31.07.2026 - FreilichtSpiele Tecklenburg
DER MEDICUS
Als zweites Musical steht in diesem Jahr „Der MEDICUS“ auf dem Spielplan der FreilichtSpiele Tecklenburg.
Die Romanvorlage „Der Medicus“ erschien 1986 und stammt vom US-amerikanischen Schriftsteller Noah Gordon. 2013 wurde die Geschichte von Philipp Stölzl verfilmt. In den Hauptrollen waren Tom Payne, Ben Kingsley und Stellan Skarsgård zu sehen.
Bei der Musicalfassung lohnt sich allerdings ein genauerer Blick, denn hier gibt es unterschiedliche Versionen. Neben der deutschen Fassung aus Fulda existiert auch die spanische Musicalfassung „El Médico“, die in Tecklenburg zu sehen ist. Musik und Buch stammen von Iván Macías, Buch und Liedtexte von Félix Amador.
Die Geschichte beginnt in London des 11. Jahrhunderts. Armut und Krankheiten bestimmen das Leben der Menschen. Mittendrin lebt Rob Cole (Jonas Basner) mit seinen Geschwistern und seiner Mutter unter schwierigen Bedingungen. Als seine Mutter stirbt, ist Rob noch nicht einmal zehn Jahre alt. Seine Geschwister werden auf verschiedene Familien verteilt, doch für Rob findet sich zunächst niemand, der ihn aufnehmen möchte. Er ist bereits zu groß und vor allem eines: zu hungrig.
Doch Rob Cole ist kein gewöhnlicher Junge. Er besitzt eine besondere Gabe: Wenn er Menschen berührt, die dem Tod nahe sind, kann er deren nahendes Ende spüren.
Schon früh entwickelt Rob ein großes Interesse an der Medizin. Anders als im Film, wo der Tod seiner Mutter durch die Seitenkrankheit stärker zum Ausgangspunkt seiner späteren Suche nach einem Heilmittel wird, steht im Musical vor allem sein allgemeiner Wissensdurst im Mittelpunkt. Rob möchte verstehen, wie der menschliche Körper funktioniert, wie Krankheiten entstehen und vor allem, wie man Menschen helfen und vielleicht sogar retten kann.
Schließlich wird er vom Bader (Benjamin Eberling) aufgenommen. Dieser zieht durch das Land und hilft den Menschen mit Kräutern, renkt Schultern wieder ein oder zieht Zähne. Rob möchte von ihm so viel wie möglich lernen und begleitet ihn auf seinen Reisen. Gleichzeitig hofft er insgeheim, dass sie irgendwann wieder nach London kommen und er seine Geschwister suchen kann.
Als sie tatsächlich wieder in London eintreffen, wird Rob Zeuge, wie ein anderer Mediziner einen Blinden wieder zum Sehen bringt. Für Rob steht damit fest: Genau das möchte auch er lernen. Er hört von Avicenna, einem Mediziner, der seiner Zeit weit voraus ist und im fernen Persien in Isfahan lehrt. Dort gilt die Medizin bereits als blühende Wissenschaft.
Nachdem der Bader gestorben ist, verkauft Rob ihren Planwagen und macht sich auf die lange Reise nach Persien. Unterwegs muss er nicht nur einen Sandsturm überstehen, sondern auch seine wahre Identität verbergen. Als Christ dürfte er Persien nicht betreten, weshalb er sich als Jude ausgibt und sogar einen neuen Namen annimmt.
Bereits auf der Reise begegnet er Mary (Myriam Akhoundov), die gemeinsam mit ihrem Vater nach Persien unterwegs ist, um Schafe zu kaufen. Später in Isfahan kommen sich die beiden näher.
Rob gelingt es schließlich, bei Avicenna (Wolfgang Höltzel) aufgenommen zu werden. Dieser erkennt schnell, dass Rob eine besondere Begabung besitzt. Rob lernt verbissen und möchte immer mehr über den menschlichen Körper erfahren. Doch auch hier stößt er auf Grenzen. Besonders die Sektion menschlicher Körper wäre für ihn von großer Bedeutung, ist zu dieser Zeit jedoch strengstens verboten und wird mit der Todesstrafe geahndet.
Gleichzeitig verschärft sich die politische Situation. Der Schah (Gerben Grimmius) hat ein Auge auf Mary geworfen und befindet sich zudem in einem immer näher rückenden Konflikt mit den Mullahs. Damit wird Rob nicht nur mit den Grenzen der damaligen Medizin, sondern auch mit den politischen und religiösen Konflikten seiner Zeit konfrontiert.
Thomas Hohler spielt den erwachsenen Rob Cole und überzeugt sowohl schauspielerisch als auch gesanglich. Besonders schön funktioniert dabei sein Zusammenspiel mit Myriam Akhoundov als Mary Cullen. Akhoundov kann vor allem bei „Dies Sturmgewitter“ einen starken Moment setzen und sorgt damit für einen echten Gänsehautmoment im Zuschauerraum.
