02.11.2026 - Das Vindobona/ Wien 

Stefan Jürgens DRACULA

Manche literarischen Stoffe entfalten ihre volle Wirkung erst dann, wenn sie nicht nur erzählt, sondern mit Stimme, Klang und Präsenz zum Leben erweckt werden. Stefan Jürgens gelingt dies mit seiner szenischen Lesung von Bram Stokers Klassiker DRACULA auf eindrucksvolle Weise. Er macht aus dem bekannten Vampirmythos ein atmosphärisch dichtes Hörerlebnis, das sein Publikum von Beginn an in die düstere Welt der Erzählung führt.

Dabei vertraut Jürgens nicht allein auf die Wirkung des gesprochenen Wortes. Musik und gezielt eingesetzte Geräusche ergänzen die Lesung um eine eigenständige akustische Dimension. Sie schaffen Spannungsräume, verstärken die unheilvolle Grundstimmung und setzen wirkungsvolle dramaturgische Akzente. Gerade im Wechsel von Sprache, Klang und Stille entstand jene beklemmende Atmosphäre, in der das Unheimliche nicht unmittelbar sichtbar sein muss, um dennoch allgegenwärtig zu wirken.

Das eigentliche Zentrum ist jedoch Jürgens Stimme. Wandelbar, ausdrucksstark und von bemerkenswerter Präsenz wird sie zum tragenden Gestaltungsmittel der Inszenierung. Mit präziser Modulation, einem subtilen Spiel mit Tonlagen und gezielten stimmlichen Akzentuierungen verleiht er Stokers Sprache eine suggestive Kraft. Er liest nicht einfach vor, sondern interpretiert, verdichtet und inszeniert. Dabei versteht er es, die Spannung der Vorlage aufzunehmen und über weite Strecken aufrechtzuerhalten. Die bedrohliche Präsenz des Vampirs wird ebenso hörbar, wie die psychologische Unruhe, die Stokers Erzählung durchzieht.

Besonders eindrucksvoll gerät die Differenzierung der Figuren. Jürgens gibt ihnen jeweils eine eigene stimmliche Identität, variiert Klangfarbe, Rhythmus und Ausdruck und macht so die unterschiedlichen Charaktere auch ohne visuelle Unterstützung unmittelbar erfahrbar. Diese Wandlungsfähigkeit verleiht der Lesung eine szenische Qualität, ohne dass sie ihre literarische Grundlage aus dem Blick verliert. Die Figuren gewinnen Kontur, die Dialoge an Lebendigkeit und die wechselnden Perspektiven der Erzählung an dramaturgischer Klarheit.

So zeigt sich, wie weit sich das Format einer literarischen Lesung über das bloße Vortragen eines Textes hinaus entwickeln lässt. Jürgens verbindet sprachliche Präzision mit schauspielerischer Ausdruckskraft und einem ausgeprägten Gespür für Rhythmus und Atmosphäre. Im Zusammenspiel mit der sorgfältig abgestimmten Klangkulisse entsteht ein intensives Kopfkino, das die Grenzen zwischen Lesung und Hörspiel stellenweise verschwimmen lässt, ohne den besonderen Reiz des Live-Erlebnisses aufzugeben.

Am Ende bleibt mehr als die Begegnung mit einem Klassiker der Schauerliteratur. Es ist vor allem die Erinnerung an einen Schauspieler, der die Möglichkeiten seiner Stimme konsequent auslotet und damit eine ganze literarische Welt entstehen lässt, düster, geheimnisvoll und von ungebrochener Faszination. Stefan Jürgens macht DRACULA nicht nur hörbar, sondern spürbar und führt sein Publikum mitten hinein in die Abgründe des Stokerschen Vampirmythos.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Wolfgang Springer

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www.stefanjuergens.com




 

 

 

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