30.07.2026 - Stadttheater Baden/ NÖ
Zwischen Rollenbild und Realität
TOOTSIE
Die Musicaladaption des Filmklassikers TOOTSIE gehört zu jenen Werken, die auf den ersten Blick als leichte Unterhaltung erscheinen, bei näherer Betrachtung jedoch gesellschaftliche Fragen von erstaunlicher Aktualität aufwerfen. Die Bühne Baden hat sich dieses Broadway-Erfolgs (Tony für das beste Buch von Robert Horn 2019) angenommen und präsentiert eine Inszenierung, die den Spagat zwischen temporeicher Komödie und nachdenklicher Charakterstudie mit bemerkenswerter Leichtigkeit meistert. Das Ergebnis ist ein ebenso unterhaltsamer wie klug konzipierter Musicalabend, getragen von einer spielfreudigen Besetzung und einer Regie (Felix Seiler), die den Rhythmus der Vorlage souverän auf die Bühne überträgt.
Im Mittelpunkt steht der talentierte, aber eigenwillige Schauspieler Michael Dorsey. Weil seine Kompromisslosigkeit ihn nahezu unvermittelbar macht, entscheidet er sich aus der Not heraus zu einem ungewöhnlichen Schritt. Als Dorothy Michaels verkleidet bewirbt er sich für eine Frauenrolle in einem Musical und wird überraschend engagiert. Während Dorothy zum gefeierten Publikumsliebling avanciert, gerät Michaels Privatleben zunehmend außer Kontrolle. Seine Gefühle für Julie Nichols und das Netz aus Halbwahrheiten und Missverständnissen führen zu einer ebenso komischen wie berührenden Geschichte über Identität, Ehrlichkeit und Empathie.
Gerade diese inhaltliche Ebene hebt TOOTSIE über die klassische Verwechslungskomödie hinaus. Das Musical nutzt Humor nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, gesellschaftliche Rollenbilder und den Umgang miteinander kritisch zu hinterfragen.
Die Regie setzt konsequent auf Tempo, Präzision und Situationskomik. Die zahlreichen Orts- und Szenenwechsel erfolgen nahezu filmisch und verleihen der Produktion eine Dynamik, die das Publikum von Beginn an mitnimmt. Pointen werden nicht forciert, sondern entwickeln sich organisch aus den Figuren und ihren Beziehungen. Dadurch bleibt die Komik glaubwürdig und behält auch in den ruhigeren, emotionaleren Momenten ihre Wirkung.
Besonders gelungen ist die Balance zwischen Boulevardkomödie und ernsthafter Auseinandersetzung mit Fragen nach Identität und Gleichberechtigung. Die Inszenierung vertraut auf die Stärke des Stücks und verzichtet auf plakative Aktualisierungen. Gerade diese Zurückhaltung verleiht den behandelten Themen zusätzliche Glaubwürdigkeit.
Das variable Bühnenbild überzeugt durch seine hohe Funktionalität. Mit wenigen, flexibel eingesetzten Elementen entstehen unterschiedlichste Spielorte, ohne den Fluss der Handlung zu unterbrechen. Gerade in einem Musical, das von raschen Szenenwechseln lebt, erweist sich diese Reduktion als großer Vorteil.
Das Herzstück der Produktion ist Simon Stockinger als Michael Dorsey und Dorothy Michaels. Die Rolle verlangt nicht nur stimmliche Qualität und komödiantisches Talent, sondern auch die Fähigkeit, zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten glaubhaft miteinander zu verbinden.
Stockinger meistert diese Herausforderung mit beeindruckender Souveränität. Seine Darstellung lebt von feinem Humor, präziser Körpersprache und bemerkenswerter Wandlungsfähigkeit. Besonders überzeugend gelingt ihm, Dorothy Michaels niemals zur bloßen Karikatur werden zu lassen. Stattdessen entwickelt er eine eigenständige Figur mit Würde, Charisma und emotionaler Tiefe. Auch gesanglich überzeugt er mit sicherer Technik und großer Bühnenpräsenz.
Neben der starken Hauptrolle profitiert die Produktion vor allem von einem Ensemble, das mit hoher Präzision und sichtbarer Spielfreude agiert. Besonders Sebastian Brummer setzt als Jeff Slater markante Akzente und entwickelt sich zu einer der prägenden Figuren des Abends. Mit exzellentem komödiantischem Timing, trockenem Witz und großer Selbstverständlichkeit gestaltet er Michaels Mitbewohner weit mehr als nur den klassischen Sidekick. Seine Pointen sitzen punktgenau, seine Reaktionen sind fein nuanciert und seine Präsenz verleiht selbst kurzen Szenen besonderes Gewicht. Vor allem im Zusammenspiel mit Simon Stockinger entsteht eine Dynamik, die zu den stärksten Momenten der Aufführung zählt. Brummer beweist dabei nicht nur ausgeprägtes komödiantisches Gespür, sondern auch eine bemerkenswerte Natürlichkeit, die seiner Figur Authentizität und Sympathie verleiht.
