03.10.2026 - Das MuTh/ Wien

Devid Striesow & Gioia Osthoff
FREUD! - MEIN SCHWARZER TEUFEL

Dialog zwischen Sigmund und Anna Freud

Es sind Briefe und doch entsteht im MuTh weit mehr als die Rekonstruktion eines historischen Dialogs. In FREUD! - MEIN SCHWARZER TEUFEL wird der jahrzehntelange Briefwechsel zwischen Anna und Sigmund Freud zum vielschichtigen Porträt einer außergewöhnlichen Vater-Tochter-Beziehung. Eine Beziehung, in der Liebe und Loyalität ebenso ihren Platz haben, wie Abhängigkeit, Emanzipation und die Suche nach einer eigenständigen Identität.


Gioia Osthoff
gestaltet Anna Freud mit bemerkenswerter Präsenz und großer Sensibilität für sprachliche Nuancen. Ihre Interpretation lässt die Entwicklung der Figur unmittelbar erfahrbar werden. Aus der Tochter, die sich zunächst stark am Vater orientiert, formt sich im Verlauf des Abends zunehmend eine selbstbewusste, eigenständige Persönlichkeit. Stimme, Tonfall und Haltung verändern sich subtil, große Gesten braucht es dafür nicht. Gerade diese Zurückhaltung macht den Prozess glaubwürdig. Die Briefe werden zu Stationen eines Reifungsprozesses, in dessen Verlauf Anna Freud ihre eigene Stimme gewinnt.

Devid Striesow setzt dieser Entwicklung eine bewusst zurückgenommene Präsenz entgegen. Sein Sigmund Freud ist bedächtig, konzentriert und von stiller Autorität. Dabei erscheint der Begründer der Psychoanalyse nicht als entrückte historische Ikone, sondern vor allem als Vater, zugewandt, liebevoll und zugleich von einer geistigen Autorität geprägt, der sich die Tochter nicht ohne Weiteres entziehen kann. Striesows Zurückhaltung verleiht den Worten Gewicht. Gerade weil er Freuds intellektuelle Größe nicht demonstrativ ausstellt, wird die Figur als Mensch greifbar.


Aus diesem Spannungsverhältnis bezieht die szenische Lesung einen wesentlichen Teil ihrer Wirkung. Hier die lebendige, sich wandelnde Stimme der Tochter, dort die ruhige, kontrollierte Präsenz des Vaters. Beide Figuren bleiben einander verbunden, während sie sich zugleich voneinander entfernen. Der Briefwechsel dokumentiert damit nicht nur eine familiäre Beziehung, sondern auch einen Prozess der Ablösung.

Bemerkenswert ist, dass diese Emanzipation nicht als Bruch inszeniert wird. Anna Freud muss ihren Vater nicht zurückweisen, um Eigenständigkeit zu erlangen. Ihre Entwicklung vollzieht sich vielmehr innerhalb einer tiefen Verbundenheit. Gerade darin liegt die Ambivalenz dieser Beziehung, Die Liebe zum Vater ist Halt und Bindung, Inspiration und Verpflichtung zugleich.


Der Titel FREUD! - MEIN SCHWARZER TEUFEL trägt diese Widersprüchlichkeit bereits in sich. Die Anrede klingt zärtlich und zugleich irritierend, beinahe widerspenstig. Auch der Abend verweigert sich eindeutigen psychologischen Zuschreibungen. Vater und Tochter werden nicht gegeneinander ausgespielt, vielmehr bleibt die Komplexität ihrer Verbindung bestehen, mit ihren Spannungen, Abhängigkeiten und gegenseitigen Prägungen.

So werden aus historischen Briefen erstaunlich gegenwärtige Fragen. Wie viel Einfluss darf ein Vater auf die Entwicklung seiner Tochter haben? Wann wird Nähe zur Abhängigkeit? Und wie kann Selbstständigkeit gelingen, ohne die eigene Herkunft verleugnen zu müssen? Der historische Kontext bildet dabei nicht bloß den Hintergrund, sondern verleiht diesen Fragen zusätzliche Schärfe.

FREUD! MEIN SCHWARZER TEUFEL zeigt, wie viel Theater in einem Brief liegen kann, wenn Schauspieler Worte nicht lediglich vortragen, sondern Beziehungen, Spannungen und unausgesprochene Konflikte darin hörbar werden lassen.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★
                   Kritik: Michaela Springer; Fotos: Wolfgang Springer

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