18.10.2026 - Theater Center Forum/ Wien
AUSSER KONTROLLE
Ein Minister auf Abwegen, eine Leiche und amouröse Verwicklungen. Ray Cooneys britische Boulevardkomödie „Außer Kontrolle“ versammelt alles, was eine turbulente Farce braucht.
Die Neue Bühne Wien verlegt das Stück unter der Regie von Nici Neiss ins Wien des Jahres 1924, genauer gesagt ins Hotel Sacher. Als Schauplatz ist das Haus mit seiner Aura von Eleganz, Exklusivität und Diskretion durchaus treffend gewählt. Wo gesellschaftliches Prestige gepflegt wird, darf schließlich nichts den guten Ruf gefährden. Dass sich hinter den Kulissen nicht immer alles so geordnet abspielt, wie es nach außen scheint, gehört zum Reiz dieser Kulisse.
Ein Seitensprung ist heikel genug. Wird er von einem Bundesminister begangen und liegt plötzlich eine Leiche im Hotelzimmer, ist das Chaos perfekt. Dr. Alfred Grünberger, Minister für äußere Angelegenheiten, hat sich mit einer Sekretärin der Opposition zu einem heimlichen Stelldichein verabredet. Doch statt eines ungestörten Rendezvous erwartet ihn eine Katastrophe nach der anderen. Eine Leiche muss verborgen, die misstrauische Hoteldirektorin beschwichtigt und jeder Verdacht von der eigenen Person abgelenkt werden. Grünberger windet sich von einer Ausrede zur nächsten und verliert dabei zusehends die Kontrolle über die Lage.
Kaum scheint ein Problem gelöst, tut sich bereits das nächste auf. Die Figuren reden sich um Kopf und Kragen, während jeder Versuch, die Wahrheit zu vertuschen, die Situation weiter verschärft. Der politische Rang des Protagonisten verleiht dem Geschehen zusätzliche Brisanz, bleibt allerdings vor allem komödiantisches Mittel. Dass ein Minister seine gesellschaftliche Stellung zur Rettung der eigenen Haut einsetzt und die Verantwortung kurzerhand anderen überlässt, böte durchaus Ansatzpunkte für eine bissige Satire auf politische Doppelmoral. Im Vordergrund steht jedoch das turbulente Verwirrspiel.
Robert Kolar spielt den Oberkellner als abgeklärten Mann, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Er kennt die Gepflogenheiten des Hauses und weiß, wann es ratsam ist, nicht allzu viele Fragen zu stellen. Seine Hilfsbereitschaft hat allerdings ihren Preis. Ein angemessenes Trinkgeld kann schließlich manches erleichtern.
Kolar trifft den trockenen Humor seiner Figur, die auch im größten Durcheinander an ihrer professionellen Haltung festhält. Der Oberkellner hilft, solange sich die Angelegenheit für ihn lohnt. Seine Loyalität gilt weniger der Wahrheit als dem zahlenden Gast. Das passt zu einem Hotel, in dem der gute Ruf oberste Priorität genießt und unangenehme Zwischenfälle möglichst diskret erledigt werden sollen.
Doris Drechsel übernimmt zwei Rollen. Als Paula Grünberger ist sie die Ehefrau des Ministers, die es ihrerseits mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nimmt.
In ihrer zweiten Rolle tritt Drechsel als Frau Sacher mit Zigarre und resolutem Auftreten auf. Sie führt das Haus mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die weiß, was sie will. Wenn es um den Ruf ihres Hotels geht, versteht sie keinen Spaß. Auch sie hat wenig Interesse daran, dass Unangenehmes an die Öffentlichkeit dringt. Drechsel verleiht beiden Figuren ein eigenes Profil und nutzt die Gegensätzlichkeit der Rollen für komödiantische Effekte.
Leila Strahl spielt sowohl die Geliebte des Ministers als auch eine Schweizer Krankenschwester. Als Geliebte setzt sie die Verwicklungen in Gang, als Krankenschwester bringt sie eine andere Entschlossenheit ins Spiel. Die Doppelbesetzung lebt vom Kontrast zwischen den Figuren, auch wenn beide vornehmlich dazu dienen, die Handlung weiter voranzutreiben.
Wilhelm Prainsack übernimmt den englischen Detektiv und den kärntnerischen Ehemann der Geliebten. Letzterer passt mit seiner direkten Art nur bedingt in die vornehme Welt des Hotels. Während die anderen noch nach einer passenden Ausrede suchen, handelt er lieber gleich. Prainsack bringt damit eine andere Tonlage ins Geschehen und sorgt für zusätzliche Unruhe.
Doppelbesetzungen gehören zu den bewährten Mitteln der Farce. Sie können Verwechslungen verschärfen und zusätzliche Pointen ermöglichen, verlangen aber eine klare Charakterisierung und präzises Timing. Schließlich muss das Publikum den Überblick behalten, während die Figuren ihn längst verloren haben.
Besonders Hubert Wolf als Minister und Victor Kautsch als dessen Sekretär setzen mit ihrem Zusammenspiel darstellerische Akzente. Ihr Spiel lebt von einer ausgeprägten Körpersprache, pointierter Gestik und nuancierter Mimik. Beide gestalten ihre Rollen nicht allein über den Dialog, sondern ebenso über Blicke, Bewegungen und fein abgestimmte Reaktionen. Gerade in diesen Momenten gewinnt die Komödie an Präzision.
