25.09.2026 - Raimund Theater/ Wien

Disneys Die Schöne und das Biest
feiert im Raimund Theater Premiere

Marlene Jubelius (Belle), Dominik Hees (Das Biest)


Es gibt Musicals, deren Erfolgsgeschichte untrennbar mit einem bestimmten Theater verbunden ist. Disneys Die Schöne und das Biest gehört in Wien zweifellos dazu. Mehr als drei Jahrzehnte nach der deutschsprachigen Erstaufführung am 28. September 1995 kehrt der Musicalklassiker nun ins Raimund Theater zurück, nicht als museale Wiederbegegnung, sondern als technisch hochgerüstete Neuinszenierung unter der Regie und Choreografie von Matt West, der bereits an der ursprünglichen Broadway-Produktion beteiligt war.

Marlene Jubelius (Belle), Ensemble

Die Herausforderung ist beträchtlich. Ein Musical, dessen Bühnenästhetik selbst zum Erinnerungsbild geworden ist, muss zwischen Nostalgie und Gegenwart bestehen. Die Wiener Produktion entscheidet sich nicht für eine radikale Neubefragung des Disney-Klassikers. Sie vertraut vielmehr auf dessen dramaturgische Grundarchitektur und modernisiert vor allem die szenischen Mittel.

Das Ergebnis ist ein Abend von großer handwerklicher Präzision. Seine stärksten Momente entstehen dort, wo technische Perfektion und emotionales Erzählen tatsächlich zusammenfinden. Wo diese Balance weniger gelingt, zeigt sich allerdings auch, wie empfindlich die dramaturgische Mechanik eines klassischen Musicals auf Eingriffe reagieren kann.

West inszeniert Die Schöne und das Biest mit einem ausgesprochen sicheren Gespür für Timing. Szenenwechsel, Ensemblebewegungen und musikalische Übergänge greifen ineinander, ohne dass der Abend nennenswert an Tempo verliert. Gerade die großen Ensembleszenen profitieren von dieser Genauigkeit.

Simon Stockinger (Lumiére), Marlene Jubelius (Belle), Ensemble


Die Choreografie entwickelt dabei weniger eine eigenständige Bewegungssprache, als dass sie musikalische Strukturen konsequent in Bühnenaktion übersetzt. Für ein Disney-Musical ist das folgerichtig. Nummern wie „Gaston“ oder „Zu Gast“ sind nicht bloß musikalische Einschübe, sondern dramaturgische Showmaschinen. Sie müssen Charaktere definieren, Handlung vorantreiben und zugleich die visuellen Erwartungen des Publikums bedienen.
„Zu Gast“ gelingt dies besonders eindrucksvoll. Die Dienerschaft des Schlosses wird hier zum eigentlichen Motor des Abends. Tanz, Akrobatik, Slapstick und Ensemblepräzision verbinden sich zu einer Nummer, die ihre Wirkung nicht allein aus Ausstattung und Effekt bezieht, sondern aus der enormen rhythmischen Disziplin des Ensembles.
Gerade in solchen Momenten zeigt sich Wests Erfahrung mit dem Material. Die Inszenierung weiß genau, wann sie erzählen und wann sie überwältigen muss.

Oliver Huether (Maurice), Marlene Jubelius (Belle)

Im Mittelpunkt steht jedoch nicht die Show, sondern Belle. Marlene Jubelius gibt der Figur eine bemerkenswerte Eigenständigkeit. Ihre Interpretation vermeidet die passive Märchenheldin und stellt stattdessen eine junge Frau in den Mittelpunkt, die ihre Umgebung beobachtet, hinterfragt und sich nicht ohne Weiteres in die Erwartungen ihres Umfelds einfügt.

