02.10.2026 - Scala/ Wien
HEXENJAGD
Wenn der Verdacht zur Wahrheit wird
Arthur Millers HEXENJAGD ist ein Drama über Angst, Macht und die zerstörerische Kraft von Anschuldigungen. Im Theater Scala wird der historische Stoff aus Salem des Jahres 1692 zu einer konzentrierten Studie über eine Gesellschaft, die ihre Ordnung verliert, weil sie den Verdacht zum Beweis erhebt. Sam Madwars Inszenierung setzt dabei auf Millers präzise Dialoge, eine klare Personenführung und ein Ensemble, das die zunehmende soziale Spannung mit bemerkenswerter Konsequenz trägt.
Das Ergebnis ist ein eindringlicher, dramaturgisch schlüssiger Theaterabend, der die historische Vorlage nicht museal behandelt, sondern ihre Mechanismen freilegt. Gerade darin liegt eine der großen Qualitäten dieser Produktion: HEXENJAGD wird nicht als bloßes Historienstück präsentiert, sondern als präzise Untersuchung gesellschaftlicher Dynamiken. Der Abend zeigt, wie Angst Wahrnehmung verändert, wie Macht sich selbst legitimiert und wie aus einer einzelnen Anschuldigung ein System werden kann.
Miller schrieb HEXENJAGD 1953. Der Rückblick auf die Hexenprozesse von Salem war deshalb von Beginn an mehr als historische Rekonstruktion. Miller interessierte der Mechanismus, der hinter solchen Verfolgungen steht. Aus Angst entsteht Verdacht, aus Verdacht wird Anschuldigung und aus der Anschuldigung institutionalisierte Gewalt.
Am Anfang steht eine Gruppe von Mädchen, die nachts im Wald beobachtet wird. Aus Angst vor Bestrafung beginnen sie, andere der Hexerei zu beschuldigen. Was zunächst wie eine persönliche Ausflucht erscheint, entwickelt sich rasch zu einem gesellschaftlichen Flächenbrand. Entscheidend ist, dass die Autoritäten die Anschuldigungen nicht hinterfragen, sondern aufnehmen und damit legitimieren.
Miller stellt deshalb weniger die Frage, ob Hexerei existiert, als jene, warum Menschen bereit sind, an sie zu glauben. Sobald der Verdacht genügt, um einen Menschen schuldig erscheinen zu lassen, verändert sich die gesamte soziale Ordnung. Wer schweigt, wird verdächtig. Wer widerspricht, gerät selbst ins Visier. Und wer andere beschuldigt, kann seine eigene Position sichern.
Genau diese Mechanik arbeitet die Scala-Produktion überzeugend heraus. Das Bedrohliche entsteht nicht durch das Übernatürliche, sondern durch die Menschen selbst. Die Inszenierung macht sichtbar, wie schnell Angst zur sozialen Währung werden kann und wie eine Gemeinschaft ihre eigene Fähigkeit zur Differenzierung verliert.
Die besondere Stärke des Abends liegt im Ensemble. Besonders Fanny Fuhs steht als Abigail Williams im Zentrum der Eskalation. Sie zeichnet Abigail nicht als eindimensionale Intrigantin, sondern als Figur, in der Verletzlichkeit, Kränkung und Machtwille ineinandergreifen. Gerade diese Ambivalenz macht die Figur glaubwürdig. Aus einem persönlichen Konflikt kann eine öffentliche Katastrophe entstehen, weil Abigail erkennt, welche Macht in der Anschuldigung liegt.
András Sosko setzt als John Proctor einen wichtigen Gegenpol. Proctor ist kein makelloser Held. Seine eigene Schuld, insbesondere seine frühere Beziehung zu Abigail macht ihn angreifbar und verleiht seinem späteren Widerstand zugleich besondere Glaubwürdigkeit. Sosko spielt diese Widersprüchlichkeit differenziert aus und vermeidet es, Proctor zum klassischen Helden zu überhöhen. Sein Kampf gegen das Gericht wird dadurch vor allem zu einem Kampf um die eigene Integrität.
