Lotte Loebenstein, Christian Kainradl

10.08.2026 - Theater im Bunker/ Mödling; NÖ

Sechshundert Jahre Sex & Crime & Kaiserschmarrn
HORRIBLE HABSBURGER!
Wenn die Monarchie aus der Rolle fällt

Wiederaufnahme im Bunker Mödling

Man muss die Habsburger nicht aus dem Geschichtsbuch holen. Es genügt offenbar, ihnen im Theater erneut eine Bühne zu geben und schon beginnen sie zu intrigieren, zu leiden, zu begehren und sich selbst zu entlarven. In der Wiederaufnahme von Bruno Max’ HORRIBLE HABSBURGER! im Bunker Mödling geht es dabei weniger darum, bekannte Skandale noch einmal aufzuwärmen, als darum, die Figuren hinter den historischen Zuschreibungen neu zu betrachten.

Eva Christina Binder, Leopold Selinger, Karl Wenninger

Das theatrale Grundprinzip ist vertraut. Das Publikum bewegt sich von Station zu Station, einzelne Episoden fügen sich zu einem grotesken Panorama des Kaiserhauses. Gerade weil die Inszenierung auf ein etabliertes Format zurückgreifen kann, verschiebt sich bei der Wiederaufnahme der Blick auf das Material. Ihrem Grundprinzip bleibt sie treu. Jede Ehrfurcht vor der Monarchie wird konsequent verweigert. Die kaiserliche Familie erscheint nicht als historische Institution, sondern als dysfunktionales Ensemble menschlicher Bedürfnisse. Macht trifft auf Angst, Pflicht auf Begehren, religiöse Überzeugung auf persönliche Abgründe. Das Historische dient dabei als Folie für Fragen, die weit über das Kaiserhaus hinausweisen: Wie viel Freiheit lässt eine Gesellschaft dem Einzelnen? Was geschieht mit Menschen, die an den Erwartungen ihrer Rolle zerbrechen? Und wie viel Privatheit bleibt einem Leben, das vollständig der Repräsentation untergeordnet ist?

Lukas Goldschmidt, Christoph Prückner

Gerade in den leiseren Momenten gewinnt HORRIBLE HABSBURGER! an Substanz. Die große Geste gehört zum ästhetischen Prinzip des Abends, doch interessanter sind jene Augenblicke, in denen hinter der Karikatur unvermittelt ein Mensch sichtbar wird. Dann funktioniert die Groteske nicht mehr bloß als Pointe, sondern als Vergrößerungsglas für menschliche Schwächen.

Besonders prägnant zeigt sich das in Christoph Prückners Darstellung des Luziwuzi. Prückner belässt es nicht bei der exzentrischen Oberfläche der Figur, sondern legt deren Verletzlichkeit frei. Hinter dem vermeintlichen „schwarzen Schaf“ der Familie werden Einsamkeit, unterdrücktes Begehren und gesellschaftliche Ausgrenzung sichtbar. Damit verschiebt sich die Perspektive des Publikums. Aus einer Figur, über die zunächst gelacht werden soll, wird zunehmend eine Figur, deren Situation Unbehagen erzeugt. Die Stärke der Darstellung liegt gerade in dieser Ambivalenz. Das Komische bleibt bestehen, erhält jedoch einen bitteren Unterton.

Monica Cammerlander, Sandra Högl

Monica A. Cammerlader setzt als Zita einen bewussten Gegenpol. Ihre Interpretation der letzten Kaiserin von Österreich ist von Haltung und innerer Konzentration geprägt. Zita erscheint als willensstarke, religiös tief verwurzelte und politisch wache Persönlichkeit, nicht als nostalgische Ikone, sondern als Frau mit ausgeprägtem Selbstverständnis und einer klaren Vorstellung von ihrer Aufgabe. Cammerlader stellt diese Autorität nicht demonstrativ aus, sie lässt sie aus der Figur heraus entstehen. Dadurch gewinnt Zita Präsenz und zugleich eine menschliche Nähe, die über die historische Zuschreibung hinausweist.

Prückner legt die Verletzlichkeit unter der Groteske frei, Cammerlader die Konsequenz hinter der repräsentativen Haltung. Beide holen ihre Figuren aus der historischen Distanz und verleihen ihnen psychologische Gegenwart. In diesen beiden Darstellungen zeigt sich exemplarisch eine Qualität, die auch das übrige Ensemble trägt. Die historischen Figuren werden nicht lediglich zitiert, sondern als widersprüchliche Charaktere lesbar gemacht.