Diese Lesart ist dramaturgisch schlüssig. Sie entspricht dem heutigen Blick auf die Figur und verhindert, dass Belle ausschließlich über ihre spätere Beziehung zum Biest definiert wird.
Gleichzeitig entsteht daraus ein Spannungsfeld, das die Inszenierung nicht vollständig auflösen kann. Je autonomer Belle gezeichnet wird, desto sorgfältiger müsste die Entwicklung ihrer Beziehung zum Biest psychologisch motiviert sein. Genau hier bleibt die Inszenierung stellenweise hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Die Transformation des Biests vom aggressiven Außenseiter zum liebenden Partner ist musikalisch und szenisch klar angelegt, emotional vollzieht sie sich jedoch teilweise schneller, als es die Figurenentwicklung nahelegt.
Besonders deutlich wird dies im Schlussdrittel. Die Wiener Fassung verzichtet auf die Verfolgungsszene im Schloss, die im ursprünglichen Ablauf einen eigenen Spannungsbogen zwischen Belles Bekenntnis zum Biest und der anschließenden Konfrontation mit Gaston bildet.
Stattdessen geht die Handlung nahezu unmittelbar in den Kampf zwischen Gaston und dem Biest über.
Aus Sicht des Tempos ist diese Entscheidung konsequent. Die Inszenierung gewinnt an Straffheit und vermeidet eine weitere Actionszene. Dramaturgisch hat die Kürzung jedoch einen Preis. Das Finale kommt zu schnell.
Gerade nach der emotionalen Annäherung von Belle und dem Biest wäre ein Moment des Innehaltens notwendig, um die erreichte Veränderung wirken zu lassen. Die Verfolgungsszene hatte im ursprünglichen Ablauf nicht ausschließlich die Funktion eines zusätzlichen Actionmoments. Sie verlängerte die Spannung, gab Belles Bekenntnis Gewicht und schuf eine letzte Zwischenstufe vor der finalen Konfrontation.
In der Wiener Fassung fällt diese Zwischenstufe weg. Kaum ist die emotionale Entwicklung auf ihrem Höhepunkt angekommen, steht bereits Gaston vor dem Schloss und der Kampf beginnt. Dadurch entsteht der Eindruck, als werde das Ende regelrecht herbeigeführt.
Das ist gerade deshalb bemerkenswert, weil die Produktion zuvor großen Wert auf die Entwicklung der beiden Hauptfiguren legt. Die Beziehung zwischen Belle und dem Biest benötigt Zeit, um glaubwürdig zu werden, ausgerechnet am Ende wird diese Zeit knapp.

Der dramaturgische Effekt ist paradox. Der Abend ist über weite Strecken präzise getaktet, im entscheidenden Moment aber fast zu effizient. Der Weg zum Happy End wird verkürzt, bevor die emotionale Konsequenz des zuvor Erzählten vollständig nachhallen kann.

Eine solche Kürzung ist für eine Neuinszenierung selbstverständlich legitim. Sie muss sich jedoch daran messen lassen, was sie innerhalb der Gesamtstruktur verändert. Und hier verändert sie mehr als lediglich das Tempo einer Actionszene. Sie nimmt dem Finale einen Teil seiner Spannung und dem Schlussakkord etwas von seiner emotionalen Nachwirkung.

Dominik Hees (Das Biest)

Dominik Hees begegnet der Titelfigur mit stimmlicher Souveränität und einem ausgeprägten Gespür für deren komödiantische Möglichkeiten. Sein Biest ist weniger das düstere Märchenmonster als ein zunehmend verzweifelter, unbeholfener und schließlich liebenswerter Außenseiter.
Das macht die Figur zugänglich, nimmt ihr zugleich aber etwas von ihrer tragischen Dimension.
Gerade in den stilleren Passagen wäre mehr Zurückhaltung wünschenswert. Das Biest muss nicht ständig zeigen, dass es sich verändert. Interessanter wäre es, diese Veränderung zunächst nur anklingen zu lassen. Wo die Inszenierung Raum für solche Zwischentöne schafft, gewinnt die Figur an Tiefe. Wo sie zu rasch wieder in Komik oder große musikalische Gesten zurückkehrt, wird der emotionale Prozess verkürzt.
Die gestrichene Verfolgungsszene verschärft dieses Problem im Finale. Der Übergang vom erreichten Wendepunkt zum Kampf mit Gaston erfolgt so unmittelbar, dass für die innere Reaktion des Biests kaum Raum bleibt. Gerade hier hätte die Inszenierung die Möglichkeit gehabt, die gewachsene Figur noch einmal in ihrer neuen emotionalen Verfassung zu zeigen.

