur dargestellt, sondern auch aus der Distanz der Erinnerung betrachtet. Kranner verbindet erzählerische Präsenz mit Einfühlungsvermögen und feinen ironischen Brechungen. Seine Figur verweist auf die Schwierigkeit, ein überwältigendes Erlebnis im Rückblick zu ordnen, ohne dessen Widersprüche aufzulösen.

Die Übertragung von Zweigs psychologisch verdichteter Prosa ins Musical stellt besondere Anforderungen. Wo die literarische Vorlage aus Erinnerungen, inneren Monologen und wechselnden Wahrnehmungen ihre Spannung bezieht, müssen Musik, Stimme und Körper die Konflikte unmittelbar erfahrbar machen.

Sergei Dreznin verantwortet Komposition und musikalische Leitung. Buch und Liedtexte stammen von Christine Khandjian und Stephane Ly-Cuong, die deutsche Übersetzung von Karlheinz Freynik. 
Dreznin setzt durchaus auf eingängige Melodien, die mitunter jedoch in allzu gefällige Einfachheit kippen, während seine experimentelle Klangsprache zugleich emotionale Brüche und psychische Unruhe aufnimmt.

Dreznin begleitet am Klavier, Violine und Violoncello ergänzen die kammermusikalische Besetzung. Die reduzierte Instrumentierung entspricht dem intimen Rahmen der Freien Bühne Wien und gibt den Stimmen sowie dem instrumentalen Zusammenspiel Raum. Die Komposition versucht, die Gefühle der Figuren nicht bloß zu illustrieren, sondern ihre Instabilität in Klang zu übersetzen.

Dieser Ansatz passt zu einer Geschichte, deren emotionale Entwicklung keinem geradlinigen Verlauf folgt. Allerdings verlangt die Musik dem Publikum konzentriertes Zuhören ab. Nicht jede Passage erreicht dieselbe dramaturgische Dichte, der experimentelle Ansatz überzeugt vor allem dort, wo Klang und szenische Bewegung präzise ineinandergreifen. Die Eigenständigkeit der musikalischen Sprache ist für sich genommen noch kein Garant für dramatische Spannung.

Sam Madwars Bühnenbild und Projektionen prägen die visuelle Dramaturgie. Neben realistischen Motiven stehen Bilder mit aquarellartiger Anmutung, deren fließende Konturen und weiche Übergänge dem Bühnenraum eine malerische Qualität verleihen. Die Bildsprache bewegt sich zwischen konkreter Verortung und atmosphärischer Offenheit, ohne sich durchgehend in abstrakte Formen aufzulösen.

Halbkreisförmige Bühnenelemente erinnern an die Bewegung des Roulettes. Sie strukturieren den Raum und verweisen auf den Zufall als Kraft, die sich menschlicher Kontrolle entzieht. Das Spielgerät wird so zum Sinnbild einer Existenz, in der Hoffnung und Ernüchterung einander ablösen.

Die Projektionen erweitern die Szenerie um eine zusätzliche Wahrnehmungsebene. Ihre aquarellartige Gestaltung lässt Bilder bisweilen ineinanderfließen und verleiht dem Geschehen eine traumähnliche Qualität. Realistische Motive verankern die Handlung in einer konkreten Umgebung, während die malerischen Übergänge Raum für subjektive Eindrücke und Erinnerungsbilder schaffen.

Auch die Vorhänge tragen zur Wirkung bei. Sie verdecken Szenen, begrenzen den Blick und erzeugen Momente des Entzugs. Dieses Wechselspiel von Sichtbarkeit und Verdeckung korrespondiert mit Zweigs Erzählweise, in der Erinnerungen und nachträgliche Deutungen entscheidend sind, die inneren Beweggründe jedoch nicht vollständig offengelegt werden.

Die Choreografie von Anna Lyubavina (auch als Tänzerin und Lotte auf der Bühne) ergänzt die Inszenierung um eine körperliche Dimension. Gesten, Körperhaltungen und Bewegungsabläufe machen Begehren, Abwehr und Abhängigkeit jenseits der Sprache sichtbar. Besonders beim Spieler wird deutlich, wie eng psychische Anspannung und körperlicher Ausdruck miteinander verbunden sind.

