21.06.2026 - Raimund Theater/ Wien
Zwischen Unschuld und Selbstbestimmung:
DAS PHANTOM DER OPER
Abschied aus Wien
Andrew Lloyd Webbers DAS PHANTOM DER OPER zählt zu jenen Werken des Musiktheaters, die längst über den Status eines Publikumserfolgs hinausgewachsen sind. Seit seiner Uraufführung 1986 hat sich das Musical als moderner Klassiker etabliert, dessen Faszinationskraft bis heute ungebrochen ist. Die aktuelle Produktion der Vereinigten Bühnen Wien bestätigt eindrucksvoll, weshalb das Werk auch nach vier Jahrzehnten nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat. In der Vorstellung vom 21. Juni 2026 verbanden sich musikalische Exzellenz, opulente Bühnenbilder und ein geschlossen agierendes Ensemble zu einem Theaterabend von hoher emotionaler Intensität. Im Mittelpunkt stand dabei Leonie Kappmeyer als Christine Daaé.
Die Partie der Christine gehört zu den anspruchsvollsten Rollen des Musicalrepertoires. Sie verlangt gleichermaßen vokale Virtuosität wie darstellerische Differenzierung, um die Entwicklung einer jungen Frau zwischen künstlerischer Entfaltung, emotionaler Verunsicherung und wachsender Selbstbestimmung glaubhaft nachzuzeichnen. Kappmeyer gelingt dies mit bemerkenswerter Souveränität.
Besonders hervorzuheben ist ihre Fähigkeit, innere Vorgänge nicht allein über Gesang und Text, sondern vor allem durch subtile Mimik und präzise Körpersprache sichtbar zu machen. Ihre Christine gewinnt dadurch eine außergewöhnliche emotionale Glaubwürdigkeit. Die Spannungsfelder der Figur, zwischen Faszination und Angst, Sehnsucht und Widerstand werden in jedem Moment nachvollziehbar. Kappmeyer entwickelt die Rolle mit feinen Nuancen und verleiht ihr eine Tiefe, die weit über die einer romantischen Heldin hinausgeht.
Dabei wahrt sie die Balance zwischen jugendlicher Verletzlichkeit und innerer Stärke. Ihre Christine besitzt jene Unschuld, die für die Figur charakteristisch ist, ohne jemals naiv zu erscheinen. Gleichzeitig wird früh jene Entschlossenheit spürbar, die sie im Verlauf der Handlung zunehmend emanzipiert auftreten lässt. Gerade diese Entwicklung macht Kappmeyers Interpretation so überzeugend.
Auch gesanglich erfüllt sie höchste Ansprüche. Ihr klar geführter Sopran verbindet Leuchtkraft mit Wärme und bewahrt selbst in exponierten Höhen seine mühelose Eleganz. Die lyrischen Passagen gestaltet sie mit großer Sensibilität, während sie den dramatischen Momenten die erforderliche Intensität verleiht. Bemerkenswert bleibt dabei die hohe Textverständlichkeit, die den musikalischen Ausdruck jederzeit mit erzählerischer Präzision verbindet.
Als Phantom überzeugt Anton Zetterholm mit einer Interpretation, die die widersprüchlichen Facetten der Figur eindrucksvoll vereint. Seine Darstellung bewegt sich zwischen bedrohlicher Präsenz, tiefer Verletzlichkeit und tragischer Größe. Zetterholm zeichnet das Bild eines zutiefst einsamen Menschen, dessen Obsession aus unerfüllter Sehnsucht erwächst. Mit kraftvoller Stimme und differenzierter Rollenarbeit verleiht er der Titelfigur eindringliche Konturen.
Niels Bouwmeester gestaltet Raoul als glaubwürdigen Gegenpol zur düsteren Welt des Phantoms. Seine Darstellung verbindet Noblesse und Aufrichtigkeit mit jener emotionalen Offenheit, die den Konflikt zwischen den drei Hauptfiguren trägt. Dadurch gewinnt das zentrale Beziehungsgeflecht an zusätzlicher Spannung.
Auch in den Nebenrollen präsentiert sich die Produktion auf hohem Niveau. Patricia Nessy verleiht Madame Giry eine geheimnisvolle Autorität, während Lilly Rottensteiner als Carlotta mit Temperament und komödiantischem Gespür überzeugt. Das Ensemble agiert geschlossen und spielfreudig, das Corps de Ballet beeindruckt insbesondere in den großen Szenenbildern durch Präzision und Ausdrucksstärke.
Musikalisch entfaltet die Produktion ihre volle Wirkung durch den unverwechselbaren Klang Andrew Lloyd Webbers. Das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter der Leitung von Michael Römer verbindet orchestrale Kraft mit feiner Differenzierung und verleiht den bekannten Melodien jene emotionale Strahlkraft, die das Werk seit Jahrzehnten auszeichnet. Die musikalische Leitung versteht es, große dramatische Bögen ebenso überzeugend zu gestalten wie die intimen Momente der Partitur.
Die Wiener Produktion erweist sich damit als eindrucksvolle Bestätigung der zeitlosen Qualitäten dieses Musicalklassikers. Sie überzeugt nicht allein durch ihre spektakuläre Ausstattung und ihre musikalische Qualität, sondern vor allem durch die Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Figuren zeichnet und deren emotionale Konflikte auf die Bühne bringt.
Mit der Dernière am 28. Juni bietet sich dem Publikum letztmals die Gelegenheit, diese Produktion in ihrer aktuellen Besetzung zu erleben. Gerade die hohe Qualität des Ensembles und die Geschlossenheit der Inszenierung machen einen erneuten Besuch lohnenswert und unterstreichen den Stellenwert dieser Aufführungsserie innerhalb der Wiener Musicallandschaft.
Mit DAS PHANTOM DER OPER ist den Vereinigten Bühnen Wien eine Produktion gelungen, die den hohen Erwartungen an einen der bedeutendsten Musicaltitel der Gegenwart in jeder Hinsicht gerecht wurde. Die Wiener Laufzeit zeichnete sich durch künstlerische Kontinuität, musikalische Qualität und eine bemerkenswerte Ensembleleistung aus. Die Verbindung aus aufwendiger Ausstattung, präziser musikalischer Umsetzung und emotionaler Erzählkraft machte die Inszenierung zu einem Publikumserfolg und zugleich zu einem überzeugenden Beispiel dafür, wie zeitlos modernes Musiktheater sein kann.
Wenn sich am 28. Juni der Vorhang zum letzten Mal hebt, endet eine Spielserie, die eindrucksvoll gezeigt hat, weshalb Andrew Lloyd Webbers Werk auch vierzig Jahre nach seiner Uraufführung nichts von seiner Wirkung verloren hat. Die Produktion hinterlässt den Eindruck eines sorgfältig gestalteten Gesamtkunstwerks, das die Wiener Musicalgeschichte um ein weiteres bemerkenswertes Kapitel bereichert hat.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★ Kritik: Michaela Springer

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