04.10.2026 - Stadtsaal Groß-Enzersdorf/ NÖ
Christine & Alfons Noventa
Die Welt steht auf kan Fall mehr lang
Eine Nestroyade mit einer Glasur Raimund
Eine Produktion der Studiobühne Schönbrunn
Zwischen Lebensgeschichte, Originaldokumenten und lebendiger Bühnenkunst
Was bleibt von Johann Nestroy und Ferdinand Raimund, wenn man sie aus dem vertrauten Kanon der österreichischen Theatergeschichte löst und ihre Texte, ihre Lebensgeschichten und ihre Theaterwelt unmittelbar auf die Bühne holt? Erstaunlich viel und vor allem erstaunlich viel Gegenwart.
„Die Welt steht auf kan Fall mehr lang“, ein Nachmittag (Beginn war 16 Uhr) mit und von Christine und Alfons Noventa, ist weit mehr als eine Hommage an zwei zentrale Vertreter des Wiener Volkstheaters. Es ist eine persönliche, kenntnisreiche und zugleich heitere Annäherung an Nestroy und Raimund, an ihre Sprache, ihre Zeit, ihre Widersprüche und an jene Menschen hinter den literaturgeschichtlichen Namen. Der Nachmittag lebt dabei ganz wesentlich davon, dass er von beiden Künstlern gemeinsam getragen und gestaltet wird. Christine und Alfons Noventa stehen nicht lediglich als Darstellende auf der Bühne, sie entwickeln, erzählen, spielen, musizieren und vermitteln den Nachmittag als gemeinsames künstlerisches Projekt.
Dabei entsteht eine bemerkenswerte Mischung aus Theateraufführung, literarischer Spurensuche, musikalischem Nachmittag und biografischer Erzählung.
Der Lebenslauf der beiden historischen Persönlichkeiten wird erzählt, ihre Wege werden nachgezeichnet, ihre beruflichen und persönlichen Erfahrungen in Beziehung zu ihrem Werk gesetzt.
In fiktiven Interviews begegnet man Johann Nestroy und Ferdinand Raimund. Im Wechsel von präzisen Fragen und pointierten Antworten entsteht ein inszeniertes Gespräch, das historische Zusammenhänge mit persönlichen Einblicken verbindet und die unterschiedlichen künstlerischen Positionen der beiden Dramatiker herausarbeitet. So wird ihr Wirken nicht nur historisch verortet, sondern in einem lebendigen Dialog für das Publikum neu erfahrbar.
Nestroy und Raimund erscheinen nicht als entrückte Größen einer vergangenen Epoche, sondern als Menschen mit Hoffnungen, Konflikten, Erfolgen, Enttäuschungen und sehr unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben und von der Kunst.
Gerade diese biografische Ebene gibt dem Nachmittag eine zusätzliche emotionale Tiefe. Denn Literaturgeschichte wird hier nicht als Abfolge von Daten und Werktiteln präsentiert. Sie wird erzählt. Und im Erzählen entsteht Nähe.
Die Bühne benötigt dafür keine spektakuläre Ausstattung. Ihre eigentliche Ausstattung sind Sprache, Musik, Dokumente, Kostüme und vor allem die Präsenz der beiden Künstler. Christine und Alfons Noventa vertrauen auf das Material und auf die Fähigkeit des Theaters, aus wenigen Mitteln eine ganze Welt entstehen zu lassen. Das entspricht zugleich dem Geist jener Theatertradition, dem sich der Nachmittag widmet. Das Wiener Volkstheater war immer ein Ort, an dem Schauspiel, Musik, Komik, Gesellschaftsbeobachtung und unmittelbare Publikumsansprache ineinandergriffen.
Besonders wirkungsvoll ist der Wechsel zwischen Originaldokumenten und gespielten Szenen. Briefe werden nicht einfach als historische Quellen präsentiert, sondern als Stimmen aus einer vergangenen Zeit hörbar gemacht. In diesen Dokumenten begegnen uns Menschen, nicht nur Autoren. Ihre Sprache vermittelt etwas von ihren Lebensumständen, ihrer Selbstwahrnehmung und ihrer Beziehung zur Welt.
