30.10.2026 - Stadttheater Baden/ NÖ
Zwischen Märchenzauber und dunkler Verführung
Disneys ARIELLE, DIE MEERJUNGFRAU
Deutschsprachige Erstaufführung
Mit Disneys ARIELLE, DIE MEERJUNGFRAU verwandelt sich das Stadttheater Baden in eine farbenprächtige Unterwasserwelt. Die deutschsprachige Erstaufführung des Musicals von Alan Menken, Howard Ashman, Glenn Slater und Doug Wright präsentiert sich in der Inszenierung von Andreas Gergen als opulentes Bühnenerlebnis, das märchenhafte Bildwelten mit den musikalischen Qualitäten des Disney-Klassikers verbindet. Ein Stoff, der seit dem Animationsfilm von 1989 generationenübergreifend im kulturellen Gedächtnis verankert ist, wird hier mit den Mitteln des Musiktheaters neu belebt.
Das Bühnenbild von Momme Hinrichs prägt die visuelle Handschrift der Produktion entscheidend. Statt die Unterwasserwelt naturalistisch nachzubilden, entwirft er im Zusammenspiel von Projektionen, räumlichen Elementen und bewegten Stoffformationen eine poetisch verfremdete Bildsprache. Fließende Stoffbahnen lassen die Bewegung des Wassers erahnen, schaffen räumliche Tiefe und verleihen den Szenen eine beinahe schwerelose Dynamik. Die unterschiedlichen Schauplätze erhalten dadurch jeweils eine eigene Atmosphäre.
Das Lichtdesign von Andrew Voller akzentuiert die wechselnden Stimmungen und unterstützt die Übergänge zwischen der Unterwasserwelt und dem Reich der Menschen mit großer visueller Konsequenz. Bemerkenswert ist dabei, dass die Ausstattung nie zum bloßen Selbstzweck wird, sondern stets Teil der Erzählung bleibt.
Das darstellerische Zentrum des Abends bildet zweifellos Maya Hakvoort als Meerhexe Ursula. Ihre Interpretation verleiht der Figur eine außergewöhnliche Präsenz und löst sie aus dem Klischee der eindimensionalen Disney-Antagonistin. Hakvoort zeichnet Ursula als machtbewusste Verführerin, die um ihre Wirkung weiß und ihr Gegenüber mit kalkulierter Raffinesse in Abhängigkeit bringt. Dunkle Eleganz, diabolischer Humor und eine souveräne Portion Selbstironie verbinden sich zu einer Bühnenfigur, die gleichermaßen fasziniert wie einschüchtert.
Die besondere Qualität ihrer Darstellung liegt in der Differenziertheit. Hakvoort muss Ursulas Boshaftigkeit nicht durch permanente Überzeichnung demonstrieren. Oft genügen eine Geste, ein Blick oder eine präzise gesetzte vokale Nuance, um den Machtanspruch der Meerhexe spürbar werden zu lassen. Ihre Ursula bewegt sich virtuos zwischen Verführung und Bedrohung, grotesker Komik und tatsächlicher Gefahr. Gerade diese Ambivalenz macht die Interpretation so reizvoll.
Auch gesanglich setzt Hakvoort eindrucksvolle Akzente. Mit vokaler Autorität und ausgeprägtem Gespür für die musikalische Dramaturgie stattet sie die Rolle mit jener Souveränität aus, die aus langjähriger Bühnenerfahrung erwächst. Gesangliche Ausdruckskraft und darstellerische Präzision gehen dabei eine überzeugende Verbindung ein. Besonders in den Szenen, in denen Ursula Arielle zu ihrem verhängnisvollen Handel verleitet, zeigt sich Hakvoorts Gespür für die subtilen Verschiebungen der Machtverhältnisse. Aus einer vermeintlich märchenhaften Verlockung wird ein psychologisch aufgeladenes Ringen um Abhängigkeit, Sehnsucht und Selbstbestimmung.
