Georg Kusztrich, Birgit Wolf

12.06.2026 - Scala/ Wien

Der Widerstand des kleinen Mannes
DER BOCKERER
Eine tragische Posse

Es gibt Stücke, die nicht altern, weil sie weniger historische Vergangenheit als gegenwärtige Mechanismen verhandeln. Ulrich Bechers und Peter Preses’ DER BOCKERER gehört zu dieser Kategorie. Mit der aktuellen Produktion in der Scala Wien löst Regisseur Bruno Max den österreichischen Klassiker aus jeder musealen Verankerung und macht ihn als zeitlose Parabel über Anpassung, Opportunismus und moralische Standfestigkeit lesbar.

DER BOCKERER erzählt die Geschichte des Wiener Fleischhauers Karl Bockerer während der Zeit des Nationalsozialismus. Während viele Menschen in seinem Umfeld die Ideologie des Regimes übernehmen, bewahrt er seine Menschlichkeit und seinen kritischen Blick. Mit Humor und Wiener Schmäh zeigt das Theaterstück, wie ein einfacher Mann durch Anstand, Zivilcourage und gesunden Menschenverstand Widerstand gegen Ausgrenzung und Unrecht leistet.

Bernhard Feit, Georg Kusztrich

Bereits die ersten Szenen verdeutlichen, dass diese Inszenierung keine nostalgische Wien-Verklärung anstrebt. Wiener Schmäh und volkstümliche Elemente bleiben erhalten, werden jedoch von einer zunehmend spürbaren Atmosphäre der Bedrohung durchzogen. Gerade in dieser Balance zwischen Komik und Tragik liegt eine der großen Stärken des Abends. Das Lachen bleibt nie folgenlos, sondern kippt immer wieder ins Unbehagen, weil die politische Dimension des Geschehens stets präsent bleibt.

Im Zentrum steht Georg Kusztrich als Karl Bockerer. Seine Darstellung zählt zu den eindrucksvollsten Leistungen des Abends. Kusztrich zeichnet den Fleischhauer nicht als heroischen Widerstandskämpfer, sondern als eigensinnigen, einfachen Menschen, der sich weigert, seinen moralischen Kompass preiszugeben. Gerade der Verzicht auf jede pathetische Überhöhung verleiht seiner Interpretation besondere Glaubwürdigkeit.
Mit großer Präzision entwickelt er die Figur über den Verlauf des Stücks. Zunächst erscheint Bockerer als grantelndes Wiener Original, das politische Entwicklungen eher kommentiert als durchdringt. Schritt für Schritt offenbart sich jedoch hinter dieser scheinbaren Sturheit eine tief verwurzelte Haltung. Kusztrich macht diesen Prozess mit feinen Mitteln sichtbar, durch Blicke, Pausen und minimale Gesten, die oft stärker wirken als große dramatische Ausbrüche.

Eva Maria Scholz, Thomas Marchart

Besonders eindringlich geraten jene Szenen, in denen Bockerer die schleichende Anpassung seines Umfelds erlebt, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft und innerhalb der eigenen Familie. Hier entfaltet Kusztrich eine bemerkenswerte emotionale Bandbreite zwischen Verletzlichkeit, Humor und stiller Entschlossenheit. Sein Spiel verleiht dem Abend eine emotionale Tiefe.

Auch das Ensemble überzeugt durch Geschlossenheit und Differenzierung. Die Figuren werden nicht auf historische Typen reduziert, sondern als Menschen in unterschiedlichen Stadien von Anpassung, Verdrängung und Opportunismus gezeigt. 

Wo Vertreter des nationalsozialistischen Machtapparats bewusst stärker typisiert erscheinen, entsteht ein wirkungsvoller Kontrast.

Birgit Wolf gestaltet als Karls Frau Binerl ein fein nuanciertes Porträt einer Frau zwischen familiärer Verantwortung und wachsender Verunsicherung. Ihre natürliche, unaufdringliche Darstellung bildet einen wichtigen Gegenpol zu Bockerers Unbeugsamkeit.

Georg Kusztrich, Randolf Destaller, Bernhard Feit, Birgit Wolf

Thomas Marchart verleiht Karls Sohn Hans Bockerer eine glaubhafte innere Entwicklung und macht die ideologische Verführbarkeit der jungen Generation nachvollziehbar, ohne in Stereotype zu verfallen.

Bernie Feit sorgt als pensionierter Postoffizial Hatzinger für komödiantische Akzente, die den Ernst des Geschehens nicht relativieren, sondern kontrastierend verstärken.

Randolf Destaller stattet dem jüdischen Rechtsanwalt Dr. Rosenblatt mit zurückhaltender Würde aus und verleiht der Figur gerade durch diese Zurücknahme besondere Tragik.