Demgegenüber stehen die szenischen Passagen, in denen Christine und Alfons Noventa in Kostüm schlüpfen und die historischen Figuren beziehungsweise deren Theaterwelt körperlich und stimmlich zum Leben erwecken. Dieser Wechsel zwischen Dokumentation und Darstellung ist ein wesentlicher dramaturgischer Reiz des Nachmittags. Eben noch scheint man einem historischen Zeugnis zuzuhören, im nächsten Augenblick befindet man sich mitten im Theater.
So entsteht ein Spiel mit verschiedenen Ebenen. Biografie trifft Literatur, Dokument trifft Fiktion, Geschichte trifft Gegenwart.
Christine Noventa entwickelt dabei eine darstellerische Präzision, die insbesondere in den Gesten sichtbar wird. Ihr Spiel ist nicht auf große Effekte angewiesen. Ein Blick, eine Veränderung der Mimik, eine Verschiebung in Haltung oder Tonfall können eine ganze Situation verändern. Gerade diese Konzentration macht ihre Darstellung wirkungsvoll. Komik entsteht häufig nicht dort, wo sie demonstrativ gesucht wird, sondern aus dem genauen Beobachten einer Figur und ihrer Widersprüche.
Hinzu kommt ihre musikalische Präsenz. Das Klavier ist Bestandteil der Dramaturgie. Musik schafft Übergänge, setzt Stimmungen, strukturiert den Nachmittag und erinnert daran, wie selbstverständlich Musik und Schauspiel im historischen Wiener Theater miteinander verbunden waren.
Alfons Noventa wiederum bringt eine markante, ausgesprochen wandlungsfähige Stimme und ein sicheres Gespür für Rhythmus und Pointe ein. Gerade die Texte Nestroys verlangen nach einer präzisen sprachlichen Behandlung. Ihr Witz liegt häufig in Nuancen, in überraschenden Wendungen, im Tempo eines Dialogs oder in der scheinbaren Beiläufigkeit eines Satzes. Noventa versteht es, diese sprachliche Architektur hörbar zu machen. Unterschiedliche Figuren erhalten eigene Tonlagen und Haltungen, ohne dass die Darstellung in bloße Typisierung abrutscht.
Die Qualität des Nachmittags liegt jedoch gerade nicht darin, dass einer den anderen überstrahlt. Christine und Alfons Noventa arbeiten als Duo. Ihre unterschiedlichen künstlerischen Mittel ergänzen einander. Schauspiel, Erzählung, Musik und Sprache verbinden sich zu einer gemeinsamen Form. Daraus entsteht eine Atmosphäre, die fachlich fundiert und zugleich ausgesprochen zugänglich ist.
Und es darf gelacht werden. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften dieses Nachmittags. Denn Nestroy und Raimund werden nicht ehrfürchtig auf ein Podest gestellt. Ihre Texte dürfen komisch sein, ihre Figuren dürfen scheitern, sich blamieren, träumen, lügen, hoffen und sich selbst überschätzen. Die Heiterkeit ist dabei keineswegs oberflächlich. Sie entspricht vielmehr einer Theaterauffassung, in der das Lachen immer auch Erkenntnis ermöglichen kann.
Besonders spannend wird dies in der Gegenüberstellung von Johann Nestroy und Ferdinand Raimund. Beide sind mit der Geschichte des Wiener Volkstheaters untrennbar verbunden, repräsentieren jedoch unterschiedliche künstlerische Temperamente.
Nestroy ist der scharfe Beobachter. Seine Komik entsteht aus sprachlicher Präzision, gesellschaftlicher Skepsis, Ironie und der Fähigkeit, menschliche Schwächen mit beinahe chirurgischer Genauigkeit freizulegen. Bei ihm ist das Lachen häufig ein Erkennen.
Raimund hingegen öffnet stärker den Raum des Märchenhaften, Poetischen und Melancholischen. Seine Figuren bewegen sich zwischen Sehnsucht und Ernüchterung, zwischen Traum und Realität. Das Komische und das Tragische liegen näher beieinander.