David Czifer, Christina Saginth, Barbara Suchanka

Die Nähe zum Publikum verlangt dabei eine andere Form der Präsenz als das klassische Bühnenspiel. Zwischen Darstellenden und Zuschauenden gibt es keinen eigentlichen Schutzraum. Ein Blick kann unmittelbar treffen, eine Bewegung gewinnt durch die räumliche Nähe an Gewicht, eine Pause kann komischer oder verstörender wirken als jede ausformulierte Pointe. Das Format lebt deshalb nicht allein von seinen Szenen, sondern wesentlich von der physischen Unmittelbarkeit des Spiels.

Auch der Bunker ist längst mehr als bloßer Spielort. Seine Funktion besteht weniger darin, erklärt werden zu müssen, als darin, mit der historischen Fantasiewelt in Spannung zu treten. Die Nüchternheit des Betons bildet einen produktiven Widerstand gegen die Inszenierung höfischer Repräsentation. Wo von Kaiserwürde, Etikette und dynastischer Ordnung die Rede ist, antwortet der Raum mit kompromissloser Materialität. So wird verhindert, dass die Kostüm- und Bilderwelt in bloße Monarchie Nostalgie kippt. Die Musik verstärkt diesen Effekt.

Christian Kainradl, Valentina Himmelbauer, Iris Pollak

Darin liegt eine der interessantesten Qualitäten des Abends. HORRIBLE HABSBURGER! macht sich nicht nur über die Monarchie lustig, sondern auch über unsere anhaltende Bereitschaft, sie zu verklären. Die Inszenierung bedient die Faszination für Kaiserhaus, Skandale und höfische Exzentrik und entzieht ihr zugleich den Boden. Je prächtiger die Oberfläche, desto deutlicher treten die menschlichen Risse darunter hervor.

So entsteht eine eigentümliche Verbindung von Groteske und Charaktertheater. Die einzelnen Szenen wollen weniger historisch belehren als zuspitzen. Überzeugend wird das dort, wo die Übertreibung nicht zum Selbstzweck gerät, sondern eine Figur in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar macht. Die Satire gewinnt dann an Tiefe, weil sie nicht bei der Demontage stehen bleibt.
Und dann besitzt der unterirdische Spielort noch einen ganz gegenwärtigen Vorteil. Während draußen der Hochsommer seine ganze Wucht entfaltet, bleibt es im Bunker angenehm kühl. Die monarchischen Abgründe mögen erhitzt sein, das Publikum darf es zumindest temperaturmäßig gelassen nehmen.

Bettina Soriat

HORRIBLE HABSBURGER! muss seine Skandale nicht neu erfinden, um erneut Wirkung zu entfalten. Seine eigentliche Erneuerung liegt in den Figuren. Wo hinter der historischen Karikatur Verletzlichkeit, Pflichtbewusstsein oder Machtbewusstsein sichtbar werden, bekommt die satirische Oberfläche Risse. Durch diese Risse blickt etwas, das erstaunlich gegenwärtig wirkt: der Mensch hinter der Rolle.

In HORRIBLE HABSBURGER! werden noch bis 29. August im 15 Minuten-Takt die Besucher:innen durch den bespielten Bunker geführt. Allerdings sind schon alle Vorstellungen ausverkauft. Man kann sich aber auf die Warteloiste setzen lassen.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★
                    Kritik: Michaela Springer; Fotos: Bettina Frenzel

  • Bruno Max, Monica Cammerlander
  • Xiting Shan, Eva Lorenzo, Ulrike Hübl-2
  • Xiting Shan, Eva Lorenzo, Ulrike Hübl
  • Alexander Kuchar, Leopold Selinger, Sibylle Kos
  • Alexander Kuchar, Sibylle Kos, Leopold Selinger
  • Bernie Feit, Georg Müller Angerer, Marion Rottenhofer, David Stöckl-1
  • Bernie Feit, Georg Müller Angerer, Marion Rottenhofer, David Stöckl
  • Bernie Feit, Georg Müller Angerer, Marion Rottenhofer, David Stöckl-2
  • Christian Kainradl, Valentina Himmelbauer, Iris Pollak
  • Christian Kainradl
  • Christina Saginth, Barbara Suchanka, Sandra Högl
  • David Czifer, Marius Lackenbucher, Stephan Bartunek
  • David Ignjatovic, Anna Dangel, Katharina Krause
  • David Ignjatovic, Anna Dangel, Katharina Krause-1
  • Felix Frank


www.theaterzumfuerchten.at/TheaterImBunker/



 

 

 

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