14.08.2026 - Stadttheater Baden/ NÖ

BROADWAY IN BADEN
Ein Sommerabend zwischen Glanz und großer Geste


Ein Musicalabend, der mit „Circle of Life“ eröffnet wird, setzt die Maßstäbe hoch. Die Bühne Baden beginnt ihr Sommernachtskonzert mit einem der ikonischsten Ensemble-Momente des Musiktheaters und formuliert damit zugleich das ästhetische Programm des Abends. BROADWAY IN BADEN versteht sich weniger als enzyklopädischer Streifzug durch die Geschichte des Musicals denn als sinnlich unmittelbare Begegnung mit großen Melodien, markanten Stimmen und den visuellen Signaturen eines Genres, das längst weit über den Broadway hinausgewachsen ist.

Mit Moritz Mausser, Drew Sarich, Ana Milva Gomes und Maya Hakvoort stehen vier Solisten auf der Bühne, die das Musical aus unterschiedlichen künstlerischen Perspektiven repräsentieren. Gemeinsam mit Orchester, Chor und Tanzensemble entfalten sie ein weit gespanntes Panorama, das Broadway und West End ebenso einschließt wie Disney, deutschsprachiges Musiktheater und Popmusical. „Hair“, „Elisabeth“, „Jesus Christ Superstar“, „Mamma Mia!“, „La Cage aux Folles“ und „Rock Me Amadeus“ stehen dabei nicht für eine chronologische Entwicklungsgeschichte, sondern für die stilistische Offenheit und Durchlässigkeit des Genres.

Bereits die Eröffnung besitzt eine beinahe zeremonielle Größe, bevor das Programm bewusst in intimere und komödiantischere Sphären wechselt. Die Dramaturgie folgt keiner linearen Chronologie, sondern setzt auf Kontraste und assoziative Übergänge. Das verleiht dem Abend Beweglichkeit, lässt ihn mitunter jedoch eher als Revue denn als konsequent entwickelten dramaturgischen Bogen erscheinen. Die Nummern behaupten sich vielfach aus eigener Kraft, weniger stark ausgeprägt ist eine übergeordnete erzählerische oder thematische Entwicklung.

Überzeugend wird der Abend dort, wo Chor und Tanzensemble nicht bloß als dekorative Verstärkung der Solisten eingesetzt werden, sondern selbst zu Trägern musikalischer und szenischer Energie avancieren. Besonders die Ausschnitte aus „Hair“ gewinnen ihre Wirkung aus Rhythmus, Körperlichkeit und kollektiver Präsenz. Hier wird eine wesentliche Qualität der Gala sichtbar. Musical erschöpft sich nicht in der Virtuosität einzelner Stimmen, sondern entsteht aus dem Zusammenspiel von Gesang, Bewegung und Ensemble.

Die Solistinnen und Solisten setzen dabei deutlich konturierte individuelle Akzente. Ana Milva Gomes überzeugt durch vokale Souveränität und eine Bühnenpräsenz, die große musikalische Linien nicht mit bloßer Lautstärke verwechselt. Auch in emotional exponierten Nummern bewahrt sie eine klare gestalterische Kontur und verbindet vokale Kraft mit Präzision.

Maya Hakvoort bringt jene Autorität mit, die das große deutschsprachige Musicalpathos verlangt. In „Ich gehör’ nur mir“ wird das vertraute Material aus „Elisabeth“ nicht zur bloßen Reminiszenz, sondern zu einer eigenständigen, selbstbewussten Aussage. Hakvoort verfügt über die seltene Fähigkeit, eine Konzertnummer auch ohne vollständige szenische Einbettung als Charakterstudie erfahrbar zu machen.

Moritz Mausser setzt einen anders gelagerten Akzent. Seine Interpretationen sind körperlich präsent, zugespitzt und deutlich auf dramatische Wirkung hin angelegt. Gerade im Spannungsfeld von großer Geste und unmittelbarer Bühnenpräsenz zeigt sich seine Qualität als Musicaldarsteller. Er nutzt die Möglichkeiten des Galaformats, ohne die theatrale Dimension der Nummern aus dem Blick zu verlieren.

Drew Sarich wiederum bringt eine ausgeprägte Rocktheater-Energie ein. In „Gethsemane“ aus „Jesus Christ Superstar“ verdichtet sich der Abend zu einem jener Momente, in denen das Galaformat beinahe in szenisches Musiktheater umschlägt. Sarich verbindet vokale Kraft mit kontrollierter Steigerung und macht die innere Zerrissenheit der Figur hörbar, ohne die Nummer auf einen reinen Kraftakt zu reduzieren. Auch der Block aus „La Cage aux Folles“ profitiert von seiner ausgeprägten theatralen Erfahrung und seiner Fähigkeit, Haltung, Stimme und szenische Präsenz miteinander zu verbinden.

„Tanz der Vampire“, „Evita“, „Chess“ und „Dear Evan Hansen“ erweitern das Spektrum um dunklere, popmusikalisch geprägte und zeitgenössische Klangwelten. Gerade in der Gegenüberstellung unterschiedlicher Interpretationsstile wird sichtbar, wie weit sich das Musical von seinen klassischen Broadway-Konventionen entfernt hat. Traditionelles Musicalpathos steht neben Popästhetik, große orchestrale Geste neben einer stärker psychologisierten Musiksprache. Diese stilistische Koexistenz gehört zu den interessantesten Aspekten des Abends.


Folgerichtig führt das Finale zurück zum Ensemble. Nach den großen Solostimmen und individuell profilierten Auftritten bündelt „Let the Sunshine In“ die Kräfte des Abends. Solistinnen und Solisten, Chor, Tanzensemble und Orchester werden zu einem gemeinsamen Klang- und Bewegungskörper. Was zuvor in Einzelnummern auseinandergetreten war, findet hier zu einer kollektiven Bühnenwirkung zurück.

BROADWAY IN BADEN ist kein Broadway-Abend im engen historischen oder stilistischen Sinn und muss es auch nicht sein. Disney steht neben „Hair“, „Elisabeth“ neben ABBA, „Jesus Christ Superstar“ neben Falco. Die verbindende Idee ist nicht Homogenität, sondern die Feier einer Bühnenkunst, die populär, international und stilistisch durchlässig geworden ist.

Die Bühne Baden zeigt dabei vor allem, dass sie über die künstlerischen und infrastrukturellen Voraussetzungen verfügt, ein solches Großformat überzeugend zu tragen. Die vier Hauptrotagonist:innen verleihen dem Abend Persönlichkeit und Profil, seine eigentliche Dimension entsteht jedoch aus dem Zusammenspiel mit Chor, Tanz und Orchester.

Am Ende bleibt deshalb weniger ein einzelner Hit als ein Bühnenbild des Musicals selbst, große Stimmen, Körperlichkeit, Ensemblekraft und die Lust an der großen Geste. BROADWAY IN BADEN muss die bekannten Nummern nicht neu erfinden. Seine Stärke liegt vielmehr darin, ihnen jene unmittelbare Bühnenenergie zurückzugeben, aus der das Musical seine besondere und bis heute ungebrochene Wirkung bezieht.

5 von 6 Sternen: ★★★★★
       Kritik: Michaela Springer; Fotos: Robert Eipeldauer

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www.buehnebaden.at



 

 

 

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