Victor Kautsch verleiht Georg Pechinger eine bemerkenswerte Ambivalenz. Zwischen Muttersöhnchen und pflichtbewusstem Beamten changierend, verkörpert er einen Mann, dessen bisweilen unbeholfene Erscheinung in deutlichem Kontrast zu seinem ausgeprägten Pflichtgefühl steht. Pechinger ist kein abgeklärter Strippenzieher, sondern einer, der sich mit beinahe kindlicher Anhänglichkeit und zugleich großem Ernst an seine Aufgaben klammert. Seine Leidenschaft für Österreich und sein Wille, dem Land zu dienen, werden dabei zu einer ebenso komischen wie charakteristischen Triebkraft.
Kautsch spielt diese Widersprüchlichkeit mit feinem Gespür für Nuancen aus. Seine Mimik verrät, was die Figur lieber verbergen würde, seine Gestik macht aus innerer Unsicherheit eine präzise gesetzte Pointe. Gerade das Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Abhängigkeit und amtlichem Pflichtbewusstsein verleiht seiner Darstellung Profil. Pechingers Ernsthaftigkeit wirkt dabei umso komischer, je stärker sie mit den fragwürdigen Motiven seines Vorgesetzten kollidiert.
Hubert Wolf zeichnet als Minister Alfred Grünberger das Gegenbild. Sein Protagonist versucht, die eigene gesellschaftliche Stellung zu nutzen, um sich aus einer selbstverschuldeten Misere zu befreien. Um die eigene Haut zu retten, bürdet er die Verantwortung seinem Sekretär auf. Wolf gestaltet diese taktischen Manöver mit sichtbarer Lust am Ausweichen und Taktieren. Blicke und kalkulierte Reaktionen lassen erkennen, wie Grünberger sich immer tiefer in sein Lügengebäude verstrickt. Je entschlossener er die Kontrolle zurückzugewinnen versucht, desto deutlicher tritt sein Scheitern zutage. Wolf verleiht dem Minister jene Mischung aus Berechnung, Nervosität und Selbstgerechtigkeit, die das komische Potenzial der Figur freilegt.
Im Zusammenspiel treffen Kautschs pflichtbewusster Ernst und seine beinahe unbeirrbare Hingabe auf Wolfs strategische Ausweichbewegungen. Hier der Beamte, der seine Aufgabe ernst nimmt, dort der Minister, der die eigenen Interessen über seine Verantwortung stellt. Die Komik entsteht aus diesem Gegensatz ebenso wie aus dem präzisen Zusammenspiel von Gestik und Mimik. Wolf und Kautsch beweisen ein ausgeprägtes Gespür für Timing und Charakterzeichnung. Ihre Szenen gehören zu den markantesten darstellerischen Momenten des Abends.
Das detailreich eingerichtete Hotelzimmer von Martin Gesslbauer bildet den Mittelpunkt des Geschehens. Hier treffen die Beteiligten aufeinander, hier werden Geheimnisse verborgen und neue Ausflüchte erfunden. Die Ausstattung unterstreicht das mondäne Ambiente, das in wirkungsvollem Kontrast zu den zunehmend absurden Vorgängen steht. Der Raum wird zum Schauplatz eines Versteckspiels, in dem jeder versucht, den Überblick zu bewahren und zugleich möglichst wenig preiszugeben.
Die Verlegung ins Wien des Jahres 1924 erweist sich als passende Entscheidung. Das Hotel Sacher steht für gesellschaftliches Prestige und die Kunst, heikle Angelegenheiten unter Verschluss zu halten. Dass ausgerechnet in diesem Umfeld die Dinge aus dem Ruder laufen, liefert der Komödie zusätzliche Fallhöhe. Auch die Kostüme von Petra Teufelsbauer orientieren sich an Zeit und gesellschaftlichem Status und tragen dazu bei, das historische Ambiente zu verankern.
Nici Neiss setzt auf das Tempo und die raschen Wendungen, von denen Cooneys Stück lebt. Eine Panne folgt auf die nächste, und die Figuren versuchen mit immer abenteuerlicheren Ausreden, ihre Lage zu retten. Das verlangt Präzision auf der Bühne. Wenn jede Szene bereits auf die nächste Katastrophe zusteuert, darf das Timing nicht ins Stocken geraten. Die Inszenierung konzentriert sich auf die Mechanik der Farce und lässt die Verwicklungen für sich sprechen.
Mit AUSSER KONTROLLE setzt die Neue Bühne Wien auf ein Genre, das von der Lust am Übermaß lebt und sein Publikum für einige Stunden aus dem Alltag entführt. Die Inszenierung findet ihren Reiz im Spiel mit gesellschaftlichen Fassaden und der Erkenntnis, dass selbst die vornehmste Umgebung keine Garantie für Anstand und Ordnung bietet. Nici Neiss hält den Blick auf das komödiantische Geschehen gerichtet und lässt der Vorlage ihren Raum. So entsteht ein unterhaltsamer Theaterabend, der nicht den Anspruch erhebt, die Welt aus den Angeln zu heben, dafür aber mit leichter Hand daran erinnert, wie brüchig der schöne Schein sein kann.
Bis 31.12.2026 im Theater Center Forum.
5 von 6 Sternen: ★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: NBW/ Robert Peres



