Anna Sophie Krenn begegnet ihm als Elizabeth Proctor mit einer bemerkenswert kontrollierten Präsenz. Zwischen Verletzung, Misstrauen und Loyalität entsteht eine Spannung, die nicht von großen Gesten lebt, sondern von Zurückhaltung, Blicken und unausgesprochenen Konflikten. Gerade diese Reduktion verleiht der Beziehung eine hohe emotionale Dichte.
Katharina Krause gestaltet Mary Warren als eine der psychologisch interessantesten Figuren des Abends. Mary steht zwischen den Mächtigen und den Beschuldigten und wird damit selbst zum Beispiel dafür, wie ein System der Angst funktioniert. Sie weiß, was richtig wäre, findet aber nicht die Kraft, sich dauerhaft gegen den Druck der Gruppe zu stellen. Krause macht diese innere Zerrissenheit präzise und nachvollziehbar.
Mit Wolfgang Lesky als Richter Danforth tritt jene Instanz auf, die der Hexenjagd ihre institutionelle Legitimation verleiht. Lesky zeichnet Danforth nicht lediglich als brutalen Machthaber, sondern als Vertreter einer Ordnung, die von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt ist. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr dieser Figur. Wer keinen Irrtum mehr zulässt, kann auch kein Unrecht mehr erkennen.
Christoph Prückner gibt Pastor Hale eine überzeugende Entwicklung. Zunächst tritt Hale als selbstsicherer Vertreter der Hexenverfolgung auf. Im Verlauf des Geschehens wird er jedoch zunehmend mit den Konsequenzen jener Überzeugungen konfrontiert, die er selbst mitgetragen hat. Seine Figur macht sichtbar, wie aus Gewissheit Zweifel entstehen kann und wie schwer es ist, ein einmal legitimiertes System der Verfolgung wieder aufzuhalten.
Anselm Lipgens als Giles Corey und Christine Renhardt als Rebecca Nurse setzen weitere wichtige Akzente. Beide Figuren stehen für Menschen, die sich der Logik der Anschuldigung nicht ohne Weiteres unterwerfen. Ihre Präsenz erweitert das Drama über die zentralen Konflikte hinaus zu einem gesellschaftlichen Panorama.
Auch die übrigen Darsteller tragen wesentlich dazu bei, diese Gemeinschaft glaubwürdig entstehen zu lassen. Hans-Jürgen Bertram zeigt als Pastor Parris eine Autorität, die weitaus weniger souverän ist, als sie nach außen erscheinen möchte. Betty Strohofer als Betty Parris, Denise Adewole als Tituba, Valentina Himmelbauer als Mercy Lewis und Iris Pollak als Susanna Walcott gehören zu jener Konstellation, aus der die erste Welle der Anschuldigungen hervorgeht.
Hans Steunzer übernimmt mit Thomas Putnam unterschiedliche Funktionen innerhalb des Geschehens, während Marion Rottenhofer als Ann Putnam und Sarah Good ebenfalls zwei Perspektiven auf diese Gemeinschaft verkörpert. Marius Lackenbucher ergänzt als Cheever die institutionelle Ebene. Die Doppelbesetzungen verweisen dabei fast beiläufig auf einen zentralen Aspekt von Millers Drama, Salem ist kein Nebeneinander isolierter Einzelschicksale, sondern ein sozialer Mikrokosmos, in dem jeder Einzelne Teil des Systems ist.
Besonders stark ist HEXENJAGD dort, wo das Private und das Politische ineinander fallen. Abigail will John Proctor zurückgewinnen, aus dieser persönlichen Geschichte entwickelt sich eine öffentliche Verfolgung. Proctors Vergangenheit wiederum wird zur Waffe gegen ihn.
Miller verweigert damit eine einfache Einteilung in Schuldige und Unschuldige. Auch Proctor trägt Schuld. Doch seine private Schuld rechtfertigt weder die öffentliche Lüge noch die Verfolgung, die daraus entsteht. Gerade diese moralische Ambivalenz verleiht dem Drama seine nachhaltige Wirkung.