Kozeluhs Inszenierung vermeidet es, Zweigs Novelle auf eine sentimentale Liebesgeschichte zu reduzieren. Schauspiel, Musik, Choreografie und Projektionen eröffnen unterschiedliche Zugänge zum Geschehen. Allerdings fügen sie sich nicht durchgehend zu einer dramaturgisch geschlossenen Form. Wo die künstlerischen Mittel einander ergänzen, gewinnt der Abend an Intensität, andernorts droht ihre Eigenständigkeit die Figurenentwicklung zu überlagern.

Die Aktualität des 1927 veröffentlichten Stoffes liegt nicht zuletzt in seiner ambivalenten Darstellung weiblicher Selbstbestimmung. Mrs. C. überschreitet gesellschaftliche Grenzen und entdeckt Seiten ihrer Persönlichkeit, die in ihrem bisherigen Leben keinen Platz hatten. Doch der Ausbruch führt nicht zwangsläufig in die Freiheit. Ihre Fürsorge wird zur emotionalen Verstrickung, die Sehnsucht nach Intensität zur Erfahrung des Kontrollverlusts.

Auch der junge Mann ist mehr als ein Opfer seiner Spielsucht. Beide Figuren suchen einen Ausweg aus ihrer Situation und geraten zugleich tiefer in deren Dynamik. Das Glücksspiel verdichtet diesen Widerspruch. Es verspricht einen plötzlichen Neubeginn und nährt die Illusion, das Unberechenbare durch einen weiteren Einsatz beherrschen zu können. Während der Spieler auf den nächsten Gewinn hofft, sucht Mrs. C. nach einer Intensität, die ihrem bisherigen Leben fehlt.

Die Erzählperspektive verstärkt diese Ambivalenz. Mrs. C. blickt auf ein Erlebnis zurück, dessen Bedeutung sich nicht abschließend bestimmen lässt. Die Erinnerung bewahrt die Intensität des Augenblicks, ohne daraus eine eindeutige Lehre abzuleiten. Der Auftritt des Erzählers als Stefan Zweig macht die Distanz zwischen Erleben und Erzählen sichtbar. Rückblickend lässt sich das Geschehene ordnen, seine Widersprüche lassen sich jedoch nicht einfach auflösen.

Mit der österreichischen Erstaufführung erschließt die Freie Bühne Wien einen literarisch anspruchsvollen Stoff für das Musiktheater. Dreznins Komposition, Madwars Bühnenbild und Projektionen sowie Lyubavinas Choreografie eröffnen eigenständige Perspektiven auf Zweigs psychologische Erzählweise. Nicht alle Elemente finden gleichermaßen überzeugend zusammen, doch der Verzicht auf konventionelle Musicalformen schafft Raum für die Ambivalenz der Vorlage.

Der Abend überzeugt vor allem dort, wo Musik, Bild und Darstellung die inneren Konflikte der Figuren verdichten. Seine experimentelle Ausrichtung verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf eine weniger melodisch orientierte Form des Musiktheaters einzulassen. Die Balance zwischen atmosphärischer Gestaltung und dramatischer Zuspitzung bleibt dabei die entscheidende Herausforderung.

Was können vierundzwanzig Stunden im Leben eines Menschen verändern? Bei Zweig ist es nicht allein die Begegnung mit einem anderen Menschen, sondern die Konfrontation mit einer Seite des eigenen Selbst, die bislang verdrängt wurde. Der Augenblick erschüttert die bestehende Ordnung, ohne ihm nachträglich einen eindeutigen Sinn zu verleihen.

Die Geschichte wirft damit eine Frage auf, die über Mrs. C.s Schicksal hinausreicht. Wie frei sind Menschen in ihren Entscheidungen, wenn Sehnsucht, gesellschaftliche Erwartungen und emotionale Abhängigkeit ineinandergreifen? Zweigs Novelle gibt darauf keine beruhigende Antwort. Ihre anhaltende Kraft liegt darin, menschliches Handeln nicht auf einzelne Entscheidungen zu reduzieren, sondern die Widersprüche sichtbar zu machen, aus denen sie hervorgehen. 

4 von 6 Sternen: ★★★★
Kritik: Michaela Springer; 
Fotos: sLkphoto.at, Sebastian Kreuzberger

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