Der Nachmittag von Christine und Alfons Noventa macht aus diesen Unterschieden keinen trockenen literaturwissenschaftlichen Exkurs. Er lässt sie spielend und erzählend erfahrbar werden. Gerade dadurch entsteht Vermittlung, ohne dass sie nach Unterricht aussieht.
Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil historische Theaterstoffe heute leicht Gefahr laufen, entweder museal oder zwanghaft aktualisiert zu werden. Beides vermeidet die Produktion. Nestroy und Raimund müssen nicht künstlich in die Gegenwart versetzt werden. Ihre Texte bringen die Gegenwart bereits mit.
Denn hinter dem historischen Sprachduktus finden sich Fragen, die verblüffend vertraut erscheinen. Wie geht der Mensch mit einer Welt um, die sich ständig verändert? Was bedeutet sozialer Aufstieg? Wie wichtig sind Anerkennung und gesellschaftlicher Status? Warum glauben Menschen an Versprechen, die sie eigentlich längst durchschauen? Wie viel Selbsttäuschung braucht es, um den Alltag zu bewältigen? Und wie viel Humor, um die eigene Situation auszuhalten?
Gerade hier entfaltet der Titel seine besondere Wirkung: „Die Welt steht auf kan Fall mehr lang.“
Was im historischen Kontext zunächst wie eine komische, überzeichnete Klage klingt, besitzt heute beinahe eine irritierende Aktualität. Die Gegenwart ist geprägt von Krisendiagnosen, Umbrüchen, Beschleunigung und dem permanenten Gefühl, dass sich die Verhältnisse schneller verändern, als man ihnen folgen kann. Was bei Nestroy als Pointe funktioniert, kann heute ebenso als Zeitdiagnose gelesen werden.
Doch der Nachmittag verfällt nicht in Gegenwartsangst. Im Gegenteil. Er begegnet der Unsicherheit mit jener Form von Heiterkeit, die nicht verdrängt, sondern Distanz schafft. Wer lachen kann, gewinnt für einen Augenblick Abstand zu den eigenen Problemen. Vielleicht ist das eine der nachhaltigsten Funktionen des Theaters.
Gerade deshalb wirkt die Beschäftigung mit Nestroy und Raimund keineswegs rückwärtsgewandt. Sie erinnert vielmehr daran, dass sich menschliche Verhaltensweisen schneller wiederholen als politische und gesellschaftliche Systeme. Die technischen Möglichkeiten mögen sich radikal verändert haben, die menschlichen Bedürfnisse sind erstaunlich konstant geblieben - gesehen werden wollen, dazugehören wollen, geliebt werden wollen, scheitern und dennoch weitermachen.
Auch die Lebensgeschichten der Autoren, die im Laufe des Abends erzählt werden, tragen zu dieser Nähe bei. Sie machen sichtbar, dass hinter den großen Namen keine abgeschlossenen historischen Figuren stehen, sondern Menschen, deren Leben von Entscheidungen, Zufällen, Erfolgen und Brüchen geprägt war. Das Erzählen dieser Biografien erweitert den Blick auf das Werk. Man hört die Texte anders, wenn man etwas über den Menschen weiß, der sie geschrieben hat.
Damit wird der Nachmittag zugleich zu einer kleinen Lektion in Theatergeschichte, allerdings zu einer, die sich nicht wie eine Lektion anfühlt.
Christine und Alfons Noventa verbinden Information und Unterhaltung, historische Genauigkeit und persönliche Vermittlung, Literatur und Musik, Heiterkeit und Nachdenklichkeit. Gerade diese Mischung macht diese Produktion so unmittelbar.
„Die Welt steht auf kan Fall mehr lang“ ist deshalb kein nostalgischer Rückblick auf eine vergangene Theaterära. Der Nachmittag ist eine liebevolle und kenntnisreiche Begegnung mit Nestroy und Raimund, aber ebenso eine Begegnung mit dem Theater selbst und dessen Fähigkeit die Menschen zu faszinieren.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Wolfgang Springer





















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