Clara Mills-Karzel gestaltet Julie Nichols mit großer Natürlichkeit und feinem Gespür für die emotionalen Facetten ihrer Figur. Ihre warme Stimme harmoniert hervorragend mit Simon Stockinger und verleiht den gemeinsamen Szenen berührende Intensität.
Missy May verkörpert Sandy Lester mit Temperament, Charme und Selbstironie.
Als Ron Carlisle überzeugt Franz Frickel mit kontrollierter Bühnenpräsenz und feinem Gespür für den trockenen Humor der Figur. Seine Interpretation greift bewusst das Klischee des exzentrischen Regisseurs auf, der sich als unangefochtene Autorität versteht, kaum Widerspruch duldet und den weiblichen Ensemblemitgliedern mit unverhohlenen Avancen begegnet. Frickel überzeichnet diese Charakterzüge mit sicherem komödiantischem Timing, ohne die Figur ins Groteske abgleiten zu lassen. So entsteht ein vielschichtiges Rollenporträt, das gleichermaßen amüsiert und dennoch problematischen Machtstrukturen des Theaterbetriebs sichtbar macht.
Clemens Otto Bauer legt den eitlen Max van Horn bewusst pointiert an und sorgt damit für zahlreiche Lacher.
Eine besondere Erwähnung verdient Marika Lichter als Produzentin Rita Marshall. Mit ihrer langjährigen Bühnenerfahrung, ihrer Eleganz und ihrem sicheren Gespür für Pointen verleiht sie der Rolle unverwechselbares Profil. Ihre Auftritte besitzen Strahlkraft, bleiben dabei aber stets in den Dienst des Ensembles gestellt.
Auch Martin Berger fügt sich als Manager Stan Fields stimmig in das homogen agierende Ensemble ein.
Die musikalische Umsetzung bewegt sich auf hohem Niveau. Das Orchester unter der Leitung von Michael Zehetner begleitet die Sänger:innen mit Präzision und rhythmischer Energie und sorgt für jenen charakteristischen Broadway-Sound, der die Produktion trägt. Ensemble-Nummern entfalten ebenso große Wirkung wie die Soli, die durch Ausdruckskraft und stilistische Sicherheit überzeugen.
Auch die Choreografien fügen sich organisch in die Handlung ein. Sie dienen nicht bloß als Showelemente, sondern erzählen die Geschichte konsequent mit und unterstützen den dramaturgischen Fluss.
Bemerkenswert ist, wie zeitgemäß TOOTSIE heute wirkt. Fragen nach Geschlechterrollen, Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt erhalten in dieser Inszenierung eine selbstverständliche Präsenz, ohne jemals belehrend zu wirken. Gerade diese Leichtigkeit macht die gesellschaftliche Aussage umso wirkungsvoller.
Mit TOOTSIE ist der Bühne Baden eine Produktion gelungen, die Unterhaltung und künstlerischen Anspruch überzeugend miteinander verbindet. Präzise Regie, ein funktionales Bühnenbild, musikalische Qualität und ein hervorragend disponiertes Ensemble ergeben einen ebenso kurzweiligen wie intelligenten Theaterabend. Simon Stockinger trägt die Aufführung mit einer beeindruckenden Leistung in der anspruchsvollen Doppelrolle, doch auch das Ensemble setzt starke Akzente. Besonders Sebastian Brummer erweist sich mit seinem präzisen Spiel und seinem feinen komödiantischen Gespür als wesentliche Stütze der Inszenierung. Gemeinsam mit Clara Mills-Karzel, Franz Frickel, Missy May und Marika Lichter prägt er eine Produktion, die eindrucksvoll zeigt, dass modernes Musicaltheater weit mehr sein kann als bloße Unterhaltung. Es kann zum Nachdenken anregen, ohne dabei Leichtigkeit, Charme und Humor einzubüßen.
TOOTSIE ist noch bis 29. August in Baden zu sehen.
5 von 6 Sternen: ★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Lalo Jodlbauer/ Bühne Baden
