Robert Notsch überzeugt als Rayonsinspektor Guritsch mit einer differenzierten Darstellung zwischen bürokratischer Anpassung und persönlicher Ambivalenz.

Thomas Krempl, Christian Kainradl, Georg Müller Angerer

Christian Kainradl gestaltet den SS-Sturmführer Ferdinand Gstettner als erschreckend funktionale Systemfigur, deren scheinbare Normalität besonders verstörend wirkt.

Auch die zahlreichen Mehrfachbesetzungen fügen sich nahtlos in das Gesamtbild ein. Alexander Kuchar, Christina Saginth, Florian Lebek, Eva-Maria Scholz, Stephan Bartunek und Helfried Roll überzeugen durch Vielseitigkeit und präzise Figurenarbeit.

Leopold Selinger, Georg Kusztrich

Leopold Selinger hinterlässt insbesondere als Selchgruber einen nachhaltigen Eindruck. Besonders eindringlich gelingt ihm die Darstellung des Irrenhauspatienten, der sich fanatisch für den „Führer“ hält, eine ebenso groteske wie beklemmende Figur, die die ideologische Verirrung des Zeitalters in konzentrierter Form sichtbar macht.

Das Ensemble insgesamt überzeugt durch bemerkenswerte Homogenität. Trotz zahlreicher Rollenwechsel bleiben die Figuren klar konturiert und individuell erkennbar. So entsteht ein vielschichtiges gesellschaftliches Panorama, das die politischen und sozialen Bruchlinien der Zeit eindrucksvoll sichtbar macht.

Das Bühnenbild von Robert Notsch setzt auf funktionale Reduktion statt historischer Detailfülle. Mit wenigen präzise eingesetzten Elementen entstehen variable Spielräume, die den Fokus konsequent auf die Figuren lenken. Zugleich verstärkt die räumliche Verdichtung den Eindruck einer zunehmend bedrängenden gesellschaftlichen Situation.

Randolf Destaller, Georg Kusztrich

Die Kostüme von Sigrid Dreger sorgen für eine klare historische Verortung, ohne ins Museale abzugleiten. Insbesondere die Uniformen fungieren als sichtbare Zeichen politischer Macht und Ideologie, die in den Alltag hineinwirken und die Entwicklung der Figuren subtil begleiten.

Bruno Max vertraut auf die Eigenkraft des Textes und verzichtet weitgehend auf demonstrative Aktualisierungen. Gerade daraus bezieht die Inszenierung ihre Wirkung. Die Bezüge zur Gegenwart entstehen nicht durch plakative Hinweise, sondern aus den Strukturen des Stücks selbst. Die Mechanismen gesellschaftlicher Anpassung erscheinen erschreckend vertraut.

Georg Kusztrich, Robert Notsch

So erweist sich DER BOCKERER nicht als historisches Denkmal, sondern als präzise Beobachtung darüber, wie Demokratien erodieren und wie Menschen auf politischen Druck reagieren. Im Mittelpunkt steht ein Mensch, dessen Widerstand nicht aus Heldentum erwächst, sondern aus dem Beharren auf elementarer Menschlichkeit.

Das Theater des Fürchtens präsentiert in der Scala Wien damit einen eindrucksvollen Theaterabend, der Humor und Ernst, Unterhaltung und politische Reflexion überzeugend miteinander verbindet. Getragen wird die Produktion vor allem von Georg Kusztrich, dessen differenzierte Darstellung dem Abend emotionale Kraft und nachhaltige Wirkung verleiht.

Eine klug inszenierte, eindringliche Aufführung, die den Klassiker als hochaktuelles Gegenwartsstück erfahrbar macht und lange nachwirkt.

Noch bis 27. Juni 2026 in der Scala zu sehen.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★
                         Kritik: Michaela Springer; Fotos: Bettina Frenzel

  • Alexander Kuchar, Christina Saginth
  • Thomas Marchart, Georg Kusztrich-4
  • Birgit Wolf, Georg Kusztrich, Christina Saginth
  • Birgit Wolf, Georg Kusztrich
  • Christian Kainradl, Robert Notsch, Thomas Marchart
  • Christina Saginth, Georg Kusztrich
  • Ensemble
  • Eva Maria Scholz, Alexander Kuchar, Christina Saginth
  • Georg Kusztrich, Alexander Kuchar-2
  • Georg Kusztrich, Alexander Kuchar
  • Georg Kusztrich, Alexander Kuchar-3
  • Georg Kusztrich, Bernhard Feit, Birgit Wolf, Randolf Destaller
  • Georg Kusztrich, Bernhard Feit, Robert Notsch
  • Georg Kusztrich, Bernhard Feit-3
  • Georg Kusztrich, Florian Lebek, Leopold Selinger


www.theaterzumfuerchten.at/TheaterScala/



 

 

 

E-Mail
Instagram