23.10.2026 - Komödie am Kai/ Wien
Blick zurück - EDITH LEYRER
Edith Leyrer erzählt in der Komödie am Kai von 75 Bühnenjahren, außergewöhnlichen Begegnungen und den Absurditäten des Theaterlebens. Mit „Blick zurück“ startet das Haus zugleich eine vielversprechende Gesprächsreihe, die das Programm um eine persönliche und facettenreiche Perspektive erweitert.
Wer 75 Jahre Bühnenerfahrung mitbringt, muss nicht lange nach Geschichten suchen. Es genügt, die richtigen Stichwörter zu liefern. Genau das zeigte sich beim Auftakt der neuen Gesprächsreihe „Blick zurück“ in der Komödie am Kai. Im Gespräch mit Peter Horak ließ Edith Leyrer Stationen ihres bewegten Künstlerlebens Revue passieren. Dabei erwies sie sich nicht nur als kenntnisreiche Chronistin ihrer eigenen Laufbahn, sondern vor allem als begnadete Erzählerin mit ausgeprägtem Sinn für schwarzen Humor.
Horak musste die Stichwörter oft nur in den Raum stellen, schon nahm Leyrer den Faden auf. Sie erzählte frei, baute Spannung auf und setzte ihre Pointen mit sicherem Gespür für den richtigen Moment. Mal war es entwaffnende Selbstironie, mal eine bissige Bemerkung, die das Publikum zum Lachen brachte. Ihr Vortrag wirkte dabei nie bemüht. Vielmehr entstand der Eindruck, als würden die Erinnerungen im Erzählen erst ihre endgültige Form finden. Leyrer weiß, wie man eine Geschichte zum Leben erweckt und wie man sie beendet, bevor die Pointe ihre Wirkung verliert.
Begonnen hatte alles als „Kater Schnurr“ am Raimundtheater. Von dort führte ihr Weg durch Jahrzehnte österreichischer Theatergeschichte und zu Begegnungen, die bis heute in Erinnerung geblieben sind. Eine davon war jene mit Josephine Baker, die Leyrer als Zehnjährige erlebte. Zunächst habe sie die berühmte Künstlerin, so ihre ungeschminkte Erinnerung, für eine Putzfrau gehalten. Die Anekdote lebt vom Gegensatz zwischen kindlicher Wahrnehmung und der außergewöhnlichen Ausstrahlung einer Frau, deren Bühnenpräsenz offenbar auch auf das junge Mädchen Eindruck machte.
Besonders anschaulich geriet die Erinnerung an Leonard Bernstein. Während einer Vorstellung der „West Side Story" verbarg der Komponist und Dirigent den Kopf in den Händen. Auf der Bühne machte sich Verunsicherung breit. Das Ensemble, das alles gegeben hatte, befürchtete, Bernstein missfalle die Darbietung. Erst Marcel Prawy sorgte in der Pause für Aufklärung. Bernstein hatte nicht aus Enttäuschung, sondern aus Rührung geweint. Was zunächst wie eine Niederlage erschien, entpuppte sich als bewegender Erfolg. Die Geschichte zeigt, wie leicht sich die Stimmung eines Augenblicks falsch deuten lässt und wie viel Dramatik selbst in den Zwischenräumen eines Theaterabends steckt.
Mit Bernstein verband Leyrer auch eine durchtanzte Nacht. Ein später kursierendes Gerücht über ein mögliches Verhältnis mit dem berühmten Musiker ließ sie, wie sie erzählte, durchaus wohlwollend stehen. Die Episode passt zu ihrem Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Sie muss nichts beschönigen, aber auch nicht jede Anekdote nachträglich zurechtrücken. Wo sich das Leben eine Pointe erlaubt, überlässt sie ihm gern das letzte Wort.
Auch Begegnungen bei Essen mit Tony Curtis und Omar Sharif fanden Eingang in den Erinnerungsreigen. Leyrer berichtete von solchen Erlebnissen ohne jene ehrfürchtige Distanz, die prominente Namen mitunter zu bloßen Trophäen einer Biografie macht. Bei ihr gehören sie selbstverständlich zu einem Leben, in dem sich die großen Momente und die kleinen Absurditäten des Alltags nicht ausschließen.
Dass sie beinahe zur Herrin des Simpl geworden wäre, gehört zu den weniger glamourösen, dafür umso aufschlussreicheren Geschichten des Abends. Als die damalige Eigentümerin Wüstenrot die Miete von ursprünglich 18.000 auf 180.000 Schilling erhöhen wollte, lehnte Leyrer ab. Aus dem Vorhaben wurde nichts. Die Episode erzählt von einer Gelegenheit, die sich nicht verwirklichen ließ, aber auch von der Nüchternheit, mit der Leyrer eine wirtschaftlich nicht vertretbare Entscheidung erkannte. Leidenschaft allein genügt eben nicht immer, um ein Theater zu führen.
Dias ergänzten das Gespräch und gaben den Erinnerungen ein visuelles Gegenüber. Im Mittelpunkt blieb jedoch Leyrer selbst, ihre Stimme, ihre Präsenz und die Fähigkeit, aus einer scheinbar beiläufigen Begebenheit eine kleine Szene zu formen. Sie braucht keine Rolle, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ihr Timing, ihre pointierte Sprache und die Bereitschaft, auch über sich selbst zu lachen, tragen den Abend.
Der Titel „Blick zurück“ bezeichnet dabei mehr als eine nostalgische Rückschau. Das Gespräch fand am Vorabend von Leyrers 83. Geburtstag statt, den sie am 24. Oktober feiert. So bekam der Rückblick eine zusätzliche zeitliche Perspektive. Hier erzählte keine Künstlerin, die mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen hat, sondern eine Frau, deren Erinnerungen lebendig geblieben sind und deren Lust am Erzählen ungebrochen scheint.
Mit „Blick zurück“ beweist die Komödie am Kai Gespür für eine Form der Theatervermittlung, die das bestehende Programm vielversprechend erweitert. Das Haus öffnet sich damit einem Format, das neben Inszenierungen und klassischem Bühnenspiel einen eigenen Platz für persönliche Erinnerungen, biografische Erfahrungen und den unmittelbaren Austausch mit dem Publikum schafft. Gerade darin liegt das Potenzial der Reihe. Theatergeschichte wird nicht abstrakt vermittelt, sondern durch Menschen erfahrbar, die sie selbst erlebt und mitgestaltet haben.
Der Auftakt mit Edith Leyrer macht deutlich, wie viel sich aus diesem Ansatz gewinnen lässt. Ein solches Gespräch lebt nicht allein von einem prominenten Namen, sondern von der Persönlichkeit des Gastes, seiner Erzählkunst und der Qualität des Dialogs. Wenn dabei, wie an diesem Abend, Humor, überraschende Einblicke und persönliche Geschichten zusammenkommen, entsteht eine eigene Form des Theatererlebnisses.
Edith Leyrer bewies einmal mehr, dass eine gute Pointe keine Frage des Alters ist, sondern des Timings.
Die Komödie am Kai erweitert damit nicht nur die Vielfalt ihres Programms, sondern schafft Raum für Begegnungen, die auf einer klassischen Theaterbühne in dieser Form kaum möglich wären.
Die Reihe „Blick zurück“ wird fortgesetzt mit:
Gerti Senger am 1.12.2026
Gerhard Ernst am 23.2.2027
Alfons Haider am 17. März 2027
Daniela Ziegler am 17. April 2027
Bericht: Michaela Springer; Fotos: Wolfgang Springer














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