Wietske van Tongeren (Madame Pottine), Marlene Luise Biwald (Tassilo)

Über jeden Zweifel erhaben bleibt die Qualität von Alan Menkens Musik. Die Partitur verbindet romantische Themen, komödiantische Ensemblesätze und großformatige Shownummern mit einer melodischen Selbstverständlichkeit, die auch Jahrzehnte nach der Uraufführung nichts von ihrer Wirkung eingebüßt hat.

Das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter der musikalischen Leitung von Herbert Pichler macht dabei deutlich, wie orchestral reich diese Musik tatsächlich ist. Neben der großen Klangfülle überzeugen vor allem die dynamischen Abstufungen. Die romantischen Passagen erhalten ausreichend Raum, während die Ensemble-Nummern mit der nötigen rhythmischen Präzision und Energie getragen werden.

Bemerkenswert ist, dass die Musik häufig mehr über die Figuren erzählt als die Dialogszenen. Belles musikalische Linien zeichnen ihre Sehnsucht und innere Unabhängigkeit nach, das musikalische Material des Biests lässt seine emotionale Isolation hörbar werden. Menkens Partitur übernimmt damit einen Teil jener psychologischen Arbeit, die die Inszenierung nicht immer vollständig leisten kann.

Auch die neue deutsche Textfassung von Roman Hinze versucht, den bekannten Songs eine zeitgemäßere sprachliche Oberfläche zu geben. Dabei geht es weniger um eine möglichst wörtliche Übertragung als um Singbarkeit, Verständlichkeit und den Erhalt musikalischer Akzente. Für ein Musical, das seine Geschichte wesentlich über Songs erzählt, ist diese Balance entscheidend.

Marlene Luise Biwald (Tassilo), Wietske van Tongeren (Madame Pottine), Marlene Jubelius (Belle), Dominik Hees (Das Biest)

Eine der größten Stärken der Produktion liegt in der Gestaltung der Schlossbewohner. Lumière, Madame Pottine, Herr von Unruh und die übrigen verwandelten Bediensteten erhalten genau jene Mischung aus Charakterzeichnung und komödiantischer Überhöhung, die das Stück benötigt.

Simon Stockinger nutzt als Lumière seine Bühnenpräsenz überzeugend. Wietske van Tongeren und Mathias Schlung setzen als Madame Pottine beziehungsweise Herr von Unruh komödiantische Akzente, ohne die Figuren zu bloßen Nummernrollen zu reduzieren.

Auch Roy Goldman versteht als Gaston die Funktionsweise seiner Figur. Gaston ist weniger eine realistische Person als eine bewusst überzeichnete Projektionsfläche für Selbstgefälligkeit und gesellschaftliche Konvention. Linus Al Baroffio findet dazu als Lefou eine passende komödiantische Ergänzung.

Roy Goldman (Gaston), Linus Al Baroffio (Lefou), Ensemble

Gerade diese Figuren geben dem Abend seine Leichtigkeit. Sie verhindern, dass die romantische Haupthandlung in allzu große Schwere kippt und tragen wesentlich zum klassischen Disney-Ton der Produktion bei.