Die Scala-Produktion nimmt diese Ambivalenz ernst. Die Figuren werden nicht in Gut und Böse aufgeteilt, sondern bleiben Menschen mit widersprüchlichen Motiven. Sie handeln aus Liebe, Angst, Eitelkeit, religiöser Überzeugung oder schlicht aus dem Wunsch, selbst nicht zum Opfer zu werden. Dadurch gewinnt der Abend eine psychologische Glaubwürdigkeit, die über die historische Situation hinausweist.
HEXENJAGD ist nicht zuletzt ein Stück über Sprache. Ein Name, der genannt wird, kann über das gesellschaftliche Ansehen, die Freiheit und schließlich das Leben eines Menschen entscheiden. Eine Behauptung wird durch die Autorität des Gerichts zur vermeintlichen Tatsache.
Miller zeigt eine Gesellschaft, in der nicht mehr der Beweis über Schuld oder Unschuld entscheidet, sondern die Fähigkeit, eine Anschuldigung glaubhaft erscheinen zu lassen. Die Sprache verliert ihre Funktion als Mittel der Verständigung und wird zum Instrument der Macht.
Diese Dimension macht den Abend besonders eindringlich. Die Inszenierung vertraut auf die Stärke des Textes und lässt dessen argumentative Schärfe zur Wirkung kommen. Statt die Aktualität des Stücks mit plakativen Gegenwartsbezügen zu behaupten, lässt sie die Mechanismen selbst sprechen. Das erweist sich als kluge Entscheidung.
Die Aktualität von HEXENJAGD liegt nicht darin, Salem eins zu eins auf die Gegenwart zu übertragen. Sie liegt in der grundsätzlichen Frage, wie Gesellschaften mit Angst und Unsicherheit umgehen und wie schnell aus dem Bedürfnis nach Ordnung die Bereitschaft zur Ausgrenzung werden kann.
Gerade deshalb wirkt Millers Drama bis heute so präzise. Wo der Verdacht den Beweis ersetzt, wo Institutionen ihre eigenen Annahmen nicht mehr überprüfen und wo die öffentliche Anschuldigung bereits als Wahrheit behandelt wird, beginnt die eigentliche Gefahr.
Das Theater Scala zeigt mit HEXENJAGD einen Abend, der diese Mechanismen mit großer Klarheit offenlegt. Sam Madwars Inszenierung überzeugt durch ihre Konzentration, ihre textliche Präzision und vor allem durch ein Ensemble, das die komplexen moralischen und sozialen Konflikte glaubwürdig trägt. Die Darstellerinnen und Darsteller verleihen den Figuren individuelle Konturen, ohne den Blick auf das gesellschaftliche Ganze zu verlieren.
Gerade diese Verbindung aus psychologischer Genauigkeit und gesellschaftlicher Analyse macht die Produktion besonders gelungen. Sie ist eindringlich, ohne effekthascherisch zu werden, und aktuell, ohne den historischen Stoff zu vereinfachen.
HEXENJAGD zeigt keine Welt, in der einige wenige Menschen böse und die anderen gut sind. Es zeigt eine Gesellschaft, in der Angst die Wahrnehmung verändert und institutionelle Macht eine Lüge in Wahrheit verwandeln kann.
Die eigentliche Hexenjagd beginnt dort, wo der Verdacht den Beweis ersetzt. Die Scala macht aus diesem Gedanken einen konzentrierten und ausgesprochen sehenswerten Theaterabend, einen Abend, der lange nachwirkt, weil er nicht nur von Salem erzählt, sondern von der fragilen Grenze zwischen Angst, Macht und Wahrheit.
Noch bis 22. Oktober 2026 in der Scala zu sehen.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Bettina Frenzel
www.theaterzumfuerchten.at/TheaterScala/