Wolfgang Höltzel gibt einen überzeugenden Avicenna. Im Vergleich zur Verfilmung ist die Figur allerdings weniger stark herausgearbeitet. Das Musical legt seinen Schwerpunkt stärker auf die Konflikte der damaligen Zeit und auf Rob Coles persönlichen Weg. Dadurch kommt der medizinische Aspekt, also das eigentliche Lernen und die Entwicklung der Medizin, stellenweise etwas zu kurz. Auch die Pest wird beispielsweise nur kurz am Rande thematisiert.
Für etwas Leichtigkeit sorgt im ersten Akt Benjamin Eberling als Bader. Er ist gleichzeitig einer der Sympathieträger des Stücks und harmoniert hervorragend mit dem jungen Rob Cole. Gerade in dem ansonsten eher schweren und teilweise düsteren ersten Teil bringt diese Kombination etwas frischen Wind auf die Bühne.
Den jungen Rob Cole spielt Jonas Basner. Er verkörpert die Figur ebenso überzeugend wie später Thomas Hohler den erwachsenen Rob. Basner steht dabei einen großen Teil des ersten Aktes auf der Bühne und trägt die Geschichte in dieser Phase sehr souverän. Aufgrund der verspäteten Vorstellung und der dadurch nach hinten verschobener Pause konnte er den Epilog am Ende, der erst nach 23 Uhr auf dem Programm stand, leider nicht mehr singen. Das war angesichts seiner starken Leistung im ersten Akt sehr schade.
Stimmlich besonders hervorzuheben ist Gerben Grimmius als Schah. Er spielt die Figur mit großer Präsenz und überzeugt vor allem in seinen musikalischen Momenten. Besonders die „Arie des Schah“ sorgt für einen der stärkeren Gänsehautmomente des Abends.
Musikalisch ist „Der MEDICUS“ ein großes Bühnenepos, das auf der besonderen Bühne in Tecklenburg seine Wirkung entfalten kann. Das rund 30-köpfige Orchester unter der Leitung von Juheon Han trägt die Handlung im wahrsten Sinne des Wortes durch den Abend. Die Musik ist häufig episch und dramatisch und passt damit hervorragend zu der großen Geschichte.
Neben den Hauptdarstellern und dem Ensemble ist auch der große Chor der Tecklenburger ein wichtiger Bestandteil der Inszenierung. Er wird wirkungsvoll eingesetzt und füllt die große Bühne immer wieder mit Leben.
Auch optisch verändert sich das Stück im Laufe der Geschichte deutlich. Zu Beginn dominieren dunkle Grautöne und eher schlichte Kostüme. Sobald Rob Cole den Orient erreicht, wird die Ausstattung deutlich farbenprächtiger. Kostümbildnerin Fabienne Ank hat hier wieder ein gutes Gespür für die Wirkung auf der großen Tecklenburger Bühne bewiesen.
Das Bühnenbild profitiert von den Möglichkeiten, die die Freilichtbühne bietet. Besonders die Wüstenreise mit der Karawane kommt gut zur Geltung. Auch der Sandsturm wird durch Licht und Bühnennebel wirkungsvoll umgesetzt. Im Orient verändert sich zudem die Lichtstimmung und wird deutlich wärmer als im eher tristen England. Lichtdesigner Jens Janke unterstützt damit die unterschiedlichen Schauplätze sehr passend.
Auch der fahrbare Untersatz des Baders erinnert optisch stark an die bekannte Filmversion. Aus diesem werden im Laufe des Stücks immer wieder unterschiedliche Requisiten hervorgeholt, was durchaus charmant gelöst ist.
Besonders gelungen ist das Zusammenspiel von Bühnenbild und Kostümen in der Szene, in der der Schah mit Rob Cole Schach spielt. Plötzlich stehen tatsächlich lebende Schachfiguren auf der Bühne. Diese tauchen auch später immer wieder auf und werden zu einem schönen visuellen Element der Inszenierung. Schließlich lassen sich nicht nur ein Feldzug, sondern auch viele Entscheidungen und Machtspiele der damaligen Zeit als eine Art Schachspiel verstehen.
Eine weitere sehr gelungene Idee ist die Darstellung von Rob Coles Gabe. Sobald er einen Menschen berührt, der dem Tod nahe ist, friert die Szene für einen Moment ein und der Tod erscheint. Diese kurzen Unterbrechungen funktionieren auf der großen Bühne sehr gut und sorgen immer wieder für beeindruckende Bilder.
Ein kleiner Schwachpunkt bleibt für mich der erste Teil, in dem der junge Rob Cole gemeinsam mit dem Bader durch England zieht. Dieser Abschnitt zieht sich stellenweise etwas und könnte etwas kompakter erzählt sein.
Ansonsten ist „Der MEDICUS“ ein unterhaltsamer und musikalisch sehr großer Abend mit einigen beeindruckenden Bühnenmomenten. Getragen wird die Inszenierung von den Hauptdarstellern, dem Ensemble, dem Chor und natürlich dem Orchester – aber auch von den vielen Menschen hinter der Bühne, die dafür sorgen, dass dieses große Musical überhaupt funktionieren kann.
5 von 6 Sternen: ★★★★★
Kritik: Verena Bartsch; Fotos: Daniel Lagerpusch
www.freilichtspiele-tecklenburg.de