Die visuelle Konzeption bewegt sich zwischen klassischer Musicalillusion und zeitgenössischer Bühnentechnik. Stanley A. Meyers Bühnenbild schafft die notwendigen Räume, während Projektionen und digitale Gestaltungsmöglichkeiten schnelle Transformationen ermöglichen.
Das ist effizient, aber nicht immer illusionistisch.
Wo Projektion und physische Bühnenelemente ineinandergreifen, entstehen überzeugende Bilder. Wo digitale Hintergründe dagegen die räumliche Situation dominieren, verliert die Märchenwelt gelegentlich an Materialität. Gerade ein Stoff wie Die Schöne und das Biest lebt von der Vorstellung eines konkreten, verwunschenen Ortes. Das Publikum soll glauben, dass hinter der nächsten Tür tatsächlich ein Schlossflur beginnt und dass aus einem vermeintlich leblosen Gegenstand eine Figur werden kann.
Die neue Produktion vertraut teilweise stärker auf die Geschwindigkeit des Bildwechsels als auf die Illusion des physischen Raums.

v.l.n.r.: Mathias Schlung (Herr von Unruh), Dominik Hees (Das Biest), Simon Stockinger (Lumière), Marlene Luise Biwald (Tassilo), Birgit Arquin (Babette), Marlene Jubelius (Belle), Wietske van Tongeren (Madame Pottine)

Ann Hould-Wards Kostüme wirken dagegen weit über die Funktion bloßer Ausstattung hinaus. Sie definieren soziale Stellung, Charakter und Verwandlung und schaffen jene unverwechselbare Märchenikonografie, die für ein Disney-Musical nahezu konstitutiv ist. Unterstützt vom Lichtdesign von Natasha Katz entsteht eine visuelle Welt, die insbesondere in den großen Tableaus ihre Wirkung entfaltet.

Die Wiener Neuinszenierung von Die Schöne und das Biest ist keine Revision des Stoffes. Sie ist eine Rückkehr zu einem bewährten Musicalmodell, allerdings mit den technischen Möglichkeiten des Jahres 2026.

Ihre größte Qualität liegt in der Präzision. Musikalisch, choreografisch und organisatorisch ist der Abend bemerkenswert geschlossen. Das Ensemble arbeitet auf hohem Niveau, Menkens Musik wird mit der erforderlichen Sorgfalt behandelt, und die großen Musicalnummern besitzen jene Unmittelbarkeit, die das Genre im besten Sinne auszeichnet.

Gerade deshalb fällt die dramaturgische Straffung des Finales ins Gewicht. Die Entscheidung, die Verfolgungsszene im Schloss zu streichen und unmittelbar in den Kampf zwischen Gaston und dem Biest überzugehen, beschleunigt den Schluss erheblich. Was als Verdichtung gedacht sein mag, wirkt dramaturgisch eher wie eine Abkürzung. 

Der Schluss kommt, bevor die emotionale Entwicklung ihren nötigen Nachhall entfalten kann.
Damit liegt die auffälligste Schwäche dieser Produktion ausgerechnet dort, wo ein Musical seine größte Wirkung entfalten sollte, im Übergang von der Krise zur Auflösung.

Dennoch besitzt diese Wiener Produktion eine klare eigene Handschrift. Sie vertraut auf Präzision, Tempo, Ensemblekraft und visuelle Opulenz. Nicht jeder dramaturgische Eingriff überzeugt gleichermaßen, doch die handwerkliche Qualität ist unübersehbar.

Das Märchen bleibt. Seine Bühnenmechanik hat sich verändert. Und manchmal zeigt gerade eine kleine Kürzung, wie genau die einzelnen Zahnräder eines Musicals ineinandergreifen müssen, damit am Ende nicht nur die Handlung, sondern auch das Gefühl rechtzeitig ankommt.

4 von 6 Sternen: ★★★★
        Kritik: Michaela Springer; Fotos: VBW/Deen van Meer

Marlene Jubelius (Belle), Dominik Hees (Das Biest)


www.musicalvienna.at




 

 

 

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