19.08.2026 - Stadttheater Baden/ NÖ

GLORIOUS!

Peter Quilters GLORIOUS! erzählt die Geschichte der exzentrischen Florence Foster Jenkins, die sich trotz offenkundig fehlender gesanglicher Fähigkeiten unbeirrbar für eine große Opernsängerin hält. In der Inszenierung von Andreas Gergen wird daraus weit mehr als eine Komödie über musikalisches Scheitern. Mit präzisem Timing, sicherer Personenführung und einem ausgeprägten Gespür für die Balance zwischen Groteske und Menschlichkeit entwickelt Gergen einen Abend, der seine Hauptfigur niemals der Lächerlichkeit preisgibt.

Die Komik entsteht vor allem aus der Diskrepanz zwischen Florence Selbstwahrnehmung und der Realität. Entscheidend ist dabei, dass Gergen diese Diskrepanz nicht zusätzlich ausstellt. Florence nimmt sich selbst vollkommen ernst und genau daraus entwickelt die Regie ihre stärksten komödiantischen Momente. Pausen, Blicke und Reaktionen werden präzise gesetzt, die Pointen entstehen aus der Situation und nicht aus übermäßiger Überzeichnung.

Damit gelingt Gergen eine anspruchsvolle Gratwanderung. Florence bleibt eine groteske Figur, wird aber zugleich als selbstbestimmte Frau sichtbar, die sich ihre eigene künstlerische Welt geschaffen hat. Die Inszenierung lässt das Publikum über sie lachen, ohne sie dem Gelächter auszuliefern. Hinter der Komik öffnet sich so der Blick auf Fragen nach gesellschaftlicher Anerkennung, künstlerischer Legitimität und Selbstermächtigung.

Im Zentrum steht Maya Hakvoort mit einer herausragenden schauspielerischen Leistung. Ihre Florence ist exzentrisch, selbstbewusst, verletzlich und von unerschütterlicher Überzeugungskraft. Hakvoort spielt die Figur nicht als Frau, die glaubt, eine Sängerin zu sein, sondern als eine Frau, für die ihre künstlerische Berufung schlicht außer Frage steht.
Ihre große Stärke liegt im komödiantischen Timing. Blicke, Gesten und fein gesetzte Pausen werden zu eigenständigen dramaturgischen Mitteln. Hakvoort überzeichnet Florence nicht, sondern nimmt ihre Haltung ernst. Dadurch bleibt hinter der grotesken Oberfläche stets die Persönlichkeit erkennbar. Die Figur wird zur selbstbewussten Bühnenpersönlichkeit und nicht zur bloßen Witzfigur.
Diese darstellerische Präzision steht in engem Zusammenhang mit Gergens Regie. Sie schafft den notwendigen Freiraum für Hakvoorts differenzierte Figurenarbeit und hält zugleich den Rhythmus des Abends konsequent zusammen.

Alexander Lutz übernimmt als Cosme McMoon eine zentrale Gegenposition zu Florence. Als Pianist erkennt er die musikalische Realität, muss sich aber zugleich auf ihre Welt einlassen. Daraus entwickelt Lutz eine Figur zwischen professioneller Verzweiflung, Loyalität und Opportunismus. Seine Reaktionen fungieren als komödiantisches und dramaturgisches Korrektiv.
Bemerkenswert ist seine Doppelrolle als Darsteller und musikalischer Leiter. Lutz verantwortet die musikalische Präzision des Abends und steht gleichzeitig selbst auf der Bühne. Die musikalischen Katastrophen werden dadurch nicht zum bloßen Effekt, sondern zu einem präzisen gesteuerten Bestandteil der Dramaturgie.

Shlomit Butbul übernimmt Dorothy, Maria und Mrs. Verindah-Gedge und zeichnet mit großer Wandlungsfähigkeit Florence soziales Umfeld. Ihre Figuren spiegeln unterschiedliche Formen von Bewunderung, Irritation, Loyalität und Berechnung. So entsteht ein Ensemble, das die Hauptfigur nicht nur begleitet, sondern ihre Wirkung auf die Umwelt sichtbar macht.

Petra Schnakenbergs Bühnenbild unterstützt die Inszenierung, indem es Florence Welt zwischen Privatsphäre, Öffentlichkeit und Selbstinszenierung verortet. Der Raum wird zum Spiegel ihrer künstlerischen Selbstwahrnehmung und zugleich zum funktionalen Spielraum für Gergens präzise Komödienmechanik. Der zusätzliche Modellbau unterstreicht die sorgfältige szenische Konstruktion.

Die nachhaltige Qualität von GLORIOUS! liegt darin, dass die Produktion die einfache Pointe „reiche Frau kann nicht singen“ hinter sich lässt. Florence Foster Jenkins war eine vermögende Mäzenin, die sich in einer von Männern dominierten Kulturwelt ihren eigenen künstlerischen Raum schuf. Sie wartete nicht auf institutionelle Anerkennung, sondern etablierte ihre eigene Öffentlichkeit.
Darin liegt die Aktualität der Geschichte. Wer entscheidet über künstlerische Qualität? Und wer besitzt das Recht, Kunst zu machen?
Gergens Inszenierung beantwortet diese Fragen nicht, sondern lässt die Ambivalenz bestehen. Gerade darin liegt ihre Stärke. Der Abend unterhält, ohne seine Hauptfigur zu entwerten, und verbindet komödiantische Präzision mit einem durchaus kritischen Blick auf gesellschaftliche Mechanismen.
Vor allem aber lebt GLORIOUS!  von der Verbindung aus Regie und Schauspiel. Andreas Gergen führt den Abend mit bemerkenswerter Präzision und rhythmischer Sicherheit, während Maya Hakvoort Florence Foster Jenkins mit großer darstellerischer Souveränität und außergewöhnlicher Bühnenpräsenz verkörpert. So wird aus der Geschichte einer vermeintlich „schlechten Sängerin“ das Porträt einer Frau, die sich ihre eigene Bühne geschaffen hat und sie mit bemerkenswerter Konsequenz behauptet.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★
        Kritik: Michaela Springer; Fotos: Christian Husar


www.buehnebaden.at



 

 

 

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