Auch optisch ist Ursula eine Erscheinung von besonderer Wirkung. Kostüm und Maske unterstreichen das Dämonische der Figur, ohne ihre extravagante Grandezza preiszugeben. In der Verbindung von äußerer Gestaltung und darstellerischer Präsenz entsteht eine Bühnenfigur, die das Geschehen weit über ihre dramaturgische Funktion hinaus prägt. Hakvoort macht Ursula zum eigentlichen Ereignis des Abends.
In der Titelrolle überzeugt Anna Rosa Döller als Arielle. Sie verleiht der jungen Meerjungfrau eine lebendige Mischung aus Neugier, Unbekümmertheit und emotionaler Sehnsucht. Ihren inneren Konflikt, den Wunsch, die vertraute Welt hinter sich zu lassen und ein Leben jenseits der vorgegebenen Grenzen zu führen, macht sie nachvollziehbar. Döller verbindet natürliche Spielfreude mit musikalischer Präsenz und gibt Arielles Suche nach einem selbstbestimmten Dasein eine glaubwürdige emotionale Grundlage. Ihre Darstellung gewinnt gerade dort an Überzeugungskraft, wo hinter der jugendlichen Unbeschwertheit die Unsicherheit einer jungen Frau sichtbar wird, die sich zwischen Herkunft und Zukunft entscheiden muss.
Timotheus Hollweg gestaltet Prinz Erik mit angenehm unprätentiöser Natürlichkeit. Sein Prinz benötigt weder große Gesten noch demonstrative Eleganz, um Präsenz zu entwickeln. Stattdessen zeichnet Hollweg einen sympathischen, unbeschwerten und nahbaren jungen Mann. Er nimmt der Märchenfigur etwas von ihrer traditionellen Erhabenheit und ersetzt sie durch menschliche Wärme. Seine Darstellung lebt von einer unaufdringlichen Bühnenpräsenz und einem guten Gespür für die romantischen wie humorvollen Momente der Geschichte. So entsteht ein Prinz, der nicht allein durch seine Funktion innerhalb der Liebesgeschichte überzeugt, sondern vor allem durch seine menschliche Seite.
Michael Duregger gestaltet Grimsby mit feinem Gespür für Charakter und Komik. Zwischen höfischer Zurückhaltung, väterlicher Fürsorge und subtiler Ironie entwickelt er eine glaubwürdige Bühnenfigur, die dem Geschehen zusätzliche Farbe verleiht. Sein differenziertes Spiel setzt einen angenehm unaufgeregten Akzent und bereichert das Ensemble um eine markante Persönlichkeit.
Andreas Lichtenberger verleiht König Triton eine kraftvolle, zugleich vielschichtige Persönlichkeit. Mit großer Präsenz beherrscht er die Bühne und lässt keinen Zweifel an der Autorität des Herrschers über die Unterwasserwelt. Hinter der imposanten Erscheinung verbirgt sich jedoch ein Vater, dessen größte Schwäche seine Liebe zu Arielle ist. Er möchte seine Tochter vor einer Welt bewahren, die er nicht versteht und der er misstraut. Dabei übersieht er, dass sie längst eigene Vorstellungen von ihrem Leben entwickelt hat.
Lichtenberger gestaltet diesen Konflikt mit spürbarer Intensität. Sein Triton kann streng und aufbrausend sein, bleibt dabei aber stets mehr als ein autoritärer Herrscher. Immer wieder wird die Sorge um seine Tochter sichtbar, ebenso die Hilflosigkeit eines Vaters, der erkennen muss, dass seine Fürsorge zunehmend als Bevormundung empfunden wird. Gerade in den ruhigeren, emotionalen Momenten gewinnt die Figur an berührender Tiefe. Auch körperlich hat man Lichtenberger zu einer eindrucksvollen Erscheinung gemacht. Stimme, Haltung und kraftvolle Ausstrahlung verleihen dem Meereskönig die notwendige Autorität, ohne seine menschlichen Widersprüche zu überdecken.
