Foto (c) Moritz Schell

13.06.2026 - Das MuTh/ Wien

Alfred Dorfer: GLEICH
kabarettistisches Ein-Mann-Theater

Mit GLEICH legt Alfred Dorfer ein Soloprogramm vor, das die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Erinnerung und Gegenwart, Satire und Philosophie bewusst verschwimmen lässt. In seinem kabarettistischen Ein-Mann-Theater entfaltet der Wiener Künstler ein vielschichtiges Panorama aus Figuren, Gedankenexperimenten und erzählerischen Abschweifungen. Dabei erweist sich GLEICH als weit mehr als ein klassischer Kabarettabend. Das Programm verbindet humoristische Präzision mit einer reflektierten Auseinandersetzung über Wahrnehmung, Wirklichkeit und gesellschaftliche Selbstbilder.

(c) Christian Endt

Dorfer demonstriert einmal mehr jene besondere Fähigkeit, die ihn seit Jahrzehnten zu einer Ausnahmeerscheinung im deutschsprachigen Kabarett macht. Mit beeindruckender Leichtigkeit wechselt er zwischen unterschiedlichsten Figuren und Perspektiven. Bären, Sonnenblumen, Großmütter und zahlreiche weitere Charaktere bevölkern die Bühne und werden Teil einer Erzählung, die sich bewusst einer linearen Dramaturgie entzieht. Statt einer klaren Handlung entwickelt sich ein assoziatives Geflecht aus Erinnerungen, Beobachtungen und Gedankensprüngen, das das Publikum zum aktiven Mitdenken herausfordert.

Die besondere Qualität von GLEICH liegt in seiner Offenheit. Dorfer verweigert einfache Antworten und eindeutige Lesarten. Was zunächst wie eine absurde Episode erscheint, erweist sich plötzlich als treffende gesellschaftliche Beobachtung, beiläufig formulierte Gedanken münden unvermittelt in philosophische Reflexionen. Die Übergänge zwischen Komik und Erkenntnis sind dabei fließend und bilden das eigentliche dramaturgische Fundament des Abends.

(c) Christian Endt


Bemerkenswert ist die Balance zwischen intellektuellem Anspruch und publikumsnaher Unterhaltung. Dorfers Wortwitz wirkt nie bemüht, sondern entwickelt sich organisch aus den Situationen und den präzise gesetzten Perspektivwechseln. Seine Pointen zielen nicht allein auf den unmittelbaren Lacher, sondern eröffnen zusätzliche Bedeutungsebenen. Gerade dadurch hebt sich GLEICH wohltuend von jenen Kabarettformaten ab, die vor allem auf politische Tagesaktualität oder kalkulierte Provokation setzen. Dorfer interessiert weniger die schnelle Pointe als die nachhaltige Wirkung eines Gedankens.

Dabei profitiert er sichtbar von seiner Ausbildung als Schauspieler und Pantomime. Mit minimalen gestischen Mitteln und präziser stimmlicher Gestaltung erschafft er Figuren und Situationen, die unmittelbar Kontur gewinnen. Jede Bewegung, jede Pause und jede Nuance im Vortrag ist sorgfältig gesetzt. Die Bühne wird so zu einem imaginationsreichen Raum, in dem allein durch Dorfers Präsenz unterschiedlichste Welten entstehen.

(c) Christian Endt

Inhaltlich bleibt der Kabarettist seinem Ruf als scharfsinniger Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen treu. Mit Selbstironie, feinem Gespür für menschliche Schwächen und großer Beobachtungsgabe nimmt er alltägliche Gewohnheiten, gesellschaftliche Trends und zeitgenössische Befindlichkeiten ins Visier. Dabei verzichtet er auf moralische Belehrungen. Seine Satire entfaltet ihre Wirkung gerade deshalb, weil sie aus genauer Beobachtung entsteht und dem Publikum eigene Schlüsse überlässt.

Nicht jede Passage strebt nach maximaler Pointendichte. Manche Gedankenschleifen entwickeln sich bewusst langsam und verlangen Aufmerksamkeit. Doch gerade diese Momente verleihen dem Programm seine Tiefe. GLEICH versteht sich nicht als Aneinanderreihung von Gags, sondern als theatrale Reflexion über Wahrnehmung, Erinnerung und Gegenwart. Wer bereit ist, sich auf die verschlungenen Wege von Dorfers Gedankenwelt einzulassen, wird mit einem vielschichtigen und intelligent komponierten Kabaretterlebnis belohnt.

Mit GLEICH bestätigt Alfred Dorfer eindrucksvoll seine Sonderstellung innerhalb der deutschsprachigen Kabarettszene. Die Verbindung von Satire, Schauspielkunst, Sprachwitz und philosophischer Neugier verleiht dem Programm eine bemerkenswerte Eigenständigkeit. Entstanden ist ein Abend voller überraschender Wendungen, präziser Beobachtungen und feiner Pointen, ein kabarettistisches Ein-Mann-Theater, das gleichermaßen unterhält, irritiert und zum Weiterdenken anregt.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★       Kritik: Michaela Springer

(c) Christian Endt


www.dorfer.at
          *           www.muth.at



 

 

 

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