08.07.2026 - Tschauner Bühne/ Wien
Indiana Tschones und das Königreich des Fetzenschädels
Mit „Indiana Tschones und das Königreich des Fetzenschädels“ verlegt Autor und Regisseur Thomas Schreiweis den Mythos des legendären Archäologen augenzwinkernd nach Wien. Ausgehend von einem rätselhaften Erdloch auf der Linken Wienzeile entwickelt sich eine irrwitzige Geschichte über eine verborgene Welt unter der Stadt. Wiener Schmäh, popkulturelle Referenzen und klassische Abenteuerfilm-Motive verbinden sich zu einer originellen Bühnenreise voller Tempo, Humor und Fantasie.
Eine besondere Qualität der Produktion liegt in ihrer Form als Stegreifrevue. Während Figuren, Handlung und dramaturgischer Rahmen festgelegt sind, entstehen die Dialoge Abend für Abend neu. Diese offene Struktur verleiht jeder Vorstellung einen eigenen Charakter und verlangt vom Ensemble ein hohes Maß an Spontaneität, Reaktionsfähigkeit und komödiantischer Präzision.
Thomas Schreiweis beweist in seiner Regie ein ausgeprägtes Gespür für Timing und Rhythmus. Die Inszenierung entwickelt sich mit flott, bleibt dabei aber stets klar und nachvollziehbar. Statt sich in einer reinen Parodie zu erschöpfen, erschafft Schreiweis eine eigenständige Theaterwelt, in der absurde Situationen und pointierte Dialoge zu einem stimmigen Ganzen verschmelzen.
Musikalisch wird die Abenteuerreise durch bekannte Pop- und Rockklassiker von Falco, den Bangles, Elton John oder Gloria Gaynor erweitert. Die Songs werden mit neuen Texten versehen und präzise in die Handlung integriert. Die musikalische Leitung von Markus Richter unterstützt dabei wirkungsvoll das Tempo der Inszenierung, während die Choreografien von Bettina Soriat für dynamische Ensemblemomente und zusätzliche komödiantische Energie sorgen.
Das Ensemble trägt die Produktion mit großer Spielfreude und beeindruckender Sicherheit. Gerade die Improvisationsstruktur stellt hohe Anforderungen an Konzentration und Zusammenspiel, eine Herausforderung, die alle Beteiligten souverän meistern.
Valerie Bolzano überzeugt als Staatsdienerin mit einer gelungenen Mischung aus autoritärer Strenge, Pflichtbewusstsein und trockenem Humor. Sie zeichnet eine Figur, die gerade durch ihre scheinbare Unbeweglichkeit inmitten des chaotischen Geschehens komische Wirkung entfaltet.
Eva D. verleiht der Würstelstandbesitzerin eine starke Bodenständigkeit und viel Wiener Charme. Mit natürlicher Präsenz und präzisem komödiantischem Timing schafft sie eine Figur, die das absurde Geschehen immer wieder in einer vertrauten Alltagswelt verankert.
Jürgen Kapaun gehört zu den markantesten Erscheinungen des Abends. In mehreren Rollen, als Straßenarbeiter, Bestattungsmitarbeiter und Fetzenschädel überzeugt er mit großer körperlicher Ausdruckskraft, enormer Spielfreude und einem sicheren Gespür für Situationskomik. Seine Präsenz und sein konsequentes Spiel machen ihn zu einem der Höhepunkte der Produktion.
Isabel Meili setzt als investigative Journalistin starke Akzente. Mit Energie, Schlagfertigkeit und großer Bühnenpräsenz verleiht sie ihrer Figur Profil und sorgt für zusätzliche Dynamik innerhalb des Ensembles.
Martin Oberhauser überzeugt mit souveräner Bühnenroutine und einem feinen Gespür für die kleinen komischen Momente. Auch in kürzeren Szenen gelingt es ihm, seine Figur wirkungsvoll zu etablieren.
Bernhard Viktorin bildet als bewusst angelegter Gegenentwurf zum klassischen Abenteuerhelden den gelungenen „Anti-Jones“. Mit präziser Figurenzeichnung, pointiertem Spiel und ausgeprägtem Sinn für komödiantische Nuancen setzt er einen wichtigen Kontrapunkt innerhalb des Ensembles.
Die Chemie zwischen den Darstellerinne und Darstellern ist über den gesamten Abend hinweg spürbar. Dialoge entwickeln sich mit natürlicher Dynamik, Reaktionen sitzen punktgenau und die gemeinsame Spielfreude wird zum zentralen Motor der Inszenierung.
Auch die Ausstattung trägt wesentlich zur Wirkung des Abends bei. Sigrid Dreger greift bekannte Abenteuerfilm-Motive auf und interpretiert sie mit viel Humor neu. Die Kostüme verleihen den Figuren eine unverwechselbare visuelle Identität, während das detailreiche Maskenbild von Monika Krestan die fantasievolle und bewusst überzeichnete Ästhetik unterstützt.
„Indiana Tschones und das Königreich des Fetzenschädels“ erweist sich als weit mehr als eine reine Genreparodie. Die Produktion spielt mit Mythen, Verschwörungserzählungen und der menschlichen Lust am Geheimnisvollen. Aus einem unscheinbaren Erdloch entsteht eine abenteuerliche Unterwelt, die Wiener Alltag und internationale Heldenerzählungen humorvoll miteinander verbindet.
Die Stärke der Inszenierung liegt in ihrer Leichtigkeit und ihrem präzisen Zusammenspiel aller künstlerischen Ebenen. Sie setzt nicht auf spektakuläre Effekte, sondern auf Sprachwitz, Improvisationskunst, liebevoll gezeichnete Figuren und ein Ensemble, das jede Szene mit großer Spielfreude trägt.
Mit „Indiana Tschones und das Königreich des Fetzenschädels“ gelingt Thomas Schreiweis eine charmante und eigenständige Komödie, die Abenteuerfilmklischees mit Wiener Humor verbindet. Regie, Musik, Choreografie, Ausstattung und Schauspiel greifen harmonisch ineinander und schaffen einen unterhaltsamen Theaterabend voller Tempo, Fantasie und pointierter Komik, ein gelungener Beitrag zum sommerlichen Spielplan.
Das Stück steht noch bis 2. August auf dem Spielplan.
5 von 6 Sternen: ★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Bettina Frenzel
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