Für komödiantische Leichtigkeit sorgt Ramesh Nair als Sebastian. Mit präzisem Timing, körperlicher Beweglichkeit und ausgeprägtem Gespür für Situationskomik entwickelt er die Krabbe zu einer eigenständigen und ausgesprochen charmanten Bühnenfigur. Seine Darstellung bringt Schwung in das Geschehen.
Jens Emmert setzt als Scuttle weitere humorvolle Akzente.
Das Ensemble trägt wesentlich dazu bei, die Unterwasserwelt als lebendigen, vielgestaltigen Bühnenkosmos erfahrbar zu machen.
Einen weiteren komödiantischen Höhepunkt liefert Beppo Binder als Chef Louis. In Erscheinung und Spielweise orientiert er sich deutlich am Zeichentrickoriginal. Mit ausgeprägter Mimik, körperbetontem Spiel und pointierter Komik überträgt er den charakteristischen Humor der animierten Vorlage wirkungsvoll auf die Musicalbühne. Seine Darstellung besitzt einen hohen Wiedererkennungswert und bedient den nostalgischen Charme der bekannten Figur, ohne sich allein darauf zu beschränken.
Die Kostüme von Aleksandra Kica fügen sich stimmig in das visuelle Gesamtkonzept ein und überzeugen durch fantasievolle, charakterbezogene Kreationen. Insbesondere die tierischen Figuren erhalten eine eigenständige gestalterische Identität.
Im Zentrum steht nicht allein eine romantische Liebesgeschichte, sondern die Sehnsucht einer jungen Frau, die Grenzen ihrer Herkunft zu überwinden und eine eigene Identität zu entwickeln. Der Handel mit Ursula wird zum Sinnbild einer folgenreichen Entscheidung. Arielle gibt ihre Stimme auf, um Zugang zu einer fremden Welt zu erhalten. Darin liegt eine durchaus ambivalente Metapher für Anpassung, Identitätsverlust und den Preis persönlicher Freiheit.
Musikalisch trägt vor allem die eingängige, melodienreiche Partitur Alan Menkens den Abend. Nummern wie „Unten im Meer“ und „Ein Mensch zu sein“ haben längst Klassikerstatus und entfalten auch auf der Bühne ihre unmittelbare Wirkung. Der Wechsel zwischen großen Ensemblenummern, gefühlvollen Balladen und humorvollen musikalischen Passagen sorgt für einen abwechslungsreichen Spannungsbogen. Zugleich bleibt die musikalische Dramaturgie den Konventionen des klassischen Disney-Musicals verpflichtet. Nicht jede Nummer entwickelt über ihre nostalgische Vertrautheit hinaus eine eigenständige theatrale Kraft. Die Inszenierung begegnet dieser Einschränkung mit Tempo, Spielfreude und visueller Opulenz, vermag die dramaturgischen Grenzen der Vorlage jedoch nicht vollständig zu überwinden.
Andreas Gergen gelingt insgesamt ein unterhaltsames und visuell überzeugendes Musicalerlebnis, dessen Stärken im Zusammenspiel von Ausstattung, Ensemble und musikalischer Umsetzung liegen. Die Produktion setzt auf die großen Qualitäten des Unterhaltungstheaters, lässt dabei aber auch Raum für emotionale Zwischentöne und charakterliche Nuancen. Das Stadttheater Baden beweist, dass ein weithin vertrauter Disney-Stoff auch auf der Musicalbühne seine Anziehungskraft entfalten kann, wenn Inszenierung und Darstellende ihm eine eigene Handschrift verleihen.
ARIELLE ist ein Abend voller Fantasie, musikalischer Wiedererkennung und aufwendiger Bühnenästhetik.
Noch bis 30. April 2027.
5 von 6 Sternen: ★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Lalo Jodlbauer/ Bühne Baden




















